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Darf man wieder über Louis CK lachen?

Der US-amerikanische Stand-up-Comedian Louis CK
Stand-up-Genie mit schlimmen Fehlern: Louis CK (Foto: David Shankbone/cc by 3.0)

Angenommen, jemand hätte sich vor zweieinhalb Jahren in ein Loch in der Erde verkrochen, hätte unterirdisch abgeschirmt gelebt und wäre dann zufällig vergangene Woche aus einem Gully vor dem Kongresszentrum in Basel gekrochen, hätte noch, da großer Stand-up-Fan, in letzter Minute ein Ticket ergattert und hätte dann die Show des US-amerikanischen Comedians Louis CK besucht. Hätte dieser Mensch irgendetwas gemerkt? Irgendwas von dem, was in der Zwischenzeit passiert war?

Der Spiegel hat einen Reporter in die Schweiz geschickt, der festhält:

„In Basel macht [Louis CK], bekleidet mit einer zerbeulten Jeans und einem schwarzen Sweatshirt, zum Beispiel Witze über die Opfer der Attentate vom 11. September, über körperlich oder geistig Gehandicapte, über Menschen mit Vorfahren in Asien und Afrika. Er macht Witze über Dicke und über nicht besonders große Leute, über die Fiebermessmethoden der Franzosen. Und er macht Witze über praktisch alle Arten von Sex.“

Der öffentlich-rechtliche Schweizer Sender SRF fasst zusammen: „Holocaust, Behinderte, Pädophilie und Jihadismus – im Programm kamen alle denkbaren Tabuthemen vor.“

Klingt eigentlich ziemlich genau nach Louis CK. Aber trotzdem ist 2019 natürlich alles anders.

Darf Louis CK zurückkehren? Kann man ihm vergeben?

Im Zuge von #Metoo warfen fünf Frauen dem Comedian vor, vor ihnen masturbiert zu haben. CK entschuldigte sich daraufhin öffentlich, zog sich zurück. Und steht jetzt wieder auf großen Bühnen. Was nun?

Ist eine Rückkehr möglich, fragt der SRF-Artikel. Der Spiegel sogar, „inwiefern Vergebung überhaupt möglich ist nach der Enthüllung und Ächtung von #MeToo-Tätern“. Und immer wieder taucht die Frage auf: Darf man jetzt über Louis CK wieder lachen?

Beide Artikel – der Spiegel differenzierter, der beim SRF holzhammeriger („Ist der Ruf erst ruiniert…“) – lassen mitschwingen, dass der Comedian eigentlich immer schon ein Ekel-Comedian war, ein schlimmer Tabubrecher, der nun als noch viel schlimmerer Tabubrecher zurückgekehrt ist. Als hätte man es zu irgendeinem Zeitpunkt schon ahnen können, was für ein Mensch dieser Louis CK ist. Beispiel dafür gibt es aber keine. Der Spiegel lässt eine Demonstrantin zu Wort kommen: „Dieser Kerl macht sogar aus dem Holocaust einen Witz.“ Als wäre das irgendwie ungewöhnlich für CK und für sich genommen schon ein No-Go.

Wer den Kopf schüttelt, dass nun auf Bühnen solche Tabus gebrochen werden, der macht es sich zu einfach. Der hat weder Louis CKs Karriere noch die generelle Entwicklung der Stand-up-Comedy verfolgt, der das Austeilen oder Überschreiten von Grenzen (meistens) kein Selbstzweck oder bloße Provokation ist. Der Fall ist komplizierter. In ihm überlagern sich drei große Problemstellungen:

1. Louis CK war wichtig für Comedy

„Der Amerikaner Louis CK ist berühmt damit geworden, dass er sich um Geschmacksgrenzen und die Gefühle anderer Menschen nicht schert“, heißt es beim Spiegel. Das greift zu kurz. Er ist berühmt geworden als kreativer Filme- und Serienmacher, als brillanter Comedian. Der Produzent und Regisseur Judd Apatow sagte in einem Interview mit Vanity Fair über CK:

„He changed comedy. He made everyone work harder. He made everybody do more sets. He made everybody think differently. His show was innovative. He‘s not just a person, he‘s a symbol to people.“

Er ist nicht irgendwer, sondern eine Figur, die Bedeutung hat für eine ganze Branche und an die sich gewisse Erwartungshaltungen knüpfen. Das allein macht die Sache schon kompliziert: „So we want the symbol to be kind. We want the symbol to grow and to learn and be a positive force.“

2. Die Trennung Kunstwerk/Künstler

Lassen sich Künstler und Kunstwerk voneinander trennen? Gehen schlechte Eigenschaften und Taten eines Künstlers auf seine Werke über? Gehen beim Betrachten der Werke bzw. beim Konsumieren von Louis CKs Stand-up seine schlechten Eigenschaften, sein Selbstmitleid, seine Taten auf mich als Konsument über? Wenn ich seine Kunst gutheiße, bedeutet das, dass ich auch seine Taten als Mensch gutheiße?

Das sind komplizierte Fragen, die uns mit schöner Regelmäßigkeit als Pro- und Contra-Artikel im Feuilleton begegnen (z. B. bei Casey Affleck, Woody Allen, Roman Polanski etc.). Abschließend zu beantworten sind sie nicht. (Funfact: Joseph Goebbels hat vor seiner Zeit als Nazi-Minister übrigens mal einen Roman namens Michael geschrieben. That‘s a tough one für die Literaturkritik – könnte man sagen, wenn das Buch nicht wirklich lächerlich schlecht wäre. Glück gehabt.)

3. Lachen als positive Zustimmung

Vor allem in Deutschland ist die Auffassung verbreitet, dass Lachen etwas ausschließlich Positives und Bejahendes ist. Wer ehrlich und aufrichtig lacht, macht sich, so dieser Gedanke, zu 100 Prozent gemein: nicht nur mit dem Inhalt des Witzes, sondern auch mit dem Absender. Folgt man dieser Logik, billigt man also alles am Witzeerzähler. Im kleinen Stil seine individuellen Ticks, sein Kratzen am Hintern, seine Meinungen, bis hin zu individuellen Fehltritten und Verbrechen. Und im großen Stil macht man sich dann mitschuldig an einer frauenfeindlichen Gesellschaft, an rape culture und toxischer Männlichkeit.

Bei Comedians, deren Währung das Lachen ist, wird die ohnehin schon schwierige und niemals pauschal mögliche Trennung zwischen Künstler und Kunstwerk also noch mal schwieriger bis unmöglich. Beziehungsweise: in Deutschland nochmal unmöglicher als unmöglich.


Dieser riesige Problemknoten ist nicht so einfach aufzudröseln, und schon gar nicht endgültig lösbar. Die gesellschaftliche Diskussion ist ständig im Fluss. Der Knoten Louis CK ist also eher ein Wollknäuel, das man in einen Raum mit einem Rudel aufgeputschter Katzen wirft.

Aber vielleicht ist ja tatsächlich irgendwas dazwischen möglich: Louis‘ Taten zu veruteilen und ihn trotzdem als Stand-up-Comedian gut finden? Genauso ist es möglich, seine Stand-up wegen seiner Taten nun schlecht zu finden, oder sich wegen seiner schlechten Witze für ihn zu interessieren. Oder sich wegen seiner guten Witze nicht für ihn zu interessieren. Vielleicht kann man lachen und trotzdem differenziert genug sein, nicht frauenfeindliche Gesellschaftsstrukturen perpetuieren. Auch Feministïnnen können zu Louis CK gehen. Und vielleicht kann Lachen ja auch mehr bedeuten als ein Tusch im Karneval.

Darf man lachen? Diese Frage kann uns niemand abnehmen

Dürfen wir wieder zu Louis CK gehen? Vielleicht hilft es der Debatte ein bisschen, wenn wir diese Frage als überflüssig erkennen. Denn es gibt auf sie keine Antwort. Und schon gar nicht hat irgendjemand die Autorität, sie endgültig zu beantworten. Das kann nur die Gesellschaft gemeinsam. Klar wäre es schön, wenn uns solche Entscheidungen abgenommen würden. Wir alle wollen lieber erledigte Fälle, wir wollen Sicherheit. Aber niemand kann das für uns übernehmen. Wer „Darf man“ fragt, der hätte gern eine Packungsbeilage, eine Kultur-Ampel für Kunstwerke, mit Angabe schädlicher Inhaltsstoffe.

Welche Haltung man einnimmt, ist letzten Endes egal. Nur eines steht fest: Man kann es bei Louis CK nach #Metoo nicht nicht mehr tun. Das ist schwer, wenn Humor ins Spiel kommt. Denn Humor ist ein fieses trojanisches Pferd, ein gefährliches Vehikel für Gedanken. Ehe man sich in Klaren darüber ist, was man hört, hat man manchmal schon gelacht. Das Hirn wird immer zu spät kommen, dem intuitiven Lachen aus dem Bauch einen Riegel vorzuschieben. Humor, das ist seine große Kraft, drückt uns Gedanken auf, die wir vielleicht gar nicht haben wollten.

Der Spiegel-Autor bekennt sich am Ende des Textes drum: „[U]nd ich gebe zu, auch ich habe meistens mitgelacht […].“ Es ist ok. Über geschmacklose, gute, schlechte oder wie auch immer geartete Witze zu lachen, ist keine Schande. Aber wer ein schlechtes Bauchgefühl bei manchen Witzen hat – der könnte es auch einfach mal ernst nehmen und erforschen, abwägen, für sich entscheiden, anstatt auf eine Erlaubnis von außen zu warten.