Comedy is ■■■■■ ■■■ pain

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Comedians bezeichnen sich gerne als truth tellers, nehmen es mit den Fakten aber dann gar nicht so genau. Wie viel Wahrheit braucht ein Witz?

In einem Bit über “die” Antifa sagt der Comedian Nikolai Binner unter anderem Folgendes: “Immer diese Leute, die so sagen: Ich wär damals im Widerstand gewesen. Digger, du hast vor drei Jahren bei Twitter geschrieben: ‘Ungeimpfte sind Sozialschädlinge, denen die Grundrechte weggenommen gehören.’ Aber du wärst im Widerstand gewesen, du kleiner Racker.” 

Gemeint ist hier: im Widerstand, damals, gegen die ursprünglichen Nationalsozialisten der NSDAP vor gut 100 Jahren. Menschen sind eitel und prahlen mit allem Möglichen. Aber das scheint mir doch einen Ticken zu weit hergeholt. Und will ich zwar nicht ausschließen, dass Binner mal tatsächlich jemandem begegnet sein sollte, der so etwas sagte, halte ich es doch für wenig glaubhaft, dass dies mehr als ein Einzelfall war. Ich kann mir kaum vorstellen, dass so einer Person von anderen anwesenden Personen nicht widersprochen würde. 

Bei Binner dagegen: “diese Leute”, also eine mehr oder weniger klar umrissene Gruppierung, die solche Äußerungen “immer” tätigt. Das passt in das Œuvre, in dem er gerne verzerrte Bilder zeichnet, wahlweise von Linken, Grünen, Progressiven, Antifa*lern, Klimaaktivisten etc. Und möglicherweise glaubt er selbst, was er sagt, möglicherweise argumentiert er bewusst böswillig. Aber egal, wie man zu “diesen Leuten” steht: Es ist doch einfach nicht wahr.

Spätestens hier kann also man die Frage stellen: Galten nicht irgendwann einmal “Wahrheit” oder “Wahrhaftigkeit” als bedeutende Werte im Handwerk von Comedians und die Künstler selbst als truth-tellers? Ist nicht Comedy, wie ein bekannter Sinnspruch geht, truth and pain? “Comedy is truth”, sagte Joan Rivers. “Art is the ability to tell the truth”, sagte Richard Pryor.

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Und doch: Das Publikum lacht bei Binner. Der Wahrheitsgehalt scheint hier keine Rolle zu spielen. Braucht Comedy am Ende gar keine Wahrheit? Oder lacht man hier möglicherweise über etwas anderes als den Witz selbst?

Nähern wir uns diesen Fragen aus einer anderen Richtung und versuchen so, den Witz zu umzingeln. Dazu besuchen wir kurz ein anderes Feld, das sich auch sehr häufig komischer Mittel bedient, nämlich das der Satire. Anfang September erschien bei der Welt ein mit “Satire” gelabelter Beitrag. “Wegen Sexismus-Gefahr – Oktoberfest-Kellnerinnen nur mit Burka”, lautet der Titel. Aufgrund von “Diskussionen um die leicht bekleideten Frauen” auf einem Traditionsfahrgeschäft würden die Wiesnwirte nun umdenken. Aus Sicherheitsgründen würden alle Kellnerinnen nun Burka tragen, heißt es. Es solle unbedingt der Eindruck vermieden werden, dass es auf dem Oktoberfest ungesittet zugehen könne. Unter anderem soll das Lied In München steht ein Hofbräuhaus umbenannt werden in Oans, zwoa, Allah.

Tugendterror auf der Wiesn? Oh no. Was war passiert? Tatsächlich hatte die städtische “Gleichstellungsstelle für Frauen” auf sexistische Darstellungen von Frauen aufmerksam gemacht. Eine Figur zitierte den um 1900 herum herrschenden Brauch, auf dem Oktoberfest im Rahmen von “Völkerschauen” aus Kolonien verschleppte Frauen auszustellen. “Diese Geschichte schwingt in solchen Darstellungen mit”, erklärte in der Süddeutschen eine Kulturwissenschaftlerin. Und dass das Oktoberfest traditionell ein, nun, unguter Ort für Frauen ist, ist jährlich Thema in den Medien. Sexualisierte Übergriffe sind die Kehrseite der ausgelassenen Feierei. Einerseits als Fest für einen gewaltlosen, respektvollen Umgang mit Frauen einzustehen, und gleichzeitig Frauen in Darstellungen zu sexualisieren und objektifizieren – das ist halt eine schwierige Position. Die Gleichstellungsstelle tat, wofür sie gegründet wurde, und wies darauf hin. Und auch beim Fahrgeschäft erkannte man den Widerspruch und veränderte die Figuren. 

Satire ist nicht Satire, weil sie überspitzt und provoziert

Worum es geht: Vermeintliche Kleinigkeiten (Figuren an einem Fahrgeschäft) stehen symbolisch für komplexe, kulturhistorische Aufarbeitung und große gesellschaftliche Schieflagen (Gewalt gegen Frauen und Rassismus). Worum es nicht geht: um Freizügigkeit oder Unsittlichkeit, oder darum, dass sich jemand an “leichter Bekleidung” störte. Es geht auch nicht um die Islamisierung des Oktoberfests gar, die der Satirebeitrag mit seiner reflexhaften Berufung auf Burka und Allah suggeriert.

Nichts dagegen, wenn ein Sachverhalt ins Absurde übertrieben wird. Aber Satire wird nicht zur Satire, weil sie überspitzt und provoziert. Sie wird zur Satire, weil sie das mit einem bestimmten Zweck tut. Aber was genau wird hier übertrieben, welche inneren Logiken werden sichtbar gemacht? Der Beitrag blendet die Hintergründe wie die Gewaltproblematik oder die Völkerschau-Ikonografie aus, um mit Prüderie ein Problem zu verspotten, das so doch gar niemand hat. Warum sollte eine Institution wie eine Gleichstellungsstelle, die sich gegen rassistische Kolonial-Ikonografie wendet, plötzlich Kleidervorschriften wie in islamischen Ländern erlassen?

Der Text ergibt nur Sinn, wenn man unterstellt, dass “Gleichstellung”, “Political Correctness”, “islamistische Kleidervorschriften”, “Feminismus” und (in der Ulf-Poschardt-Variante) “Taliban” beliebig austauschbare Begriffe sind. Der Text folgt keiner argumentativen Logik, er bedient ein Ressentiment gegen eine diffuse Gruppe. Es ist ein klassischer Fall von “im Kopf des Autors hat grad eben noch alles Sinn gemacht”. Der Beitrag lässt die wichtigsten Elemente der Debatte weg und verzerrt die Darstellung der Wirklichkeit gravierend. Um eine schöne Formulierung auszuborgen: Der Beitrag ist “obsessed with making shit up and getting mad about it”. Die gesamte Pointenkette läuft ins Leere.

Für Satire ist das ein Problem. Sie darf (und meinetwegen auch: soll) zuspitzen, übertreiben, ins Absurde kippen. Aber diese Freiheit kostet etwas, sie wird bezahlt mit dem Anspruch, über einen gesellschaftlichen Missstand aufzuklären. Wer Satire machen möchte (und der Beitrag in der Welt tut das explizit), spießt auf, verspottet, macht sich lustig. Aber er tut es mit einem Ziel. Wenn also Satire verzerren und überspitzen kann, wie sie möchte, gilt das für ihre Form, für das Verfahren, nicht aber für die Faktenbasis. Denn sonst wird ja über nichts aufgeklärt, sondern im schlimmsten Falle sogar verschleiert. Und das ganze Projekt stürzt in sich zusammen. 

Das war zum Beispiel auch das Problem mit dem jüngsten Aufreger von Dieter Nuhr. In einer Ausgabe von Nuhr im Ersten im Juni erklärte er (richtig), dass die allermeisten Männer keine Mörder seien, empfahl dann Frauen weiter, ihre Sexualpartner erst mal kennenzulernen, damit sie nicht so leicht an einen Mörder gerieten. Weniger richtig, denn man weiß, dass Gewalt gegen Frauen häufig nicht von Unbekannten ausgeübt wird, sondern von ihren Partnern. Wie sollte man also Nuhrs Empfehlung interpretieren? Ich meine, hier wurde doch den Frauen ein Teil der Verantwortung zugeschoben, und es fällt schwer, das nicht als Ausblenden des Problems zu verstehen.

Man sollte Satire an ihrem eigenen Anspruch messen

In einer Reaktion auf die Kritik schrieb die ARD: “In Satireformaten gilt es jedoch auch die künstlerische Freiheit zu achten. ‚Nuhr im Ersten‘ ist eine bekannte vom rbb produzierte Satiresendung. Dieter Nuhr darf grundsätzlich als Künstler vor dem Hintergrund der Kunstfreiheit auch provozierend und zugespitzt formulieren.”

Darf er, klar. Aber wo überspitzt denn Nuhr eigentlich? Etwa beim Ratschlag an Frauen, ihre Sexualpartner erst einmal kennenzulernen? Und wenn das die Überspitzung ist – eine mildere Variante dieses Gedankens (z. B. “Frauen, gebt auf euch acht!”) würde ja trotzdem am Problem vorbeigehen. Und falls es Provokation sein soll, wer genau soll denn hier eigentlich provoziert werden? Die Mörder? Die Gesellschaft? Oder vielleicht doch Menschen, die für Nuhrs Geschmack zu häufig darauf hinweisen, dass Gewalt durch Männer ein Problem ist?

Nun führt der Sender Nuhr im Ersten als Satiresendung bzw. nimmt sie als solche in Beschlag. Wir müssen also davon ausgehen, dass das, was dort geäußert wird, ein Ziel verfolgt, zum Beispiel über gesellschaftliche Missstände aufzuklären oder Widersprüche und Heucheleien aufzuspießen. Aber wer aufklären möchte, ist zur Genauigkeit verpflichtet – wie sollte man sonst aufklären? Hier wird über nichts aufgeklärt, sondern verdunkelt. Denn Aufklärung ohne korrekte Fakten ist keine Aufklärung. Der Satiriker Nuhr scheitert am (zwar nicht von ihm selbst, aber von der ARD) deutlich formulierten Anspruch.

Nur zur Klarheit: Ich behaupte hier nicht, dass jedes Element der Satire wahr sein muss. Sonst wäre eine Sendung wie Die Anstalt etwa auch gar nicht denkbar (und ein Roman wie Gullivers Reisen ließe uns die Köpfe explodieren). Die Wahrheitspflicht betrifft den Ankerpunkt in der realen Welt, auf dem die Pointen ihre Wirkung aufbauen. Dieter Nuhr spricht über Dinge in der echten Welt, der Satirebeitrag in der Welt spricht über Dinge in der echten Welt und möchte diese kritisieren und lächerlich machen. Und dann sollte der Weltbezug eben schon stimmen. 

Was tun mit Comedians, die nur unterhalten wollen?

Nuhr allerdings ignoriert die Täter-Opfer-Statistik, der Welt-Beitrag erfindet einen Konflikt, den es so nicht gab. Und dann spielt bei der Satire schon auch noch eine Rolle, was überspitzt wird und wer provoziert werden soll. So gesehen ist es kein Wunder, dass Nuhr so oft im Zentrum irgendwelcher Aufregung steht. Er selbst tut höchst wenig dafür, dass seine Arbeit überhaupt als Satire wahrgenommen werden könnte. (Und in nachgeschobenen Stellungnahmen zu behaupten, alles sei halt Satire, hilft auch nicht weiter.)

Und was ist nun mit Comedy? 

Mein bisheriges Argument bindet an sich ja nur den, der tatsächlich einen Aufklärungsanspruch erhebt. Allerdings: Was tun wir mit Comedians, die ja “nur unterhalten”, just jokes machen wollen? Was tun wir mit einem Comedian wie Steven Wright, der Dinge sagt wie “I put instant coffee in a microwave and almost went back in time”? Funktioniert natürlich als Witz, ist aber doch einfach nicht wahr!

Ich würde sagen: Nicht alle Comedy ist wahrheitspflichtig, aber auf jeden Fall diejenige, die aufdecken möchte oder zumindest propagiert, Erkenntnisse zutage zu fördern, oder zumindest realweltliche Sachverhalte kommentieren oder lustig machen möchte.

Steven Wright macht sich nicht über Instantkaffee lustig oder auch nur über Menschen, die ihn trinken. Er macht sich ja noch nicht einmal richtig über sich selbst lustig. Er schließt zwei an sich unverbundene Dinge kurz, die aber etwas Abstrakes gemeinsam haben, nämlich ein Versprechen von Unmittelbarkeit. Und diese Zusammenfügung ist so simpel wie unerwartet, streng logisch und am Ende deshalb witzig. Wright kommentiert nicht die Welt, sondern eröffnet eine neue Perspektive.

Aber: Auch Wright gibt Ankerpunkte in der echten Welt. Der Minimalkompromiss mit dem Publikum besteht darin, dass wir alle wissen, was Instantkaffee ist, und was eine Mikrowelle tut. Es klingt trivial, ist es aber nicht. Es herrscht absolute Einigkeit über die Prämissen. Würde der Witz stattdessen lauten “I put instant coffee in a fridge and almost went back in time”, würde er keinen Sinn mehr ergeben. Wer observational comedy macht, wird ein Problem kriegen, wenn das Publikum die Beobachtungen einfach nicht teilt. 

Comedy ist nicht der Aufklärung verpflichtet, braucht aber Grundierung der Jokes in einer geteilten Realität. Über diese sollte möglichst keine Uneinigkeit herrschen. Denn Witze sind Abweichungen vom Erwarteten, von Normen, Konventionen, Logik. Wenn niemand weiß, welche Regeln gelten und wovon der Gedanke in einem Witz überhaupt abweichen soll, sind die Abweichungen nicht als solche erkennbar. Ist die geteilte Realität schon strittig, kollabiert das ganze Konstrukt. 

Comedy ist kein Schalter, sondern ein Effekt

Auch ein Comedian, der nie behauptet, mit Rücksicht auf die Fakten/Wirklichkeit/Wahrheit aufzuklären, braucht eine geteilte Realität. Und wer nuhresk politisches Kabarett betreibt, bekommt Probleme, wenn die Faktenbasis nicht stimmt. Das eingangs erwähnte Bit von Nikolai Binner operiert im Raum dazwischen. Es ist nicht explizit aufklärerisch, aber doch meinungsstark, und nimmt stark auf die gesellschaftliche und politische Realität Bezug. Und je mehr Comedy das tut, umso wahrheitsgemäßer muss sie sein, sonst ist sie falsch.

Womit absolut nicht gesagt ist, dass falsche Comedy nicht lustig sein kann. Man sieht es ja an den Lachern bei Binner oder Nuhr oder in der Kommentarspalte unter dem Satirebeitrag (urks). Aber es handelt sich nicht in dem Sinne um Komik, dass hier Amüsement durch eine künstlerische Anstrengung, etwas künstlerisch Erzeugtes bedingt wäre. Die Lacher werden von Reizfiguren bzw. Projektionsflächen getragen (Linke! Reglementierungswütige Liberale! Frauen, die sich beschweren!). 

“Comedy” ist diesen Künstlern ein Label, das auf alles geklebt werden kann und das alles rechtfertigen soll. Ein Schalter, der umgelegt wurde, bevor das erste Wort gesagt ist, der Schalter, der alles Gesagte magisch in Comedy verwandelt. Dabei ist Comedy ja ein Effekt, der sich – hoffentlich – einstellt, wenn Künstler:innen hart gearbeitet haben. Der Status müsste sich eigentlich am Werk selbst erweisen. Für diese Auffassung von Comedy spielt dann auch der Wahrheitsgehalt keine Rolle mehr. Korrektheit der Prämissen oder korrekte (und in der Folge auch: unerwartete) Aussagen über den Zustand der Welt, Pointen gar, sind hier nicht die Währung. Es ist nicht das, was das Publikum sich erwartet. 

Vielmehr geht es, das ist meine Auffassung, um den Bruch mit einer gefühlten und als bedrohlich empfundenen “Wokeness”-Norm. Eine falsche Prämisse wird vom Publikum nicht als Fehler gesehen, sondern als Ausweis von Unabhängigkeit und Standhaftigkeit gegenüber dieser Norm. Es ist ein sich selbst verstärkender Zirkel: Je größer die Kritik, umso bedeutender der vermeintliche Tabubruch, als umso widerständiger gilt der Künstler. Das Publikum lacht, möglicherweise nicht trotz der falschen Fakten, sondern genau deswegen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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