Comedy-Presseschau vom 05.10.26

  • Bedeutsame Zeiten für TV-Satire in Deutschland. Die Sendung extra 3 im NDR feierte 50. Jubiläum. Und dann wurde bekannt, dass Böhmermanns ZDF Magazin Royale endet. Und dann gab das ZDF noch bekannt, eine neue Satiresendung mit Florian Schroeder zu starten. Ich wollte an die neue Schroeder-Sendung vollkommen erwartungsoffen rangehen. Ehrlich. Und dann im Newsletter irgendwas Fancies, klug Klingendes darüber schreiben, wie die Zukunft der Satire aussehen könnte. Aber dann habe ich Schroeders whackes “Satirevideo” gesehen, wo er die Linken in Berlin mit der Hamas vergleicht und andere verwirrte Dinge sagt. Und seien wir ehrlich: Wir alle wissen ganz genau, wie die Zukunft der Satire, zumindest im Öffentlich-Rechtlichen, aussehen wird.
  • Auch Stuttgart bekommt einen Comedyclub, den Eleven Comedy Club. Dahinter stehen die Comedians Fabi Rommel und EMMVEE als Aushängeschilder, die Veranstaltungsfirma Chimperator Live und die Künstleragentur Endgame Entertainment. Mich hat diese Ballung zunächst skeptisch gemacht. Hat sich da etwa eine Agentur nur eine Spielstätte für die eigenen Künstler:innen gebaut und setzt auf vertikale Integration? Andererseits: So ein Projekt lässt sich natürlich mit gut vernetzten und umtriebigen Playern leichter anschieben. Und Potenzial hat die Stuttgarter Szene ja. Möglicherweise war ich da also erst mal überkritisch. Sehen wir’s uns halt mal an.
  • Der Journalist Jens-Christian Rabe hat das Buch Komisch. Satire, Comedy und der Ernst der Lage geschrieben. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, es zu lesen, aber wenn der Pressetext schon Fragen stellt wie “Was erzählt uns der Comedy-Boom über Glanz und Elend unserer Gesellschaft?”, dann muss der Stand-up-Newsletter hier natürlich beipflichten und rufen “so einiges, aber hallo!”. Bei Übermedien gibt es ein kurzes Interview mit dem Autor. Die These, Comedy sei “in sich anti-autoritär” würde ich mit Blick auch die auch hier im Newsletter häufig dokumentierten Fälle von autoritärer Comedy nicht unterschreiben.

      Gewissermaßen ein laut.de für Stand-up-Comedy möchte ja die Stand-up-Bibliothek sein, eine eine Ansammlung von Kurzkritiken deutscher Stand-up-Specials. Neu hinzugekommen sind etwa Einträge über Tannenecker Ouvertüre (2025) von Yorick Thiede und Supersubtil (2026) von Martin Niemeyer.

      • Die Seite openmicx.com zählt Open-Mics in den USA. Und wenn das auch bestimmt keine vollständige Inventur aller Comedyshows im Land ist, gibt es doch ein wenig Aufschluss über die Größenordnungen. Für New York zählt die Seite über 200 regelmäßige Shows. Von denen ist man in Berlin natürlich weit entfernt. Aber jetzt auch nicht Lichtjahre.
      • Der Comedian Gus Tate schildert auf Instagram einen dreisten Fall von Jokeklau, ja, höchst eindeutigem und schamlosem Jokeklau durch einen Influencer. Schön fand ich Tates Ansichten bzgl. eben Jokeklau, nämlich dass es sich seiner Erfahrung nach in den meisten Fällen wirklich um Zufall handle, wenn Comedians ähnliche oder gar gleiche Jokes hätten. Wir leben alle in der gleichen Welt, und es sei wie mit zwei Vogelbeobachtern, die den gleichen Vogel beobachten und dann jeweils ein Foto machen. Guter Vergleich! Der Fall mit dem Influencer ist kein solcher Fall, sondern der Influencer hat einfach Tates Vogelfoto abfotografiert.
      • Im Hotel Matze beschreibt Hazel Brugger ein Problem großer Spielstätten, nämlich die akustische Verzögerung zwischen Pointe und hörbarer Publikumsreaktion. “Ich sehe die Leute klatschen, bevor ich sie höre”, sagt sie etwa. Je größer die Venue sei, desto kürzer müssten die Sätze sein. Interessant wäre, ob Brugger einfach alle ihre Witze in Varianten mit langen und kurzen Sätzen spielen kann, oder ob der Zwang zu kürzeren Sätzen auch Auswirkungen auf den Inhalt hat. Verleiten einen große Venues zu weniger riskanten Pointen, die mehr Anklang finden? Leider erfährt man dazu nichts in der Episode.
      • “Reproduktion von Scheiße ist auch nur Scheiße”, sagt der österreichische Kabarettist David Scheid bei den Querköpfen im Deutschlandfunk. Gemeint ist hier das Konzept “Dinge ironisch sagen, um sie eigentlich zu kritisieren, aber oft wird die Ironie nicht verstanden oder gesehen, und dann wirkt man halt wie jemand, der ganz aufrichtig das ist, was er vorgibt zu kritisieren”. Und dass das eben nicht funktioniert, sagt Scheid damit. Jawohl.

      Rubrik: Stand-up ist wie…

      Für die Startseite von Setup/Punchline habe ich eine kleine neue Rubrik gebaut: Bei jedem Seitenaufruf gibt ein Zufallsgenerator einen Stand-up-Vergleich aus. Gemeint ist damit schlicht eine Tätigkeit oder Sache, mit der jemand (meistens Jerry Seinfeld) mal Stand-up verglichen hat. Skifahren, Surfen, Turmspringen, Tischlern, Archäologie. Oder ein Ei ausbrüten. Why not. Im Moment sind ein Dutzend Vergleiche im Angebot, ich baue das aber gerne aus. Probiert es mal aus (und schickt mir eure besten Stand-up-Vergleiche, aber bitte auf keinen Fall „das erste Mal“).

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