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Die „Causa Lobrecht“: Welche Lehren sich aus #Affengate ziehen lassen

Der Stand-up-Comedian Felix Lobrecht bei seinem Special "Hype" in Nürnberg
Comedian Felix Lobrecht bei seinem Special „Hype“ in Nürnberg (Foto: Stefan Brending unter cc by-sa 3.0)

Mal ein absurder Gedanke: Da macht ein Comedian, sagen wir, Felix Lobrecht, auf der Bühne Witze über Tiere, die aufgrund menschlichen Fehlverhaltens tragisch ums Leben kamen – und bis auf die Fans in der Show interessiert es niemanden. Auf Twitter bricht kein Sturm der Entrüstung los, kein Politiker empört sich, keine Vertreterin eines Tierschutzvereins empfiehlt Interessierten, ihr Geld nicht für Karten für Lobrecht auszugeben. Und die Bild-Zeitung fragt nicht beim Veranstalter der nächsten Lobrecht-Show nach, ob man diese absagen könnte.

Klar, heute schwer vorstellbar. Ist aber genauso passiert. Im Mai 2016 ließen unbekannte Täter, mutmaßlich militante Tierschützer, in München mehrere Tiere aus einem gastierenden Zirkus frei. Darunter war eine Kuh, die dann von einem Lkw erfasst wurde und von einem Jäger getötet werden musste. Über diesen Vorfall sprach Lobrecht in seinem ersten Stand-up-Special Kenn ick (hier etwa der Ausschnitt vom Auftritt in der Berliner Columbiahalle im Mai 2018). Und dann? Blieben alle ruhig. Die Welt drehte sich weiter. Genauso übrigens nach Lobrechts Witzen über Ponys (ebenfalls aus Kenn ick) oder dem Bit über das Anzünden von Tauben (Kölner Comedy-Nacht 2018).

Anderthalb Jahre später also nun Witze über das Anzünden von Affen. Und das geht offenbar gar nicht. „Wollen wir mal über die abgefackelten Affen sprechen?“, fragt Lobrecht Mitte Januar bei einem Auftritt und bezieht sich auf den Brand im Affenhaus im Krefelder Zoo.

Bei dem Feuer starben mehr als 30 Tiere, vermutlich wegen einer abgestürzten Himmelslaterne. Die mutmaßlichen Täter, drei Frauen, stellten sich der Polizei. Lobrecht unter anderem: „Ich glaube, Affen brennen richtig gut.“ Oder: „Die tragen ja permanent eine Jacke aus Grillanzünder.“ Oder: „Affen brennen hervorragend.“

„Comedian verhöhnt tote Affen“, titelt die Bild-Zeitung. Eine Frau vom Tierschutzverein Düsseldorf sieht die Würde der Tiere und der Trauernden verletzt. Eine Politikerin der Tierschutzpartei sagt: „Jeder Besucher sollte sich gut überlegen, ob er ausgerechnet da sein Geld ausgeben will.“ Beim ersten Auftritt nach der „Affenschande“ (Zitat Bild) fragt eben diese Bild auch:Aber hätte man Lobrecht nicht einfach den Auftritt verbieten können?“ Und stellvertretend für die vielen vielen Kommentare unter dem Affen-Video auf Youtube kann man etwa den von User HDFREAK1968 heranziehen:

„Was bist du für ein eklehafter Typ?? Sich über die verbrannten Affen lustig machen!! Unfassbar soviel Dummheit!!! Das ist keine Comedy ,das ist abartige Scheiße du Spinner! Und das Publikum das da noch lacht und applaudiert hat sein Gehirn wohl an der Garderobe abgegeben!“

(Kurz durchatmen.)

Derartige Vorgänge kennt man eigentlich nur bei den klassischen deutschen Aufregerthemen: Klimaschutz und Doppelnamen von Frauen. Hier können Comedians ohne große Anstrengung provozieren und Aufmerksamkeit abschöpfen. Da fügt sich die Sorge um das Wohl von Tieren, die Lobrecht angeblich beleidigt, natürlich wunderbar ein. Und sicherlich hat die Aufmerksamkeit auch nicht geschadet: zum Beispiel dem Comedy-Kanal Stand-up 44, den Lobrecht vor kurzem auf auf Youtube mitgründete, und dessen erstes Video das Bit über die brennenden Affen ist.

Und doch: Felix Lobrecht ist kein Provokateur, zumindest nicht um des Provozierens willen. Es gibt einige fundamentale Unterschiede zwischen der Aufregung um das Affen-Bit und etwa der Aufregung um Dieter Nuhrs Greta-Thunberg-Bashing. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen. So lassen sich einige Lehren aus der Causa Lobrecht ziehen.

1. Gelegenheit macht Shitstorm

„So’n Pony is‘ nich‘ cool“ Zur Poetik der Tierdarstellungen im Werk Felix Lobrechts – das wäre mal ein vielversprechendes Thema für eine Seminararbeit in Germanistik. Lobrecht mag Tiere, zumindest thematisiert er sie häufig in seinen Jokes. Bei der aus dem Zirkus „befreiten“ Kuh, den Tauben oder den Ponys blieb die Aufregung jeweils aus. Was die Kritiker jetzt umtreibt, ist also kaum der Tierschutz.

Es geht nicht um eine konkret verletzte objektive Norm. Bestimmte Themen sind für Journalistïnnen einfach dankbar. Weil sie dann aus einem Ereignis nicht eine einzelne Nachricht machen können, sondern drei, vier, fünf. Weil sie sie immer weiterdrehen, bei Politikern nachfragen und Experten oder sich ansehen, was das Netz dazu sagt. Was soll die arme Frau vom Tierschutzverein auch sagen, wenn sie nach ihrer Meinung gefragt wird? Sie muss kritisieren.

Manchmal ist ein Skandal ein Skandal, aber manchmal macht ihn auch die Gelegenheit erst dazu. Und dann ist die Auswahl willkürlich. Über diese Willkür macht sich Lobrecht übrigens in Kenn ick lustig, wenn er sagt: „Behinderte Hunde! Da zieh‘ ich meine Grenze. Tote Babys? Ne. Aber behinderte Hunde gehen gar nicht.“ Oder im Affen-Bit selbst, wenn er sich ausmalt, wie Ausländerfeinde den Brand instrumentalisieren würden, wären die mutmaßlichen Täter Ausländer: „Nicht mit unseren Affen! Affen sind mir richtig wichtig auf einmal!“

2. Kein Thema ist für Comedy tabu

Manche Comedians provozieren, wollen hinterher aber alles gar nicht so gemeint haben. Dann empfehlen sie allen, sich doch mal zu beruhigen und Witze auch mal auszuhalten. Das ist gar nicht schwer: Man nimmt ein Reizthema, über das ohnehin gestritten wird, und schlägt sich auf eine Seite. Der Aufwand ist gering. Ideal für faule Comedians.

Bei Felix Lobrecht aber greift diese Sichtweise zu kurz. Er hat zwar über ein gewisses Reizthema gesprochen, der kleine Shitstorm entstand aber nicht, weil er sich zu wenig Gedanken zum Thema gemacht hat. Lobrecht ist kein fauler Comedian, sondern ein sehr fleißiger. Denn: Witze sind mehr als ihr Thema. Witze sind Punchlines, Witze sind kunstvolle Setups. Witz entsteht auch aus Persönlichkeit. Zum Witz gehört die Weltanschauung, die dahinter steht. Lobrecht ist wie wenige Comedians ständig auf der Suche nach neuen Prämissen, also: neuen Blickwinkeln auf die Welt. Er ist extrem selten hacky. Selbst wenn er über Rollstuhlfahrer spricht, ein absolut ausgelutschtes Thema, versucht er, eine neue Perspektive einzunehmen.

Bei den Affen ist die Prämisse etwa, Tiere danach zu bewerten, wie gut sie brennen. Kein normaler Mensch würde eine solch verrückte Position einnehmen. Aber, so erklärt es Comedian und Veranstalter Hans Thalhammer etwa: Comedians könnten es auf der Bühne tun. „Dann wird es schnell abgefahren“, sagt er. „Und vielleicht ja sogar witzig.“ Sicherlich aber nicht: vorhersehbar und langweilig.

3. Kontext is king of comedy

Liest man Artikel zum Thema, könnte man meinen, Felix Lobrecht hätte sich mit einer offiziellen Verlautbarung in die Öffentlichkeit gedrängt und uns diese um die Ohren gehauen. Seht her, Affen brennen gut! Das ist meine Meinung!

Das ist aber nicht der Fall. Es gibt einen Grund, warum er gegen Eintrittspreis in Hallen spricht, warum man seine Bücher kaufen kann, warum man auf bestimmten Youtube-Kanälen Videos von ihm sehen kann und auf anderen eben nicht. Er richtet sich an die, die ihn sehen und dafür auch Geld zahlen wollen. An alle anderen richtet er sich nicht. Obwohl er einer der bekanntesten deutschen Comedians ist, kann man Felix Lobrecht sehr gut aus dem Weg gehen. Und wenn Menschen ihn bewusst suchen und zu seinen Shows gehen, wissen sie meistens, worauf sie sich einlassen.

Sie kennen zum Beispiel Lobrechts Bühnenpersönlichkeit. Sie wissen, dass er gerne den Proll ausstellt, sich an ihm ergötzt und ihn im nächsten Moment schon lächerlich macht. Sie können einordnen, dass Witze wie der über die Affen auch auf den Sprecher selbst gemünzt sind – und damit auf alle im Publikum: Mein Gott, was für Leute es gibt… und manchmal sind wir das.

Das macht die Witze nicht besser oder schlechter. Aber man kann diese Sprechsituation nicht einfach ausblenden. Wenn man es tut, holt man wie die Bild-Zeitung alle gewaltsam ins Boot und tut so, als wären einem Lobrechts Äußerungen auf unerträgliche Weise aufgedrückt worden.

4. Nicht jeder muss jede Form der Comedy verstehen

Wer mit einem Roman nicht zurechtkommt, stellt ihn zurück ins Regal. Wer einen Film nicht mag, drückt auf der Fernbedienung den nächsten her. Keine große Sache. Wer mit einem Witz von Felix Lobrecht nichts anfangen kann – schreibt Beleidigungen ins Internet?

Bei Comedy werden Menschen aus irgendeinem Grund emotional. Vielleicht hat es damit zu tun, dass niemand gerne als humorlos gilt. Auf jeden Fall fühlen wir uns von Witzen angegriffen, die wir nicht lustig finden. Es scheint, als gäbe es nur Zustimmung oder radikale Ablehnung bis hin zur Forderung eines Auftrittsverbots.

Comedy ist nicht gleich Comedy. Es gibt Dutzende Spielarten. Nicht jeder muss jeden Sketch von Monty Python gut finden, jeden Clip von Mr Bean, jede Folge von Comedy Bang Bang, jeden Witz von Fips Asmussen. Dass es verschiedene Geschmäcker gibt, kann uns nicht ernsthaft überraschen. Niemand kann alles mögen. Niemand ist humorlos, wenn er etwas nicht mag. Und ob man nun Felix Lobrecht für einen Provokateur hält oder für einen der kreativsten Stand-up-Comedians in Deutschland, der sich Mühe gibt, nicht hack zu sein: Auch ihn kann man zurück ins Regal stellen. Abhaken und weiterklicken.

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