Alle Artikel in: Newsletter

Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett

Geburtstag / Saturday Night Live / Prix Pantheon

100 Jahre Setup/Punchline. Die hard facts: Dieser Newsletter erscheint alle zwei Wochen. Vor ein paar Wochen habe ich den 26. Newsletter verschickt. Macht in Summe 26 x 2 = 52 Wochen = 1 Jahr Setup/Punchline. Gemerkt hat das natürlich mal wieder niemand. Auch ich selbst hab’s verpasst. Drum jetzt hier ein verspätetes: Hurra. In diesem Jahr habe ich Dutzende Stand-up-Specials und Comedyserien geschaut, Artikel, Interviews und Podcastfolgen produziert, habe einen Impro-Comedykurs belegt, um Comedians besser zu verstehen. Ich habe Tucholsky, Schiller, Aristoteles, Waalkes gelesen, seit einiger Zeit etwa viele theoretische Texte über Komik in der Weimarer Republik, um Comedy in Deutschland besser zu verstehen, habe – oh darn – viel zu viele Anglizismen in meinen Wortschatz aufgenommen. Und ich habe viele Entscheidungen getroffen, von denen die wichtigste und richtigste zweifellos war, hust, den Podcast nicht „Adolf Bitler – Witze aus dem tausendjährigen Reich der Comedy“ zu nennen. Stattdessen hieß er dann „Setup Punchline – Ein Podcast über Stand-up-Comedy“. Puh. Grade noch mal gut gegangen. Kannst du überhaupt noch über Witze lachen, werde ich oft gefragt. …

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Stand-up in Berlin / Lucie Machackova / Joke Artists

Canned comedy. Vor kurzem habe ich Tenet angesehen, den neuen Film von Christopher Nolan. Und als ich nach dem zweieinhalbstündigen, hochverwirrenden Taumel erwachte, hatte ich für einen Augenblick einen albernen Gedanken: Ah, jetzt kommen ja noch die Outtakes. Also eine Sammlung von Szenen oder Momenten, wo beim Dreh etwas schief ging. Was waren das bitte für Zeiten? Als komische Filme offenbar als Packungsbeilage die Information brauchten, dass selbst die Entstehungsbedingungen von Komik unglaublich komisch sind. Ein Zertifikat gar, das fast etwas drohend besagte: „Schau mal, alle haben Spaß, sogar das Filmteam hatte Spaß – warum hast du keinen Spaß?“ Oder sind Outtakes eher als Outsourcing zu verstehen, als Entlastung der Zuschauer, ähnlich dem canned laughter? Wenn schon der Fernseher lacht, muss ich ja nicht mehr. Wenn schon das Filmteam Spaß hatte, muss ich ja nicht mehr…? Das klingt zuerst mal so, als hätte die penetrante Unterhaltungsindustrie ihr verständiges Gesicht gezeigt. Für mich spricht daraus aber eher Verachtung der Zuschauer, die man zwar als Konsumenten schätzt, auf deren Geschmacksurteile man aber genauso gut verzichten kann. Neu …

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Polt und Wells / German Humor / Robert Gernhardt

Man in the mirror. Der Philosoph Diogenes (der aus der Tonne) war zynisch, respektlos, stellte vieles in Frage und machte allen Leuten Vorhaltungen. Das ging nicht nur den Mächtigen in Athen auf die Nerven, sondern auch den normalen Leuten. Zur Verteidigung soll Diogenes gesagt haben, er ahmte mit seinem Tun einen Chorleiter nach. Chöre neigen immer dazu, die Tonhöhe zu verlieren. Darum gibt der Leiter den Ton immer etwas zu hoch an, damit der Chor diesen dann trifft. Womit wir schon bei Serdar Somuncu sind und dem jüngsten Skandal (hier sehr schön zusammengefasst nachlesbar). Somuncu kann man durchaus in der Tradition von Diogenes sehen. Die Frage ist halt, ob dieses Drüber-Singen noch zeitgemäß ist. Künstler:innen sagen gern Dinge wie: „Wir halten der Gesellschaft einen Spiegel vor. Wir legen ihre Brüche, Widersprüche und Lächerlichkeiten offen.“ Heute kommt mir das oft etwas bevormundend vor. Ich bin ein lächerlicher, kleiner Mensch und weiß sehr gut selbst, wann ich Heuchler bin, wann Opportunist. Was bleibt übrig, wenn sich das Spiegelvorhalten überlebt hat? Ein schwer erträglicher Seitenaspekt dieser Debatte sind …

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BBC / Janne Westerlund / Ma’s Comedy Club

A kingdom for a comedian. Die BBC, also das öffentlich-rechtliche Radio und Fernsehen im Vereinigten Königreich, hat mit Tim Davie einen neuen Generaldirektor. Und der stampfte gleich mal auf und ließ intern verlauten: Die BBC-Comedy sei zu einseitig und unfairerweise tendenziös, berichtete der Telegraph. Nämlich zum Beispiel gegen die Konservativen, gegen US-Präsident Donald Trump und gegen den Brexit. Stattdessen solle man wieder ein breiteres Publikum ansprechen. In UK ist darüber eine Diskussion mit zahlreichen Beiträgen entbrannt: Was soll geförderte politische Comedy tun, wen soll, wen kann sie ins Visier nehmen? Das sind ziemlich komplexe Fragen. Denn worüber man Comedy macht, würfeln Comedians ja nicht einfach aus. Und heute trifft es Trump, morgen die Labour Party, übermorgen Greta Thunberg und dann wieder Alexander Gauland? That’s not how any of this works. Und dann bleibt ja noch die Frage: Was ist denn eigentlich „konservative“ Comedy? Ich glaube bei weitem nicht, dass Comedy per se „links“ oder „liberal“ ist. Aber ist sie „konservativ“ möglich, also wirklich möglich? Schließlich müsste sie ihrem Wesen nach ja Werte und Traditionen achten …

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Comedypreis / Open Mics draußen / Rhythms of Comedy

Comedy-Steuer. Die Bedeutung des Deutschen Comedypreises kann man in Frage stellen. Der Tagesspiegel hat es vor einigen Jahren etwa mal kundig getan und den Preis eine „Werbemaschine“ genannt, „die sich als Preisverleihung tarnt“. Ich blieb trotzdem kurz hängen, als ich die Nachricht las: Dieses Jahr sollen die Preisträger nicht von einer Jury bestimmt werden, sondern per Publikumsabstimmung. Was, frage ich mich, wird also hierbei wohl herauskommen? Nun, so leid mir das tut für meine Berliner Stand-up-Veteranen und meine Münchner Open-Mic-Gloifeln (kleiner Bavarismus): Wahrscheinlich gewinnen die, die viele Fans haben, mithin also schon bekannt und groß sind. Die Strukturen nützen denen am meisten, denen sie schon genützt haben. Verdient haben die Sieger:innen es dann ohne Zweifel. Aber der Preis ist so halt noch mehr reines Fan-Event als ohnehin schon, ein Mittel zum Zweck, eine Show zu verkaufen. Auf keinen Fall sollte man ihn mit Comedyförderung oder -entwicklung verwechseln. Um diese Ungleichheit zu beheben, brauchen wir also unbedingt so etwas wie einen Comedy-Haushaltsausgleich. Wer zu bekannt und zu erfolgreich ist, muss Fans abgeben, die wiederum werden nach …

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Sebastian Ulrich / Gauri / Josef Jöchl / Urlaub

Hello again. Achtung, tougher Newsletter-Start: Repräsentation und Diversität sind wichtig. You can’t be what you can’t see, liest man dazu oft. Einen Satz, der übrigens nicht von Beyoncé stammt, wie oft kolportiert, der aber trotzdem stimmt. Menschen ahmen Menschen nach, so funktionieren Erziehung und Sozialisation. Plakatives Beispiel: Wenn Mädchen nur Bilder von Prinzessinnen vermittelt bekommen, wie werden sie wohl sein wollen? Was mich dann direkt zum deutschen Kabarett führt. Auch das hat nämlich ein Problem mit der Repräsentation. You can’t be what you can’t see – und in Deutschland sieht man so gut wie nie: lustiges Kabarett. Nicht falsch verstehen, das ist kein Jammer über mangelnde Qualität. Es ist eine Beobachtung: Im Kontext Kabarett geht es in Deutschland selten um Lustigkeit. Ein paar Beispiele aus den vergangenen Wochen: Es wurde über Dieter Nuhr und die DFG diskutiert, über Lisa Eckhart und angebliche cancel culture oder über Florian Schröders Coup, bei einer Demo gegen Corona-Maßnahmen aufzutreten. Wenn Kabarettisten in deutschen Medien auftauchen, geht es in der Mehrzahl der Fälle um irgendwas – aber nicht um Kabarett, …

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Alex Upatov / Ana Lucía / 🏄 / Serienbrief

Sadness. Kurze organisatorische Durchsage: Setup/Punchline macht Urlaub. Darum erscheint in zwei Wochen kein Newsletter. Der Podcast läuft ganz normal weiter, auch ein Interview wird’s mal geben. Ihr werdet nur nicht per Mail draufgestoßen. Keine Angst, ich komme wieder. Die nächste Ausgabe erreicht euch am Donnerstag, den 13. August. Die Stand-up-Szene in Deutschland dagegen, wie sieht es mit der aus? Kommt die zurück? Natürlich gibts wieder vereinzelt Shows, aber das auch nur, bis vielleicht die nächste Infektionswelle kommt. Ich rede viel mit Veranstalter:innen von Stadt und Land. Manche sind verunsichert, manche wollen sich als Künstler nicht vom Staat abhängig machen. Und alle zusammen sind sie ratlos. Drei Viertel aller Comedy-Clubs im Vereinten Königreich müssen in den kommenden zwölf Monaten vielleicht schließen, zeigt eine Umfrage. Stand-up findet in Deutschland ja grötenteils in Bars und Kneipen statt. „Richtige“ Comedy-Clubs gibt es in Deutschland bislang kaum. (Mir fallen spontan nur das Comedy Café in Berlin ein oder die Filialen des Quatsch Comedy Clubs.) Soll man sich also darüber freuen, dass hierzulande kaum etwas kaputt gehen kann, weil es nichts …

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Maja Stinnen / Jakob Schreier / Comedy Without Errors

Dit is Goethe, wa? Auf den letzten Newsletter habe ich viele Rückmeldungen bekommen mit der Bitte, ich solle doch noch intensiver auf die 2000er-Serie Berlin Berlin eingehen. (Oder war’s doch nur eine? Oder hab ichs geträumt? Wer kann das schon sagen…) Auf jeden Fall bin ich mittlerweile in der vierten Staffel angelangt und halte es serientechnisch mit Goethe: himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt. Berlin Berlin hatte Ideen. Wie schön war das zum Beispiel, zwei Charaktere zu untertiteln, die beim Zähneputzen einen Dialog führen. Aber die Ideen gingen mit der Zeit offenbar aus bzw. wurden ausgeschlachtet und zerfleddert, Charaktere, die man meinte, zu kennen, handelten unmotiviert, merkwürdig oder gezwungen albern. Und ich sitze auf dem Sofa und rufe ins Wohnzimmer „Man lache nicht!“, wie einst Goethe ins Weimarer Nationaltheater, weil das Publikum mal wieder nicht den Unterschied zwischen Trag- und Komödie kapierte. Scheint ein ziemlich humorloser Typ gewesen zu sein, dieser Goethe. Oder wie eine Freundin von mir gerne sagt: Der sollte sich mal brausen. Man kann durchaus auch mal lachen, auch wenns nicht gut ist. …

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Caroline Clifford / Vanessa Willi / Jenny Kallenbrunnen

Breathe. Bevor jemand fragt: Selbstverständlich habe ich Berlin Berlin weitergekuckt. Und die Serie dankt es mir, indem sie in der dritten Staffel einen Charakter auf ein Comedy-Open-Mic schickt, wo der dann mit seinen auswendig gelernten Witzen bombt (also: avant la lettre). Menschen tragen Kostüme, Frank Zander spielt einen Zauberer und dann explodiert eine Torte. Klingt nach Palim-palim-Klamauk, ist aber schlicht gut gemachte Comedy, die… doch das ist eine andere Geschichte, die ein ander Mal erzählt wird. Eigentlich wollte ich nämlich über die taz-Geschichte schreiben. In einem Beitrag mit dem Titel „All cops are berufsunfähig“ denkt die Autorin drüber nach, was mit all den Polizist:innen geschieht, würde man die Polizei abschaffen. Sie sieht nur eine Option: die Mülldeponie. Ich glaube, das soll lustig sein, aber es gelingt nicht. Meiner Meinung nach, weil die Gedankensprünge zu groß sind, die Beispiele einfach zu weit hergeholt. Der Text hebt nicht ab. Aber natürlich verfehlt er nicht seine Wirkung. Ich verstehe ja, dass das nicht jedem gefällt. Aber wie man sich dermaßen übertrieben empören kann, verstehe ich nicht. Dem Artikel …

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Hannah Gadsby / Michael Mauder / Juri von Stavenhagen

*g* Kennste? Heute gibt es für sowas ja Emojis. Aber im Zeitalter der Chatrooms und der Surf-Metaphern hat man seine amüsierte Zustimmung mit dieser kleinen Sternchen/Buchstaben-Kombination zum Ausdruck gebracht. *g* wie grins. Darüber gestolpert bin ich auf einer alten Fanseite zur Serie Berlin Berlin von Anfang der 2000er. Ein Internet verliert nichts. Vor kurzem hat mich ein lieber Mensch darauf aufmerksam gemacht, weil es auf Netflix nun auch einen Revival-Film gibt. Der Film ist ein künstlerisches Verbrechen. Aber die Serie war ziemlich gute Comedy, und das vor knapp 20 Jahren, und das in Deutschland! (Bis auf ein paar Dialogzeilen, die wahrscheinlich der ARD-Intendant persönlich ins Drehbuch geschrieben hat.) Für mich hat sich rausgestellt: Die Fangemeinde ist riesig. Wie sehr ist der Humor der heutigen Thirty- oder Fourty-Somethings wohl von Berlin Berlin geprägt? Wäre mal eine Betrachtung wert. Ich habe das Thema dann liegen gelassen. In den USA starb der Schwarze George Floyd nach einem brutalen Polizeieinsatz (dass die weißen Polizisten ihn getötet haben, kann man nicht juristisch sicher behaupten, weil die Ermittlungen noch laufen. Nach …