Comedy-Presseschau vom 07.07.26

  • Bei Dieter Nuhr stelle ich mir immer die Frage, ob er sich dumm stellt, weil das Aufmerksamkeit bringt, oder ob er wirklich so unreflektiert ist. Beides wäre nicht vorteilhaft. Auf jeden Fall hat er es mit einer in seiner Sendung vorgetragenen Kritik, Frauen sollten halt ihre Sexualpartner erst mal kennenlernen, dann gerieten sie auch nicht so leicht an einen Mörder, wieder mal geschafft. Wie man das anders als victim blaming interpretieren soll, ist mir schleierhaft. Und es ist halt auch faktisch falsch, weil die meisten ermordeten Frauen ihre Mörder halt leider gut kannten. Und dadurch fällt dann auch die Satire in sich zusammen. „Wenn die Prämisse unwahr ist, dann wird es nichts“, konstatiert etwa der Podcast Traurige Buben. Interessante Frage aber: Warum ist das mit der Wahrheit in Satire/Comedy so wichtig und wie weit geht diese „Pflicht“? Dazu möchte ich in einer der kommenden Ausgaben mal was schreiben.
  • Your Feed Is the Product of a Stealth Marketing Campaign: Diesen Artikel habe ich erstaunt (oder naiv) zur Kenntnis genommen. Der Autor argumentiert, dass ein Großteil dessen, was auf Social Media als Trend erscheint, tatsächlich gekaufte Inszenierung ist. In Zeiten, wo viele Comedians mit zurechtgestutzten (oder bereits zurechtgeschriebenen) Bits oder Crowdwork-Clips ja dem viralen Erfolg in den Sozialen Medien hinterherhecheln, wirft das die Frage auf: Ist Stand-up-Comedy möglicherweise dann anfälliger für diese Taktik als andere Kunstformen? Sind virale Clips in Comedy noch weniger viral als anderswo?
  • Die Deutschlandfunk-Sendung Querköpfe hat die englischsprachige Münchner Stand-up-Szene besucht.Interessantes, anekdotenreiches Eintauchen in ein eng umgrenztes, kreatives Biotop, das zur Abwechslung mal nicht die englischsprachige Berliner Szene ist. Allerdings lässt die Sendung schon arg jeden befragten Künstler betonen, dass man über die Jahre entdeckt habe, dass die Deutschen durchaus Humor hätten. Das Ganze dient also leider auch einer nationalen Selbstvergewisserung, interessantere strukturelle Fragen (wovon lebt diese Szene? Wie groß ist sie im Vergleich? Etc.) werden nur gestreift.
  • US-Comedian und Roast-Galionsfigur Jeff Ross ist wegen seines neuen Specials gerade ein begehrter Gesprächspartner. Bei Deadline erklärt er, der Roast von Tom Brady habe in den USA sowas wie eine kulturelle Zeitenwende markiert. Das ist in der Sache unhaltbar und eher PR für die eigene Wichtigkeit. Mit Ross scheint übrigens die nächste Figur nach seinerzeitiger Vorwürfe wieder vollständig rehabilitiert. Aber: Medien wollen Zugang, Comedians wollen Netzwerke, Sender und Plattformen suchen Inhalte. Das Erinnern oder überhaupt mal Nachfragen muss man sich auch leisten können.

    Gewissermaßen ein laut.de für Stand-up-Comedy möchte ja die Stand-up-Bibliothek sein, eine eine Ansammlung von Kurzkritiken deutscher Stand-up-Specials. Neu hinzugekommen sind etwa Einträge über Tannenecker Ouvertüre (2025) von Yorick Thiede und Supersubtil (2026) von Martin Niemeyer.

    • Der US-Comedykritiker Seth Simons hat einen Podcast gestartet. In einer Episode liefert er gleich kondensiert eine schöne Widerlegung des oft gehörten Arguments „funny is funny“:

      „If you like comedy, if you love comedy, if you believe in comedy, if you think comedy is an art form that matters, the pro comedy position is that jokes targeting trans people harm trans people because comedy is a powerful thing. It is not nothing. It is not words containing vacuums. It is words containing ideology and containing emotion and feeling. And it’s words that skip past the rational part of our brains to the irrational part of our bodies. And they change us and they make us think differently without even realizing we’re thinking differently. Or they gave us permission to feel the things that we otherwise didn’t feel we could feel publicly, that we felt we had to repress.“
    • Bei Good One war die aus Better Call Saul bekannte Schauspielerin Rhea Seehorn zu Gast. Nicht trivial fand ich ihre Erklärung, wie sie fast nur aus einer einzelnen kleinen Regieanweisung im Drehbuch alles zog, was sie für ihren Charakteraufbau wissen musste. Sie las im Drehbuch auch alles mit, was nicht explizit da stand. Das ist interessant für alle, die auch über Entwicklung von Material oder halt Jokewriting nachdenken.
    • In Mike Birbiglia’s Working It Out spricht Wanda Sykes über das ewig lahme Argument „you can’t say anything anymore“ von Comedians. Sie hält wenig davon, schreibt das Problem aber eher der individuellen Feigheit von Comedians zu (im Sinne von: Du wirst nicht wirklich zensiert, sag halt einfach, was du sagen willst). Sie verkennt aber, dass diese von ihr so wahrgenommene Heuchelei eine gewisse Funktion erfüllt, nämlich als Identifikationsangebot an ein Publikum, das sich als ausgegrenzt oder zensiert empfindet, unabhängig davon, ob diese Ausgrenzung/Zensur tatsächlich existieren. Es ist nicht so, als würde dem Publikum etwas vorenthalten und es also weniger für sein Geld bekommen. Es bekommt genau das für sein Geld, was es wollte. Die Behauptung ist das, was verkauft wird.

      Lesetipp: Tight Five Newsletter

      Tight Five ist ein US-amerikanischer Newsletter über Stand-up-Comedy, der sich stark auf das Handwerk von Comedians fokussiert. Das umfasst nicht nur detailliertes Sezieren einzelner Bits, sondern auch praktische Tipps für das Agieren hinter der Bühne. Ausgaben leider bislang nur selten und unregelmäßig, lohnt sich aber auf jeden Fall im Auge behalten zu werden. Hier geht’s zum Newsletter

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