Comedy-Presseschau vom 04.09.26

  • Hehe, Mario Barth hat seinen Weltrekord eingebüßt, den mit den meisten Besuchern bei einer Comedyshow. Der datierte mit knapp 68.000 Menschen im Berliner Olympiastadion von 2008. Der US-amerikanische Comedian Shane Gillis hatte nun im Juli in Philadelphia mehr als 70.000 Zuschauer. Bisschen kurios: Angeblich hatte Gillis noch mehr Tickets verkauft, aber 3000 Leute kamen einfach nicht zur Show. Sind da möglicherweise am Ende Tickets ein bisschen unter- oder nullpreisig rausgeballert worden, um das Stadion auch ja vollzukriegen? Aber naja, für den Rekord hat’s ja gereicht.
  • Der Illustrator Hans Traxler ist gestorben. Traxler machte den ehemaligen Bundeskanzler Helmut Kohl für Titanic einst zur “Birne”. Aber auch sonst hält sein komisches Werk einige Perlen bereit. Interessantes zur Arbeitsweise von Satirikern mit Arbeitsethos (“Die Komik in meinen Zeichnungen entsteht ja nicht durch komische Figuren mit dicken Nasen und Glubsch­augen”) hält etwa dieses schon ältere Interview mit Traxler aus dem SZ-Magazin bereit.
  • Neue Trends in Stand-up-Comedy: Die US-Comedians Matt Rife, Bert Kreischer und zuletzt auch Nate Bargatze haben (vermutlich über irgendwelche Lizenzdeals) Kreuzfahrten in ihrem Namen veranstaltet. Die Veranstalter zapfen die großen Fanmassen als Zielgruppe an bzw. diejenigen Superfans, die bereit sind, Hunderte oder Tausende Dollar für ein spezielles Erlebnis mit “ihrem” Comedian zahlen. Die Comedians kriegen Gagen und/oder werden an den Umsätzen beteiligt.
  • Aus der Reihe Personen, die Stand-up machen, von denen man es nicht erwartet hätte:
    1. Daniela Katzenberger 🤷‍♂️ (“Zu vulgär! Tochter Sophia verlässt den Raum”, wusste die BILD)
    2. Madonna 👀
    3. Amanda Knox 🤯 (Justizopfer in Italien turned Fringe-Festival-Comedian“Very few comedy reviews have to start with the assertion that the performer in question is definitively not a murderer, but we are where we are”)
  • “Die Vielfalt von Comedyformaten im privaten Fernsehen war einst riesig. Heute ist nur ein Bruchteil davon übrig, schreibt Thomas Lückerath bei DWDL. Man möchte zuerst widersprechen und fragen: Gibt es nicht so viel Comedy wie nie zuvor? Der Artikel beschreibt aber eigentlich nicht das Sterben des Genres an sich, sondern nur das Sterben eines bestimmten Ausspielwegs (lineares Fernsehen). Außerdem wird Streaming ausgeklammert. Die Nachfrage ist nicht verschwunden, sie ist halt zum Beispiel in die Sozialen Medien abgewandert.
  • Torsten Sträter möchte auf der Bühne nicht über seine Krebserkrankung sprechen, sagt er im Interview beim Redaktionsnetzwerk Deutschland. Das wirkt erstmal kontraintuitiv, denn geht es Comedians nicht darum, ihr eigenes Leben nach lustigen oder irritierenden Anekdoten zu durchforsten? Nein, wissen wir natürlich und bekommen es von Sträter auch noch mal erklärt: Viele Menschen kennten solche Krankheitsgeschichten aus dem eigenen Umfeld und würden bei ihm dann nur erfahren, “dass ich die gleichen Ängste und Schmerzen habe wie alle anderen auch”. Es geht in Comedy eben nicht darum, über Erlebnisse zu sprechen. Erlebnisse haben wir alle. Gute Comedians finden den besonderen Blickwinkel auf das, was alle schon kennen. Wir wollen es Sträter (und uns) wünschen, dass er seinen Blickwinkel noch findet.

Gewissermaßen ein laut.de für Stand-up-Comedy möchte ja die Stand-up-Bibliothek sein, eine eine Ansammlung von Kurzkritiken deutscher Stand-up-Specials. Neu hinzugekommen sind etwa Einträge über Tannenecker Ouvertüre (2025) von Yorick Thiede und Supersubtil (2026) von Martin Niemeyer.

  • Anlässlich des Christopher Street Day hat sich Querköpfe im Deutschlandfunk mit Queerness in Stand-up-Comedy befasst. Das passiert am Beispiel der Hamburger Show Smash Comedy. Zurecht: Das Entstehen von alternativen Strukturen kann Druck auf das verkrustete und feist gewordene Zentrum ausüben und Veränderung im Mainstream anstoßen (ob in Stand-up oder anderswo). Die Sendung benennt allerdings auch das Problem, dass das Interesse an queerer Comedy einer Konjunktur unterliegt und oft nur anlässlich des CSD thematisiert wird. Das ist wiederum ungut, da queere Comedy so immer in ihrer Schublade bleibt und nie als “nur Comedy” betrachtet wird. Leider auch ein blinder Fleck der Sendung, die, indem sie queere Comedy nur anlässlich des CSD thematisiert, ja selbst wieder diese Logik reproduziert.
  • Dieter Nuhr schob Frauen auf etwas prüde Weise die Schuld an ihrer eigenen Ermordung zu, und dazu ist eigentlich alles gesagt. Hazel Brugger sagt in ihrem Podcast Hörerlebnis etwas, was sich als nützliche Regel verallgemeinern lässt. Nämlich dreht sie die Beweislast um. Statt immer erklären zu müssen, was an einem Witz problematisch war, sollten doch eher mal die Urheber problematischer Witze erklären müssen, warum sie sich nur so sloppy über das Thema ihres Witzes informiert hätten.
  • Außerdem ist in Hörerlebnis der deutsche, in den USA und Sozialen Medien ungemein erfolgreiche Comedian Mario Adrion zu Gast. Früher, sagt Adrion, hätten einzelne Gatekeeper entschieden, wer auftritt. Heute repräsentiere der Algorithmus, was die Leute wirklich sehen wollten. Ich bezweifle das ja. Der Algorithmus sammelt ja nicht objektiv und neutral die Publikumswünsche und listet sie brav auf. Algorithmen setzen selber Anreize und belohnen zum Beispiel emotional aufgeladenen oder zugespitzten Content. Insofern: Ja, schon cool, dass es heute Wege vorbei gibt an Menschen wie Harvey Weinstein oder Lorne Michaels, aber das Gatekeeping ist damit ja nicht abgeschafft.
  • Maxi Gstettenbauer und Falk Pyrczek sprechen in Traurige Buben über demografische Verschiebungen in der Comedyszene. Während Pyrczek die Comedyszene in Berlin vor zehn Jahren als zum größten Teil aus Menschen mit Migrationshintergrund und aus dem Arbeitermilieu wahrnahm, die Comedy machten, weil ihr Plan A gescheitert war, gebe es heute mehr weiße, stärker akademisch geprägte Nachwuchskräfte. Stand-up habe sich professionalisiert, allerdings auch in Richtung “Besserverdiener-Hobby”. Gstettenbauer widerspricht teilweise und fügt an, dass Professionalisierung Karrierewege schaffe und Verdienstchancen ermögliche, aber auch Konformitätsdruck erzeuge. Urch, es bleibt kompliziert mit dieser Stand-up-Comedy.
  • Filmkritiker Wolfgang M. Schmitt diskutiert in Wohlstand für alle mit zwei Literaturkritikern über Satiren aus der NS-Zeit. Es geht um Karl Kraus, Klaus Mann und Bertolt Brecht sowie Möglichkeiten und Grenzen heutiger Satire. Irritierend ist, dass zeitgenössischen Satireformaten (heute show etc.) und etwa den konfrontativen Interviews à la Fabian Köster vorgeworfen wird, dass sie ja keine politische Wirkung entwickelten, weil sie an der Stärke der AfD nicht änderten, ergo als Satire fragwürdig seien. Ein merkwürdiger Maßstab, an dem ja an sich auch Brecht & Co. gescheitert sind. Trotzdem ein hörenswertes Podiumsgespräch.

Bitvergleich: U-Boot-Eltern

Sowohl der Comedian Michael Jäger als auch Bastian Bielendorfer sprechen in Bits über Helikoptereltern und nennen ihre eigenen Eltern dann in Abgrenzung U-Boot-Eltern. Scheint mir zwar ein Gedanke zu sein, der durchaus unabhängig voneinander in verschiedenen Hirnen aufpoppen könnte, aber fürs Protokoll sei gesagt, dass Jäger früher dran war. Falls man das heute bei einem Witz überhaupt sagen kann, der auf „Helikoptereltern“ basiert, einem Begriff also, der meiner Erinnerung nach um 2010 herum aufkam.

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