Als junger Fahrschüler hatte ich das Problem, dass mir immer wieder Verkehrsschilder entgingen. Nicht aus Schludrigkeit oder Risikofreude, sondern, wie mir mein Fahrlehrer damals versicherte, weil ganz offensichtlich „das Blickfeld anders eingestellt werden muss“. An diese Worte musste ich beim Ansehen von Martin Niemeyers Special Supersubtil, im vergangenen Jahr aufgezeichnet im Hamburger Birdland, wieder denken. Denn bei Niemeyer erfährt man, was das überhaupt bedeuten kann, ein Blickfeld einzustellen.
Der Hamburger Comedian fokussiert etwa auf Müllbeutel, Spannbettlaken und Kleidermotten, oder auf Anwendungsfälle eines zweiten Hammers im Haushalt. Mehrere Minuten führt Niemeyer aus, wie er eine Tüte Chips isst. Kurzum: Es sind vollkommen belanglose Dinge. Aber weil Niemeyer auch im vermeintlich Banalen Besonderes erkennt, transformiert das die Dinge eben und hebt sie über das Banale hinaus. Das ist nicht mit Wichtigtuerei zu verwechseln, vielmehr handelt es sich um Selbstbehauptung in einer Welt, die einem irritierende Erfahrungen entgegenschleudert. Ein Bit beginnt mit dem epischen und hoffentlich alle Zeiten überdauernden Satz „Ich hatte mal ’ne Hose“. Banalität, Absurdität, Nostalgie, Vergänglichkeit, in fünf Wörtern.
Die Bühnenpersona agiert dabei zwischen den Polen Arroganz („Es darf keine Krankheit sein, bei der man schlechte Laune kriegt“) und Begriffsstutzigkeit. Das ist kein Widerspruch: Es gehört eine Portion Dumpfheit dazu, sich von winzigen Dingen überfordern zu lassen. Und damit das nicht dödelig wird, balanciert Niemeyer die Dumpfheit mit einer Prise Arroganz aus. Diese ist auch nötig, um glaubhaft versichern zu können, dass die je betrachteten Kleinigkeiten jeweils gerade die wichtigsten Dinge überhaupt sind. Dabei wird die Persona aber nie wirklich dumpf und nie wirklich arrogant, sie macht lediglich Trippelschritte in die jeweiligen Richtungen. Man kann sich das wie eine Sinuskurve mit Amplitude nahe null vorstellen. Aus der Ferne wirkt alles geradlinig-unterkühlt, aus nächster Nähe betrachtet ist es schillernd und wendig.
Ganz selten kratzt das Special an der Grenze zum Boomerhumor (Stichwort Geburt der eigenen Tochter vergessen), obschon Niemeyer als Vater da ein gewisser Spielraum zugestanden ist. Die Prämisse in einem Bit über Milchzähne schien mir skurril, um nicht zu sagen spektakulär, sodass ich mich wunderte, warum diesem Thema nicht mehr Raum gegeben wurde. Andererseits ist das allerdings auch die konsequente Botschaft eines Specials namens Supersubtil: Was könnte es Langweiligeres geben als das Spektakuläre? Der Zauber des Alltags liegt doch ganz woanders.
Schreibe einen Kommentar