Comedy is ■■■■■ ■■■ pain

Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett

Comedians bezeichnen sich gerne als truth tellers, nehmen es mit den Fakten aber dann gar nicht so genau. Wie viel Wahrheit braucht ein Witz?

In einem Bit über “die” Antifa sagt der Comedian Nikolai Binner unter anderem Folgendes: “Immer diese Leute, die so sagen: Ich wär damals im Widerstand gewesen. Digger, du hast vor drei Jahren bei Twitter geschrieben: ‘Ungeimpfte sind Sozialschädlinge, denen die Grundrechte weggenommen gehören.’ Aber du wärst im Widerstand gewesen, du kleiner Racker.” 

Gemeint ist hier: im Widerstand, damals, gegen die ursprünglichen Nationalsozialisten der NSDAP vor gut 100 Jahren. Menschen sind eitel und prahlen mit allem Möglichen. Aber das scheint mir doch einen Ticken zu weit hergeholt. Und will ich zwar nicht ausschließen, dass Binner mal tatsächlich jemandem begegnet sein sollte, der so etwas sagte, halte ich es doch für wenig glaubhaft, dass dies mehr als ein Einzelfall war. Ich kann mir kaum vorstellen, dass so einer Person von anderen anwesenden Personen nicht widersprochen würde. 

Bei Binner dagegen: “diese Leute”, also eine mehr oder weniger klar umrissene Gruppierung, die solche Äußerungen “immer” tätigt. Das passt in das Œuvre, in dem er gerne verzerrte Bilder zeichnet, wahlweise von Linken, Grünen, Progressiven, Antifa*lern, Klimaaktivisten etc. Und möglicherweise glaubt er selbst, was er sagt, möglicherweise argumentiert er bewusst böswillig. Aber egal, wie man zu “diesen Leuten” steht: Es ist doch einfach nicht wahr.

Spätestens hier kann also man die Frage stellen: Galten nicht irgendwann einmal “Wahrheit” oder “Wahrhaftigkeit” als bedeutende Werte im Handwerk von Comedians und die Künstler selbst als truth-tellers? Ist nicht Comedy, wie ein bekannter Sinnspruch geht, truth and pain? “Comedy is truth”, sagte Joan Rivers. “Art is the ability to tell the truth”, sagte Richard Pryor.

Dieser Artikel gehört zur Reihe Noten zur Comedy, in der wir unregelmäßig einen Blick auf ein virulentes Thema rund um Comedy werfen. Ihr könnt die Noten auch als Newsletter abonnieren, dann kommen sie direkt (mit aktueller Presseschau und besonderem Comedytipp) ins Postfach.

Und doch: Das Publikum lacht bei Binner. Der Wahrheitsgehalt scheint hier keine Rolle zu spielen. Braucht Comedy am Ende gar keine Wahrheit? Oder lacht man hier möglicherweise über etwas anderes als den Witz selbst?

Nähern wir uns diesen Fragen aus einer anderen Richtung und versuchen so, den Witz zu umzingeln. Dazu besuchen wir kurz ein anderes Feld, das sich auch sehr häufig komischer Mittel bedient, nämlich das der Satire. Anfang September erschien bei der Welt ein mit “Satire” gelabelter Beitrag. “Wegen Sexismus-Gefahr – Oktoberfest-Kellnerinnen nur mit Burka”, lautet der Titel. Aufgrund von “Diskussionen um die leicht bekleideten Frauen” auf einem Traditionsfahrgeschäft würden die Wiesnwirte nun umdenken. Aus Sicherheitsgründen würden alle Kellnerinnen nun Burka tragen, heißt es. Es solle unbedingt der Eindruck vermieden werden, dass es auf dem Oktoberfest ungesittet zugehen könne. Unter anderem soll das Lied In München steht ein Hofbräuhaus umbenannt werden in Oans, zwoa, Allah.

Tugendterror auf der Wiesn? Oh no. Was war passiert? Tatsächlich hatte die städtische “Gleichstellungsstelle für Frauen” auf sexistische Darstellungen von Frauen aufmerksam gemacht. Eine Figur zitierte den um 1900 herum herrschenden Brauch, auf dem Oktoberfest im Rahmen von “Völkerschauen” aus Kolonien verschleppte Frauen auszustellen. “Diese Geschichte schwingt in solchen Darstellungen mit”, erklärte in der Süddeutschen eine Kulturwissenschaftlerin. Und dass das Oktoberfest traditionell ein, nun, unguter Ort für Frauen ist, ist jährlich Thema in den Medien. Sexualisierte Übergriffe sind die Kehrseite der ausgelassenen Feierei. Einerseits als Fest für einen gewaltlosen, respektvollen Umgang mit Frauen einzustehen, und gleichzeitig Frauen in Darstellungen zu sexualisieren und objektifizieren – das ist halt eine schwierige Position. Die Gleichstellungsstelle tat, wofür sie gegründet wurde, und wies darauf hin. Und auch beim Fahrgeschäft erkannte man den Widerspruch und veränderte die Figuren. 

Satire ist nicht Satire, weil sie überspitzt und provoziert

Worum es geht: Vermeintliche Kleinigkeiten (Figuren an einem Fahrgeschäft) stehen symbolisch für komplexe, kulturhistorische Aufarbeitung und große gesellschaftliche Schieflagen (Gewalt gegen Frauen und Rassismus). Worum es nicht geht: um Freizügigkeit oder Unsittlichkeit, oder darum, dass sich jemand an “leichter Bekleidung” störte. Es geht auch nicht um die Islamisierung des Oktoberfests gar, die der Satirebeitrag mit seiner reflexhaften Berufung auf Burka und Allah suggeriert.

Nichts dagegen, wenn ein Sachverhalt ins Absurde übertrieben wird. Aber Satire wird nicht zur Satire, weil sie überspitzt und provoziert. Sie wird zur Satire, weil sie das mit einem bestimmten Zweck tut. Aber was genau wird hier übertrieben, welche inneren Logiken werden sichtbar gemacht? Der Beitrag blendet die Hintergründe wie die Gewaltproblematik oder die Völkerschau-Ikonografie aus, um mit Prüderie ein Problem zu verspotten, das so doch gar niemand hat. Warum sollte eine Institution wie eine Gleichstellungsstelle, die sich gegen rassistische Kolonial-Ikonografie wendet, plötzlich Kleidervorschriften wie in islamischen Ländern erlassen?

Der Text ergibt nur Sinn, wenn man unterstellt, dass “Gleichstellung”, “Political Correctness”, “islamistische Kleidervorschriften”, “Feminismus” und (in der Ulf-Poschardt-Variante) “Taliban” beliebig austauschbare Begriffe sind. Der Text folgt keiner argumentativen Logik, er bedient ein Ressentiment gegen eine diffuse Gruppe. Es ist ein klassischer Fall von “im Kopf des Autors hat grad eben noch alles Sinn gemacht”. Der Beitrag lässt die wichtigsten Elemente der Debatte weg und verzerrt die Darstellung der Wirklichkeit gravierend. Um eine schöne Formulierung auszuborgen: Der Beitrag ist “obsessed with making shit up and getting mad about it”. Die gesamte Pointenkette läuft ins Leere.

Für Satire ist das ein Problem. Sie darf (und meinetwegen auch: soll) zuspitzen, übertreiben, ins Absurde kippen. Aber diese Freiheit kostet etwas, sie wird bezahlt mit dem Anspruch, über einen gesellschaftlichen Missstand aufzuklären. Wer Satire machen möchte (und der Beitrag in der Welt tut das explizit), spießt auf, verspottet, macht sich lustig. Aber er tut es mit einem Ziel. Wenn also Satire verzerren und überspitzen kann, wie sie möchte, gilt das für ihre Form, für das Verfahren, nicht aber für die Faktenbasis. Denn sonst wird ja über nichts aufgeklärt, sondern im schlimmsten Falle sogar verschleiert. Und das ganze Projekt stürzt in sich zusammen. 

Das war zum Beispiel auch das Problem mit dem jüngsten Aufreger von Dieter Nuhr. In einer Ausgabe von Nuhr im Ersten im Juni erklärte er (richtig), dass die allermeisten Männer keine Mörder seien, empfahl dann Frauen weiter, ihre Sexualpartner erst mal kennenzulernen, damit sie nicht so leicht an einen Mörder gerieten. Weniger richtig, denn man weiß, dass Gewalt gegen Frauen häufig nicht von Unbekannten ausgeübt wird, sondern von ihren Partnern. Wie sollte man also Nuhrs Empfehlung interpretieren? Ich meine, hier wurde doch den Frauen ein Teil der Verantwortung zugeschoben, und es fällt schwer, das nicht als Ausblenden des Problems zu verstehen.

Man sollte Satire an ihrem eigenen Anspruch messen

In einer Reaktion auf die Kritik schrieb die ARD: “In Satireformaten gilt es jedoch auch die künstlerische Freiheit zu achten. ‚Nuhr im Ersten‘ ist eine bekannte vom rbb produzierte Satiresendung. Dieter Nuhr darf grundsätzlich als Künstler vor dem Hintergrund der Kunstfreiheit auch provozierend und zugespitzt formulieren.”

Darf er, klar. Aber wo überspitzt denn Nuhr eigentlich? Etwa beim Ratschlag an Frauen, ihre Sexualpartner erst einmal kennenzulernen? Und wenn das die Überspitzung ist – eine mildere Variante dieses Gedankens (z. B. “Frauen, gebt auf euch acht!”) würde ja trotzdem am Problem vorbeigehen. Und falls es Provokation sein soll, wer genau soll denn hier eigentlich provoziert werden? Die Mörder? Die Gesellschaft? Oder vielleicht doch Menschen, die für Nuhrs Geschmack zu häufig darauf hinweisen, dass Gewalt durch Männer ein Problem ist?

Nun führt der Sender Nuhr im Ersten als Satiresendung bzw. nimmt sie als solche in Beschlag. Wir müssen also davon ausgehen, dass das, was dort geäußert wird, ein Ziel verfolgt, zum Beispiel über gesellschaftliche Missstände aufzuklären oder Widersprüche und Heucheleien aufzuspießen. Aber wer aufklären möchte, ist zur Genauigkeit verpflichtet – wie sollte man sonst aufklären? Hier wird über nichts aufgeklärt, sondern verdunkelt. Denn Aufklärung ohne korrekte Fakten ist keine Aufklärung. Der Satiriker Nuhr scheitert am (zwar nicht von ihm selbst, aber von der ARD) deutlich formulierten Anspruch.

Nur zur Klarheit: Ich behaupte hier nicht, dass jedes Element der Satire wahr sein muss. Sonst wäre eine Sendung wie Die Anstalt etwa auch gar nicht denkbar (und ein Roman wie Gullivers Reisen ließe uns die Köpfe explodieren). Die Wahrheitspflicht betrifft den Ankerpunkt in der realen Welt, auf dem die Pointen ihre Wirkung aufbauen. Dieter Nuhr spricht über Dinge in der echten Welt, der Satirebeitrag in der Welt spricht über Dinge in der echten Welt und möchte diese kritisieren und lächerlich machen. Und dann sollte der Weltbezug eben schon stimmen. 

Was tun mit Comedians, die nur unterhalten wollen?

Nuhr allerdings ignoriert die Täter-Opfer-Statistik, der Welt-Beitrag erfindet einen Konflikt, den es so nicht gab. Und dann spielt bei der Satire schon auch noch eine Rolle, was überspitzt wird und wer provoziert werden soll. So gesehen ist es kein Wunder, dass Nuhr so oft im Zentrum irgendwelcher Aufregung steht. Er selbst tut höchst wenig dafür, dass seine Arbeit überhaupt als Satire wahrgenommen werden könnte. (Und in nachgeschobenen Stellungnahmen zu behaupten, alles sei halt Satire, hilft auch nicht weiter.)

Und was ist nun mit Comedy? 

Mein bisheriges Argument bindet an sich ja nur den, der tatsächlich einen Aufklärungsanspruch erhebt. Allerdings: Was tun wir mit Comedians, die ja “nur unterhalten”, just jokes machen wollen? Was tun wir mit einem Comedian wie Steven Wright, der Dinge sagt wie “I put instant coffee in a microwave and almost went back in time”? Funktioniert natürlich als Witz, ist aber doch einfach nicht wahr!

Ich würde sagen: Nicht alle Comedy ist wahrheitspflichtig, aber auf jeden Fall diejenige, die aufdecken möchte oder zumindest propagiert, Erkenntnisse zutage zu fördern, oder zumindest realweltliche Sachverhalte kommentieren oder lustig machen möchte.

Steven Wright macht sich nicht über Instantkaffee lustig oder auch nur über Menschen, die ihn trinken. Er macht sich ja noch nicht einmal richtig über sich selbst lustig. Er schließt zwei an sich unverbundene Dinge kurz, die aber etwas Abstrakes gemeinsam haben, nämlich ein Versprechen von Unmittelbarkeit. Und diese Zusammenfügung ist so simpel wie unerwartet, streng logisch und am Ende deshalb witzig. Wright kommentiert nicht die Welt, sondern eröffnet eine neue Perspektive.

Aber: Auch Wright gibt Ankerpunkte in der echten Welt. Der Minimalkompromiss mit dem Publikum besteht darin, dass wir alle wissen, was Instantkaffee ist, und was eine Mikrowelle tut. Es klingt trivial, ist es aber nicht. Es herrscht absolute Einigkeit über die Prämissen. Würde der Witz stattdessen lauten “I put instant coffee in a fridge and almost went back in time”, würde er keinen Sinn mehr ergeben. Wer observational comedy macht, wird ein Problem kriegen, wenn das Publikum die Beobachtungen einfach nicht teilt. 

Comedy ist nicht der Aufklärung verpflichtet, braucht aber Grundierung der Jokes in einer geteilten Realität. Über diese sollte möglichst keine Uneinigkeit herrschen. Denn Witze sind Abweichungen vom Erwarteten, von Normen, Konventionen, Logik. Wenn niemand weiß, welche Regeln gelten und wovon der Gedanke in einem Witz überhaupt abweichen soll, sind die Abweichungen nicht als solche erkennbar. Ist die geteilte Realität schon strittig, kollabiert das ganze Konstrukt. 

Comedy ist kein Schalter, sondern ein Effekt

Auch ein Comedian, der nie behauptet, mit Rücksicht auf die Fakten/Wirklichkeit/Wahrheit aufzuklären, braucht eine geteilte Realität. Und wer nuhresk politisches Kabarett betreibt, bekommt Probleme, wenn die Faktenbasis nicht stimmt. Das eingangs erwähnte Bit von Nikolai Binner operiert im Raum dazwischen. Es ist nicht explizit aufklärerisch, aber doch meinungsstark, und nimmt stark auf die gesellschaftliche und politische Realität Bezug. Und je mehr Comedy das tut, umso wahrheitsgemäßer muss sie sein, sonst ist sie falsch.

Womit absolut nicht gesagt ist, dass falsche Comedy nicht lustig sein kann. Man sieht es ja an den Lachern bei Binner oder Nuhr oder in der Kommentarspalte unter dem Satirebeitrag (urks). Aber es handelt sich nicht in dem Sinne um Komik, dass hier Amüsement durch eine künstlerische Anstrengung, etwas künstlerisch Erzeugtes bedingt wäre. Die Lacher werden von Reizfiguren bzw. Projektionsflächen getragen (Linke! Reglementierungswütige Liberale! Frauen, die sich beschweren!). 

“Comedy” ist diesen Künstlern ein Label, das auf alles geklebt werden kann und das alles rechtfertigen soll. Ein Schalter, der umgelegt wurde, bevor das erste Wort gesagt ist, der Schalter, der alles Gesagte magisch in Comedy verwandelt. Dabei ist Comedy ja ein Effekt, der sich – hoffentlich – einstellt, wenn Künstler:innen hart gearbeitet haben. Der Status müsste sich eigentlich am Werk selbst erweisen. Für diese Auffassung von Comedy spielt dann auch der Wahrheitsgehalt keine Rolle mehr. Korrektheit der Prämissen oder korrekte (und in der Folge auch: unerwartete) Aussagen über den Zustand der Welt, Pointen gar, sind hier nicht die Währung. Es ist nicht das, was das Publikum sich erwartet. 

Vielmehr geht es, das ist meine Auffassung, um den Bruch mit einer gefühlten und als bedrohlich empfundenen “Wokeness”-Norm. Eine falsche Prämisse wird vom Publikum nicht als Fehler gesehen, sondern als Ausweis von Unabhängigkeit und Standhaftigkeit gegenüber dieser Norm. Es ist ein sich selbst verstärkender Zirkel: Je größer die Kritik, umso bedeutender der vermeintliche Tabubruch, als umso widerständiger gilt der Künstler. Das Publikum lacht, möglicherweise nicht trotz der falschen Fakten, sondern genau deswegen. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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18 Kommentare

  1. Toller Text, super Analyse!

  2. Nur die Wahrheit zu erzählen, kann aber auch langweilig sein. „Treffen sich Gorbatschow, Reagan und ein Neandertaler…“ wäre dann nicht möglich. 😉 Aber wenn über etwas reales eine Pointe gemacht werden soll, sollte die Hinführung schon stimmen, selbst unter Berücksichtigung dessen, dass bei der Beschreibung pointenbedingt subjektive Überhöhungen und Blickwinkel passieren. Gerade, falls man als Rezipient die Ausgangssituation auch kennt und mitbekommt, dass da gerade Blödsinn erzählt wird, kann’s den Genuss des ganzen Programms stören (vor allem, wenn die Qualität der Pointe die Verfälschung des Ursprungs nicht rechtfertigt). Eigene Erfahrung

    1. Avatar von Setup Punchline
      Setup Punchline

      Ich bringe auch mal den Kosmos der „Kommt ein Pferd in ’ne Bar“-Witze hier ins Spiel… und du hattest ja letztens schon den Voltaire-Witz als Beispiel genannt 😀 Bei solchen Witzen steht einfach zu wenig auf dem Spiel, sodass die kritische Prüfung mehr oder weniger aufgehoben ist. Oder möglicherweise besteht der Minimalkompromiss mit dem Publikum eben darin, dass alle wissen, dass jetzt absurder Quatsch kommt, und eben nichts Politisches. Gorbatschow, Reagan und der Neandertaler sprechen eben sicherlich nicht über sexualisierte Gewalt an Frauen oder die Antifa.

      1. Mit dem richtigen Handwerkszeug ließe sich doch sicher noch was konstruieren. 😉 Ich erinnere mich an Pointen, die sowohl in Ostfriesenwitzen, Blondinenwitzen, Kohlwitzen u.ä. auftauchten.

  3. Avatar von Dust Binner
    Dust Binner

    Was Nikolai Binner betrifft: kann es ein, dass der mit seinen Hauruck-Sprüchen nur von massiven Peinlichkeiten der eigenen Klientel ablenken will? Er labert was von Impfungen, ok. Bekanntlich meinte eine bemerkenswert ungebildete Person während eines Schwurbler-Aufmarsches ja folgendes: „Ich fühle mich wie Sophie Scholl!“

    Dazu, und zu etlichen anderen Ausrutschern und Megadummheiten auch, werden jetzt offenbar planmäßig Gegenbilder zusammenfantasiert. Am besten so lange, bis das Publikum sie für real hält (und die realen Vorbilder nicht mehr sieht).

    1. Avatar von Setup Punchline
      Setup Punchline

      Oh, das ist ein Aspekt, der mir überhaupt nicht aufgefallen war 👀 Macht das Eis auch ein wenig dünner für solche Witze.

  4. Ist es Zufall, dass alle Beispiele in eine bestimmte politische Richtung gehen. Immerhin fehlt jener, der je nach Bedarf Journalist oder Satiriker war: Jan Böhmermann.

    1. Avatar von Setup Punchline
      Setup Punchline

      Das ist tatsächlich Zufall, ja. Oder es ist halt alles mehr oder weniger aktuell und stammt aus den vergangenen Monaten. Wenn du ein gutes Beispiel für Faktenverdreherei o.Ä. von Böhmermann hast, das hier rein passt, lass es uns gerne hören!

      1. Ich denke da an die Affäre Schönbohm. Oder an die Geschichte mit den Terfs/Turds. Die Präsentation war da doch etwas unterkomplex. Und beim Interview im Hotel Matze mit Fynn Klimann kamen auch ein paar Dinge raus, die nicht so waren, wie es Böhmermann damals dargestellt hat.

        1. Avatar von Setup Punchline
          Setup Punchline

          Mein Maßstab lautete: Wer aufklären will, ist zur Genauigkeit verpflichtet. Böhmermann erhebt diesen Anspruch ausdrücklich, durch das Konzept und den journalistischen Anspruch des Formats. Der Maßstab gilt also für ihn mindestens so streng wie für Nuhr. Bei Schönbohm trifft das meiner Meinung nach voll zu. Ich habe jetzt nicht mehr alle Details dieser Sendung im Kopf, aber der Kern der Sendung war falsch, wurde juristisch festgestellt und Schönbohm hat gegen das ZDF vor Gericht gewonnen. Die Behauptung darf auch nicht wiederholt werden. Die Prämisse hat nicht gestimmt. Ungut für Satire.

          Kliemann und die TERF-Sendung würde ich ausnehmen. Kliemann hat später behauptet, die Vorwürfe hätten nicht gestimmt, dabei wurde nur das Verfahren gegen Auflagen eingestellt, wie ich gerade lese. Hinweise für falsche Recherche oder Behauptung falscher Tatsachen sehe ich nicht. Bei der TERF-Sendung wurde überspitzt und provoziert (haha, das kennen wir irgendwoher) und manche Quellen ausgeblendet, das ja. Aber die Kernaussage der Sendung (Transfeindlichkeit ist organisiert, reicht weit in die Mitte der Gesellschaft und vereint dabei radikale Rechte mit bestimmten feministischen Akteurinnen) ist ja nicht verkehrt. Dass nicht ganz sauber gearbeitet wurde, gibt Abzüge in der B-Note, aber es macht den Kern der Sendung nicht falsch.

    2. Avatar von Rübenschnuffel
      Rübenschnuffel

      Böhmermann überzeichnet anhand von Originalzitaten.

      Böhmermann belegt.

      Böhmermann gibt den „Naiven“ als Setup („Ich meine, dafür gibt es doch den Verfassungsschutz, der wird ja XY machen“)

      und blendet dann ein Zitat ein, welches damit bricht.

      Er kritisiert Missstände.

      Nur, aber auch Lisa Eckart, Nikolai Binner funktionieren über plumpen „Wir gegen die“ Humor.

      „Höhö, die Greta, habt ihr gesehen, was die sich wieder geleistet hat?“

      Nein, das war jetzt nicht wörtlich und von MIR überspitzt, aber das ist das Schema der Punchline.

  5. Avatar von Danger Mouse
    Danger Mouse

    „Kann es sein, dass alle Beispiele in eine bestimmte politische Richtung gehen?“ Hmmm, Gegenfrage: Kann es sein, dass die genannten Beispiele einfach aufgrund ihrer „Agenda“ das Qualitätsmanagement ihres Kritiktools (Satire) vernachlässigen?

    Der Nuhr Jokes ist doch ein gutes Beispiel: Er (der Witz, nicht Nuhr selbstverständlich) zerfällt in zwei Teile: Er beginnt mit der Kritik, dass Person XY keine Statistiken interpretieren kann. Kann man machen, ob unbedingt beim Thema Gewalt an Frauen, ist Geschmacksache. Dann macht der gute Dieter aber einen weirden U-Turn und empfiehlt Frauen plötzlich, ihre Partner besser kennenzulernen.
    Ich glaube, dass man sogar diesen Teil verbatim so hätte machen können, allerdings nicht so aufgebaut wie von Nuhr. Man stelle sich eine Komikerin vor, die augenzwinkernd/sarkastisch sagt: „Mädels, es ist total easy, sich vor Femiziden zu schützen. Lernt den Dude doch einfach vorher besser kennen. Ihr wisst doch auch, dass das Tragen eines kartoffelsackartigen Blaumanns ein todsicheres Mittel gegen Vergewaltigung ist.“ Da wäre nämlich ziemlich klar gewesen, dass das kein ernstgemeinter Rat ist. Und die Punchline wäre nicht das Opfer.

    Bei Nuhr klingt es eben nach „Ihr Frauen seid doof und Schlampen.“ Und da stellt sich doch die Frage, welche gesellschaftlichen Missstände er damit aufdecken will.
    Im besten Falle sind Nuhr & Co. also sehr schlechte Satiriker, die ihr Handwerk nicht beherrschen. Nuhrs Reaktion auf die Kritik lässt mich da aber anderes vermuten.

    1. Avatar von Setup Punchline
      Setup Punchline

      Wie meinst du deinen letzten Satz? Dass Nuhr ganz genau weiß, was er tut, und die Aufregung einpreist? Verstehe ich dich da richtig?

      Das ist ein guter Punkt (und ein oft gehörtes Argument bei dieser Art von Satire): dass ja genau der kritisierte Part irgendwie gegenteilig gemeint war, dass genau das Gesagte nicht gemeint war, sondern man sich über Personen lustig machen wollte, die solche Dinge sagen. Ich halte das für denkbar und würde Kabarettisten (oder Dieter Nuhr in diesem Fall) den Vertrauensvorschuss geben. Aber wenn man sich das Gesagte näher anschaut, stellt man fest, dass es ja keinerlei Indizien für diese Sichtweise gibt. Irgendwas, ein Blick, eine Geste, ein kleiner Halbsatz würde ja genügen – man muss dabei ja nicht mal explizit werden. Aber es gibt einfach nichts. Die Satire soll immer gelungen sein, weil ja vorher der Schalter „Satire“ umgelegt wurde, also etwas, was man dann nur durch eine aus dem Bit ausgelagerte Komponente erkennen können soll. Hm, ich halte das dann für wenig überzeugend.

      1. Avatar von Danger Mouse
        Danger Mouse

        Ich halte Nuhr schon für intelligent. Ich denke nicht, dass er es jetzt unbedingt auf Aufregung anlegt (hat aber auch kein Problem damit, wenn sie als Begleiterscheinung dazukommt).

        Er hätte auf die Kritik doch auf unterschiedliche Weise reagieren können:
        a) Sorry, Leute. Ich haben den Witz schlecht aufgebaut, deshalb ist er nach hinten losgegangen.
        b) Sorry, Leute. Ihr habt das falsch interpretiert.
        c) Ihr habt mich absichtlich falsch verstanden. Eigentlich wusstet Ihr genau, was ich gemeint hab.
        Bei a) & b) würde ich ihm abnehmen können, dass er einfach ein schlechter Satiriker ist oder mal daneben gehauen hat. Seine Nonpology hab ich aber als c) in Erinnerung. Damit ist ein Satiriker ja nicht mehr nur schlecht und/oder uneinsichtig, oder?
        Ehrlich gesagt kann ich mir aber auch keinen näheren Reim draufmachen, was ihn tatsächlich motiviert.

        1. Avatar von Setup Punchline
          Setup Punchline

          Vielleicht ist es auch gar nicht entscheidend, ob er objektiv schlecht oder uneinsichtig ist – was wäre mit dieser Feststellung auch gewonnen? Der Witz muss nur für diejenigen funktionieren, die den Ratschlag an die Frauen wörtlich nehmen und darüber lachen. Um die Kritiker muss er sich beim Bauen gar nicht kümmern, denn aus seiner Sicht kommt die Kritik ohnehin, egal wie der Witz aussieht. Und für den Fall, dass sie kommt, liegt das „Satire darf überspitzen“-Argument bereit, das sich immer anlegen lässt, ob die jeweilige Satire nun gut gebaut ist oder nicht. Man weiß schlicht nicht, ob Nuhr ein guter Handwerker ist, weil es für seine Arbeit nicht erforderlich ist.

  6. Richtig guter Text! Danke.

  7. Nette Analyse. Meiner Meinung nach ist das wichtigste, auf die Machtverhältnisse zu achten: Tritt die Person nach oben oder unten? Bei Nuhr ist es definitiv nach unten, und dementsprechend verabscheungswürdig. Im Beispiel von @danger mouse hingegen macht sich die Comedienne lustig über „Ratschläge“ von cis Männern an Frauen*, was angeblich gegen Vergewaltigung helfen würde und eigentlich totaler Bullshit ist. Dabei überspitzt sie das (Satire, haha) in a way, dass der Witz auf Kosten der „Ratschlag“-gebender Männer ist. Tada, nach oben getreten, nicht nach unten. Damit kann mensch viele komplizierte Debatten über „political correctness“ vereinfachen (- „political correctness“ ist ja auch ein euphemistischer Bullshit-Begriff der so tut, als ob es nicht um teils menschenverachtende Formulierungen + Aussagen geht und stattdessen über den angeblichen gesellschaftlichen Konsens, was die „korrekte“ politische Meinung sei? Meiner Meinung nach ist also „political correctness“ nicht „political correct“;-))

    1. Avatar von Setup Punchline
      Setup Punchline

      Als Faustregel ist die Frage nach der Richtung des Satiretritts durchaus brauchbar und das Beispiel von Danger Mouse zeigt, wie man tatsächlich hier etwas überspitzen könnte. Aber damit gehen die Probleme dann los. Viele Comedians und Kabarettisten verstehen sich als Außenseiter, die gegen den übermächtigen woken Mainstream antreten – in deren Sichtweise wäre das eben „oben“ und muss offenbar dann in dieser Welt dann viel dringlicher satirisiert/bloßgestellt/kritisiert werden. Das Publikum sieht es vermutlich genauso.

      Darum habe ich versucht, eine Ebene früher bei den zugrundeliegenden Fakten anzusetzen. Um eben diese Definitionskämpfe (wer steht oben, wer unten) nicht führen zu müssen. Klappt natürlich auch nicht immer einwandfrei.

      Deinen Gedanken über political correctness und das Verschieben der Diskussion finde ich interessant – magst du das etwas ausführen?

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