Alle Artikel in: Newsletter

Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett

Podcast / David Stockenreitner / Stefan Stuckmann

Koffeinfreie Röstung. „Der R-Wert der Witze ist im kritischen Bereich und ein Impfstoff ist nicht in Sicht. Fragen Sie Karl Lauterbach, der erklärt es ihnen nochmal.“ Das sagt Produzent Stefan Raab über seine neue Show Täglich frisch geröstet in einem PR-Interview. Und daran hätte man eigentlich schon erkennen können, wohin die Reise geht (Coronajokes, Signalwörter, faule Polit-Jokes und Wortwitze zum Schenkelklopfen). Aber aus irgendwelchen Gründen habe ich mir trotzdem die erste Folge angesehen. Und so ging eine Stunde meines Lebens dahin, die ich nicht mehr wiederbekomme. Die Show übernimmt das Konzept des Roasts, also des liebevoll-beleidigenden Duells zwischen Comedians. Daher auch das „geröstet“ im Namen – obwohl eine Wendung mit „grillen“ im Deutschen ja passender wäre und obendrein in Deutschland positive Assoziationen wecken würde, just saying. Allerdings ist das ohnehin egal, denn die Macher vertrauen dem Roastkonzept eh nicht und kombinieren es mit dem Prinzip Late-Night-Show, ich vermute, weil man glaubt, dass man das Publikum so besser abholt. Naja, und weil die Macher dem Konzept immer noch nicht vertrauen, lädt man sich noch Promis wie …

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Witze-Generator / Borat 2 / Sarah Cooper

Witze-Fluxkompensator. Im Moment ist noch nicht zu 100 Prozent gewiss, wer US-Präsident wird oder bleibt. Feststeht aber, dass demnächst das große Mutmaßen in den Medien wieder losgehen wird: Was bedeutet das nun für Satire und Comedy? Wird sich Satire von Trump erholen können? (Huch, der Guardian war schneller.) War Trumps Präsidentschaft nicht ein Fest für Comedians? Würde durch Biden nicht alles normal und langweilig? Viele halten ja äußere Umstände für den Motor der Comedy. Als müsste nur der richtige (oder falsche) Typ Präsident sein oder als müssten sich nur genügend Menschen wegen einer Pandemie merkwürdig verhalten. Die Aufgabe von Comedians ist dieser Auffassung nach dann allein, solche Umstände, solche Themen zu finden – der Rest geht von alleine. In der Süddeutschen Zeitung stand anlässlich der Eröffnung des Berliner Flughafens (also der, der ewig nicht eröffnet wurde): „Satiriker müssen sich jetzt einen neuen Witze-Generator suchen.“ Darin steckt auch die Botschaft: Die Realität besorgt die Witze, Comedians können sich damit begnügen, sie auszusprechen. Wer aber jetzt noch den „Pannen-Flughafen“ als Witze-Generator benutzt, der macht wohl auch jetzt noch …

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Geburtstag / Saturday Night Live / Prix Pantheon

100 Jahre Setup/Punchline. Die hard facts: Dieser Newsletter erscheint alle zwei Wochen. Vor ein paar Wochen habe ich den 26. Newsletter verschickt. Macht in Summe 26 x 2 = 52 Wochen = 1 Jahr Setup/Punchline. Gemerkt hat das natürlich mal wieder niemand. Auch ich selbst hab’s verpasst. Drum jetzt hier ein verspätetes: Hurra. In diesem Jahr habe ich Dutzende Stand-up-Specials und Comedyserien geschaut, Artikel, Interviews und Podcastfolgen produziert, habe einen Impro-Comedykurs belegt, um Comedians besser zu verstehen. Ich habe Tucholsky, Schiller, Aristoteles, Waalkes gelesen, seit einiger Zeit etwa viele theoretische Texte über Komik in der Weimarer Republik, um Comedy in Deutschland besser zu verstehen, habe – oh darn – viel zu viele Anglizismen in meinen Wortschatz aufgenommen. Und ich habe viele Entscheidungen getroffen, von denen die wichtigste und richtigste zweifellos war, hust, den Podcast nicht „Adolf Bitler – Witze aus dem tausendjährigen Reich der Comedy“ zu nennen. Stattdessen hieß er dann „Setup Punchline – Ein Podcast über Stand-up-Comedy“. Puh. Grade noch mal gut gegangen. Kannst du überhaupt noch über Witze lachen, werde ich oft gefragt. …

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Stand-up in Berlin / Lucie Machackova / Joke Artists

Canned comedy. Vor kurzem habe ich Tenet angesehen, den neuen Film von Christopher Nolan. Und als ich nach dem zweieinhalbstündigen, hochverwirrenden Taumel erwachte, hatte ich für einen Augenblick einen albernen Gedanken: Ah, jetzt kommen ja noch die Outtakes. Also eine Sammlung von Szenen oder Momenten, wo beim Dreh etwas schief ging. Was waren das bitte für Zeiten? Als komische Filme offenbar als Packungsbeilage die Information brauchten, dass selbst die Entstehungsbedingungen von Komik unglaublich komisch sind. Ein Zertifikat gar, das fast etwas drohend besagte: „Schau mal, alle haben Spaß, sogar das Filmteam hatte Spaß – warum hast du keinen Spaß?“ Oder sind Outtakes eher als Outsourcing zu verstehen, als Entlastung der Zuschauer, ähnlich dem canned laughter? Wenn schon der Fernseher lacht, muss ich ja nicht mehr. Wenn schon das Filmteam Spaß hatte, muss ich ja nicht mehr…? Das klingt zuerst mal so, als hätte die penetrante Unterhaltungsindustrie ihr verständiges Gesicht gezeigt. Für mich spricht daraus aber eher Verachtung der Zuschauer, die man zwar als Konsumenten schätzt, auf deren Geschmacksurteile man aber genauso gut verzichten kann. Neu …

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Polt und Wells / German Humor / Robert Gernhardt

Man in the mirror. Der Philosoph Diogenes (der aus der Tonne) war zynisch, respektlos, stellte vieles in Frage und machte allen Leuten Vorhaltungen. Das ging nicht nur den Mächtigen in Athen auf die Nerven, sondern auch den normalen Leuten. Zur Verteidigung soll Diogenes gesagt haben, er ahmte mit seinem Tun einen Chorleiter nach. Chöre neigen immer dazu, die Tonhöhe zu verlieren. Darum gibt der Leiter den Ton immer etwas zu hoch an, damit der Chor diesen dann trifft. Womit wir schon bei Serdar Somuncu sind und dem jüngsten Skandal (hier sehr schön zusammengefasst nachlesbar). Somuncu kann man durchaus in der Tradition von Diogenes sehen. Die Frage ist halt, ob dieses Drüber-Singen noch zeitgemäß ist. Künstler:innen sagen gern Dinge wie: „Wir halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Wir legen ihre Brüche, Widersprüche und Lächerlichkeiten offen.“ Heute kommt mir das oft etwas bevormundend vor. Ich bin ein lächerlicher, kleiner Mensch und weiß sehr gut selbst, wann ich Heuchler bin, wann Opportunist. Was bleibt übrig, wenn sich das Spiegelvorhalten überlebt hat? Ein schwer erträglicher Seitenaspekt dieser Debatte sind …

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BBC / Janne Westerlund / Ma’s Comedy Club

A kingdom for a comedian. Die BBC, also das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen im Vereinigten Königreich, hat mit Tim Davie einen neuen Generaldirektor. Und der stampfte gleich mal auf und ließ intern verlauten: Die BBC-Comedy sei zu einseitig und unfairerweise tendenziös, berichtete der Telegraph. Nämlich zum Beispiel gegen die Konservativen, gegen US-Präsident Donald Trump und gegen den Brexit. Stattdessen solle man wieder ein breiteres Publikum ansprechen. In UK ist darüber eine Diskussion mit zahlreichen Beiträgen entbrannt: Was soll geförderte politische Comedy tun, wen soll, wen kann sie ins Visier nehmen? Das sind ziemlich komplexe Fragen. Denn worüber man Comedy macht, würfeln Comedians ja nicht einfach aus. Und heute trifft es Trump, morgen die Labour Party, übermorgen Greta Thunberg und dann wieder Alexander Gauland? That’s not how any of this works. Und dann bleibt ja noch die Frage: Was ist denn eigentlich „konservative“ Comedy? Ich glaube bei weitem nicht, dass Comedy per se „links“ oder „liberal“ ist. Aber ist sie „konservativ“ möglich, also wirklich möglich? Schließlich müsste sie ihrem Wesen nach ja Werte und Traditionen achten …

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Comedypreis / Open Mics draußen / Rhythms of Comedy

Comedy-Steuer. Die Bedeutung des Deutschen Comedypreises kann man in Frage stellen. Der Tagesspiegel hat es vor einigen Jahren etwa mal kundig getan und den Preis eine „Werbemaschine“ genannt, „die sich als Preisverleihung tarnt“. Ich blieb trotzdem kurz hängen, als ich die Nachricht las: Dieses Jahr sollen die Preisträger nicht von einer Jury bestimmt werden, sondern per Publikumsabstimmung. Was, frage ich mich, wird also hierbei wohl herauskommen? Nun, so leid mir das tut für meine Berliner Stand-up-Veteranen und meine Münchner Open-Mic-Gloifeln (kleiner Bavarismus): Wahrscheinlich gewinnen die, die viele Fans haben, mithin also schon bekannt und groß sind. Die Strukturen nützen denen am meisten, denen sie schon genützt haben. Verdient haben die Sieger:innen es dann ohne Zweifel. Aber der Preis ist so halt noch mehr reines Fan-Event als ohnehin schon, ein Mittel zum Zweck, eine Show zu verkaufen. Auf keinen Fall sollte man ihn mit Comedyförderung oder -entwicklung verwechseln. Um diese Ungleichheit zu beheben, brauchen wir also unbedingt so etwas wie einen Comedy-Haushaltsausgleich. Wer zu bekannt und zu erfolgreich ist, muss Fans abgeben, die wiederum werden nach …