Hihi, Söder

Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett

Warum scheitert deutsche Satire an einem Mann, der die perfekte Zielscheibe abgibt?

Wir müssen über die falsch verstandene Liebe der Satiriker zu Markus Söder sprechen. Falsch verstanden, vor allem von ihnen selbst. Ende April ging ein aufgeregtes Raunen durch die Medien: Markus Söder gab bekannt, keine Essensfotos mehr auf Instagram posten zu wollen. Das war berichtenswert, weil hier ein Staatsmann eine wichtige Entscheidung bekannt machte der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef dafür berüchtigt war, sich in den sozialen Medien an sich für keine peinliche Einlassung zu schade zu sein. Döner, Bratwürste, Hering, Pommes, mal hielt er ein süßes kleines Schweinchen in die Kamera. Und nun also: kein Essen mehr.

Man konnte das Aufatmen in den Artikeln spüren: Wenn Söder weniger Peinliches postet, heißt das wohl, dass er nun dazugelernt hat, dass er sich also in Zukunft mehr benimmt, wie es sich für einen Politiker gehört. Dass einer wohl nicht mehr Witzfigur sein, vielleicht sogar inhaltlich Politik machen möchte. Aber wer so denkt, ist Söder schon wieder auf den Leim gegangen. 

Dass das Leisertreten auf Instagram überhaupt zur Nachricht wurde, ist nicht Söders Verdienst. Es ist das Verdienst von Satirikerinnen und Satirikern, die ihn als Menschen gezeichnet haben, der mit seinen Posts peinliche Steilvorlagen liefert, der fragwürdige Entscheidungen trifft und Fehler macht. Sie haben ihn zur Witzfigur gemacht und später zur Kultfigur. Und Söder war ihnen immer einen Schritt voraus. Statt das Phänomen zu dekonstruieren, hat sich Satire selbst zum Teil des Spektakels gemacht und das legitimiert, was sie kritisieren wollte. 

Das strukturelle Problem, das Satire in Deutschland hat, möchte ich kurz an dem Beispiel des Satirikers Fabian Köster aufzeigen. Köster ist bekannt als Reporter der heute show im ZDF, er versteht sich sehr gut darauf, Politiker:innen live blöd zu kommen und entlarvende Fragen zu stellen. Eine besondere Beziehung verbindet ihn eben mit Markus Söder, denn der eignet sich aus naheliegenden Gründen besonders gut dafür, dass man ihm als Satiriker blöd kommen möchte.

Dieser Artikel gehört zur Reihe Noten zur Comedy, in der wir unregelmäßig einen Blick auf ein virulentes Thema rund um Comedy werfen. Ihr könnt die Noten auch als Newsletter abonnieren, dann kommen sie direkt (mit aktueller Presseschau und besonderem Comedytipp) ins Postfach.

Söder ist einerseits ein typisch bayerischer Ministerpräsident der CSU. Er tritt politisch breitbeinig und lautsprecherisch auf, dann mal jammernd, wenn in seinen Augen dem Bundesland Bayern zu übel mitgespielt wird. Andererseits ist es schwer, zu benennen, was seine unhintergehbaren Werte oder Überzeugungen wären. Zu oft hat er sich politisch umorientiert. Mal neigt er den Grünen zu, dann lehnt er sich in der Asylpolitik wieder weit nach rechts.

Und diese Wechsel finden nicht heimlich statt, sondern demonstrativ, sie werden nicht begründet, sondern deklariert. „Ich bin kein ausgeklügelt Buch, ich bin ein Mensch in seinem Widerspruch”, framed Söder diesen Wankelmut und Opportunismus nicht als Schwäche, sondern mit Goethe gerne als authentisch-menschlich-freiheitlich. Gerade weil ich Mensch bin, darf ich erratisch sein. Selbst schuld, wer mich auf Aussagen von gestern festnageln möchte. Ein mächtiger Politiker inszeniert sich als bodenständiger Hundeliebhaber mit Currywurst-Affinität. Und weil das oft peinlich ist, scheint er die perfekte Zielscheibe aller Satire.

Und doch beißen sich Satiriker:innen immer wieder die Zähne an ihm aus. Vergangenes Jahr ließ sich Köster etwa gar mit Söder in einem Aufzug “einsperren”, damit Letzterer keiner unangenehmen Frage aus dem Weg gehen konnte. (Und es aber natürlich auf typisch söderesque Weise trotzdem tat.) Söder ist ein Meister darin, logische Inkonsistenz in Authentizität umzudeuten. Satiriker müssten diese Technik sofort erkennen, das Spiel mit den Rollen und Masken, und auch durchschauen, wie sich Söder durch Metaebenen immunisiert. 

Aber sie scheitern. Im November 2025 saß Köster bei einer Live-Episode des Podcasts Hotel Matze und sagte: “Ich finde ihn [Söder] tatsächlich faszinierend. Weil er ist ja wirklich ein Mysterium. Es gibt ja keinen zweiten wie Markus Söder in der deutschen Politik. Also jeder andere, der seine Meinung so oft und eklatant gewechselt hat, wäre zurückgetreten. Und Söder kommt damit halt so durch. So weil er das ja auch als seine Marke verkauft. Und normalerweise schauen wir auf so einen Menschen und sagen, das geht gar nicht. Und hier sagt man ja aber auch, der Söder. […] Ich würde gerne mal wissen: Wer ist der echte Markus Söder? Hat der überhaupt Überzeugung?”

Markus Söder™ ist die Sequenz seiner Performances

Nun könnte man ja auch mal fragen, wie das sein kann, dass Söder diesen Sonderstatus errungen hat. Und ob es auch damit zu tun hat, dass man ihm seine Ausrutscher fast liebevoll auslegt und ihn immer und immer wieder zum persönlichen Gespräch bittet. Aber ich finde etwas anderes hier interessanter: Köster folgt dem klassischen Verständnis von Authentizität. Demzufolge existiert ein “wahres Ich” (bestehend aus Charakter, Werten, Überzeugungen) und eine „Fassade“ (die öffentliche Rolle, Inszenierung). Authentisch ist dann, wer die Fassade minimiert und das wahre Ich zeigt. Dieses Verständnis ist etwa im dominanten Paradigma der Stand-up-Comedy, dem US-amerikanischen, weit verbreitet.

Jedoch: Bei Söder existiert kein “dahinter” mehr. Er performt und diese Performance ist die Realität. Damit ist nicht gemeint, dass er sein wahres Ich gut verbergen würde. Vielmehr: Es gibt kein wahres Ich zu verbergen. Wenn Söder einen Baum umarmt, ist das keine Lüge (als ob er Bäume eigentlich heimlich hassen würde). Sondern in diesem Moment ist er der Baum-Umarmer. Wenn er eine Bratwurst isst, ist er der Bratwurstfreund. Und wenn er auf Instagram kürzer treten will, ist nicht der wahre Söder zur Vernunft gekommen, sondern dann ist er für einen Moment jemand, der authentisch auf Instagram kürzer tritt. Es gibt keine Meta-Ebene eines “eigentlichen” Söder, der diese Rollen nur spielt. Es gibt nur die Aneinanderreihung von Performances. 

Die Öffentlichkeit akzeptiert das, ob bewusst oder unbewusst. Niemand erwartet mehr, dass hinter Söders Performance ein konsistentes Selbst steht. Niemand außer Satirikern wie Köster, die ihm die Abweichung vom imaginierten konsistenten Selbst dann um die Ohren hauen. Aber das schlägt fehl, weil die Performance keine Abweichung von einem Kern ist, sondern der Kern selbst. 

Ähnlich einem Comedian hat Söder kein „wahres Selbst“

Es ist ähnlich wie in Stand-up: Viele glauben, dass Comedians auf der Bühne ihr “wahres Selbst” zeigen, ungeschminkt, ehrlich, verletzlich. Möglicherweise geringfügig überspitzt, aber im Kern gilt “das bin wirklich ich”. Aber Stand-up ist brillant darin, ihre Entstehungsbedingungen zu verschleiern: Es wirkt, als würde da ein normaler Mensch stehen, aber das täuscht. Der normale Mensch wird gezeigt. Ein Comedian braucht kein “wahres Selbst” auf der Bühne. Seine Persona begleitet nicht die künstlerische Leistung. Sie ist die künstlerische Leistung. Die Behauptung von Authentizität war schon immer Teil der Performance. Und Söder scheint das zu wissen. Köster nicht.

Illustriert wird das perfekt vom erwähnten Gespräch im Fahrstuhl. Köster versucht immer wieder, Söder mit Faktenchecks festzunageln. Immer wieder hält er ihm Widersprüche in seinen Aussagen, Abweichungen zwischen früher und heute, vor. Er zeigt ein kurioses Mash-up von Söders Essensposts auf Instagram. Er zeigt mit einem Einspieler, dass Söder unbeliebt ist. Nie wird es unbequem, nichts davon ist Söder unangenehm. Und natürlich liegt das auch an einem Politiker, dem selten etwas zu blöd ist. “How do you fight an enemy who is just kidding?”, fragte die Journalistin Emily Nussbaum angesichts von Trumps Aufstieg im New Yorker. 

Aber es ist auch mitnichten so, dass Söder immer die Contenance bewahrt, dass er immer drüber steht und nicht auch mal losrempelt, wenn ihm jemand blöd kommt wie etwa der Journalist Tilo Jung vor kurzem. Solche Momente zu suchen, zu forcieren, zu schaffen, wäre meiner Meinung nach auch für Satire ergiebiger als Söder ein Fähnchen in die Hand zu drücken. Wie das geht, tja, da habe ich auch keine endgültige Antwort. Aber man könnte, anstatt zu sagen “ich finde ihn faszinierend”, analysieren: Warum fasziniert er? Wem nützt diese Faszination? Statt Söder als peinliche Figur zu personalisieren, könnte man fragen: Welche Mechanismen machen solche Figuren überhaupt möglich? Und anstatt den wahren Söder™ zu suchen könnte man der Frage nachgehen, warum Authentizität schlicht keine Rolle mehr spielt für seinen Erfolg. 

Macht Satire Söder erst richtig erfolgreich?

Das Spiel mit den Masken zu durchschauen, bedeutet nicht, das Gesicht hinter der Maske zu finden. Es bedeutet zu durchschauen, dass ausschließlich mit Masken operiert wird und dann weiter zu untersuchen, was mit den Masken angestellt wird. Wenn sich an der satirischen Bearbeitung Söders nichts ändert, werden irgendwann ganz andere Fragen in den Vordergrund rücken. Zum Beispiel: Wie trägt Satire zu Söders Erfolg bei, indem sie ihn zur „Kultfigur“ macht? Ist die “Faszination”, die Köster empfindet, nicht Teil des Problems? Normalisiert die heute show, indem sie ihn als skurrile, aber letztlich harmlose Figur rahmt, letztlich Söders Grenzüberschreitungen und seinen autoritären Politikstil?

Satire wird Teil der Show. Köster glaubt, Söder zu interviewen – dabei performt er mit ihm. Möglicherweise hat die Satire in Deutschland auch schon zu lange in den Abgrund geblickt, sodass der Abgrund nun in sie hineinblickt. “Was auch heutzutage viel vergessen wird”, sagt Köster in Hotel Matze, “jeder von uns kann Politikerin, Politiker werden, kann es selber besser machen, du kannst es sofort in deinem Ortsverein, kannst eine eigene Partei gründen. […] Das ist doch ein unglaubliches Privileg. Jeder von uns kann es hier besser machen, wenn er denn will.” Das klingt nicht nach Satire, die sich als Stimme der Außenseiter oder Machtlosen sieht. Eher ist das die Position der Kritik als Institution, die das System von innen stabilisiert als zu hinterfragen. Satiriker werden dafür bezahlt, Politiker zu kritisieren, während die Politiker davon profitieren und Status erhalten, von Satirikern kritisiert zu werden.

Aus diesem unguten Verhältnis ist schwer zu entkommen, zumal für Einzelne. Einer, von dem man sagen kann, dass er es versucht – oder dass er zumindest weiß, dass dieses Verhältnis überhaupt existiert – ist der Kabarettist Maxi Schafroth. “Ich habe die Mechanismen der Politik erst verstanden, als ich mit dem Selbstverständnis der Unfehlbarkeit im Lodenjackett durch einen CSU-Parteitag marschiert bin”, sagt Schafroth im Porträt im Spiegel. Er analysiert politische Performance und die Partei als Struktur, die Söder ermöglicht, nicht Söder als kurioses Einzelphänomen.

Und dann sagt Schafroth auch: „Es darf einem als Satiriker nicht ums Gewinnen gehen, sondern darum, die Politik aufs Glatteis zu ziehen, während man selbst mit draufsteht.“ Er weiß, dass er selbst mit draufsteht auf dem Glatteis. Er ist Teil der Performance, Teil des Systems, das er kritisiert. Und wenn es auch bei Schafroth Momente gibt, die mir nicht zusagen (“meine Mission ist die Versöhnung” etwa – manche Konflikte sind nicht zu versöhnen mMn), finde ich es doch tröstlich, dass hier einer über die Grenzen seiner Kunstform reflektiert.

Comedy und Demokratie: Die Form ist entscheidend

Zurück zu Köster. How do you fight an enemy who is just kidding?, hieß es im New Yorker. Auf Söder gemünzt: Wie kritisiert man jemanden, den man selbst zum Witz gemacht hat? Die Antwort, die Köster gibt: Indem man es halt immer wieder versucht. Möglichst mit immer besseren Witzen gegen den autoritären Politikstil. Kann das klappen? 

Was das Autoritäre angeht, ja, könnte man erwidern: Natürlich schießt Söder regelmäßig übers Ziel hinaus, aber er ist doch immer noch ein Demokrat? Aber: Was jemand inhaltlich vertritt, ist die eine Sache. Aber wie man es vertritt, ist schon auch entscheidend. Und die Form, wie Söder Politik macht, folgt autoritären Mustern. 

Autoritär zu sein, bedeutet vieles, die Befürwortung starker hierarchischer Führung und klarer Regeln etwa. Aber auch: Misstrauen gegen Pluralismus, Kompromisse und demokratische Aushandlungsprozesse. Positionen werden nicht argumentativ hergeleitet oder verteidigt, sondern sind richtig, weil Söder das sagt. Ich entscheide souverän, was gerade gilt, ohne mich rechtfertigen zu müssen.

Söder kann ohne große Verrenkungen sagen: Ich stehe zur Demokratie, zur Gewaltenteilung, zu Grundrechten, ich bin gegen Diktatur, und er wird es vermutlich sogar ernst meinen. Aber Demokratie ist nicht nur ein Set von Inhalten, sondern auch eine Praxis. Wie wird diskutiert? Wie geht man mit Kritik und Widerspruch um? Wie werden Entscheidungen legitimiert? Söder kann zur Brandmauer gegen die AfD stehen, aber diese Position zum Beispiel womöglich nicht aus Prinzipientreue vertreten, sondern als aktuelle Machtentscheidung. Morgen könnte er sie ändern. Nicht weil sich die Argumente geändert haben, sondern weil es ihm strategisch passt. Wenn die Praxis autoritär ist, dann untergräbt das nichtsdestoweniger die demokratische Form.

Zumal wenn es um einen der mächtigsten Politiker des Landes geht. Einem, der vielleicht gerade ein bisschen angezählt wirkt, aber der vor noch nicht allzu langer Zeit als Bundeskanzler gehandelt wurde. Ein möglicher Kanzler Söder, zumindest aber ein Wandel im Politikstil, wäre auch das Produkt einer satirischen Normalisierung. Söder und seine Art, Politik zu machen, sind ernst zu nehmen. Aber die Satire sagt mehrheitlich: Hihi, Söder widerspricht sich. Hihi, Söder macht sich auf Instagram lächerlich. Und wenn er sich dann entscheidet, sich auf Instagram nicht mehr so sehr lächerlich machen zu wollen – dann ist selbst dieser Rückzug ein neuer Auftritt für Söder, die nächste Inszenierung, diesmal als authentischer Kümmerer. Aber die Satiriker, die vom Instagram-Söder immer profitiert haben, sind ausgetrickst und stehen mit leeren Händen da. 

Comedy-Newsletter

Alles zu Stand-up und Comedy: Szeneinfos und Empfehlungen zu Specials, Bits, Interviews, Essays, News, Podcasts und Serien.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert