Noten zur Comedy
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Was tun gegen die Ungleichheit in Comedy?

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Die Wirtschaft am Laufen zu halten, war eines der Hauptanliegen der deutschen Coronapolitik. Zumindest wenn es sich nicht um die Club- und Veranstaltungsbranche handelte. Die gab sich mit strengen Einlasskontrollen, Kapazitätsbegrenzungen und Hygieneregeln zwar streberhaft überkorrekt, hielt aber trotzdem den Schwarzen Peter, weil Kultur halt nicht wirklich überlebensnotwendig ist und sich mit Bildern von schwitzenden und tanzenden Meuten gut Stimmung machen ließ. Reihenweise gingen Veranstalter und Clubs ein; ob und wann und in welcher Form sie wiederkommen: ungewiss.

Gar nicht wiederkommen, weil nie weggewesen, muss zum Beispiel der Veranstaltungs- und Ticketing-Großkonzern CTS Eventim. Der größte deutsche Konzertveranstalter zählt – anders als viele kleine – eindeutig zu den Pandemiegewinnern, wie der Veranstalter Berthold Seliger in einem Artikel bei der Zeit schreibt. Trotz sattem Gewinn 2019 erhielt CTS Eventim im Pandemiejahr 2020 gut 100 Millionen Euro Hilfen vom deutschen Staat. Und das ohne Zweckbindung, wie Seliger ausführt, zum Beispiel um Mitarbeiter:innen zu unterstützen, Techniker, Stagehands etc., die oft genug nur frei beschäftigt werden, und deren Einkommensausfälle zu kompensieren. Nun baut man sich halt in Mailand eine schnieke Mehrzweckhalle, damit die Hallenmiete, Stichwort vertikale Integration, direkt im Konzern verbleiben kann. Herzlichen Glückwunsch.

Ums mal deutlich zu sagen: Konzentrierte Konzernmacht wie die von CTS Eventim ist der Tod aller Kunst. Wenn sich Kultur immer „lohnen“ muss und das nur tut, wenn sie mindestens x-tausend Tickets verkauft, obendrein gar nicht mehr „Kultur“ heißt, sondern „Event“, wenn darüber dann konzerneigene Mehrzweckhallen Räume für die urbanen Subkulturen verdrängen und Kommunen das zulassen, ja dann müssen die kleinen Musiker, Comedians, Lyriker oder Slammer halt schauen, wo sie bleiben.

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Seliger verweist in seinem Artikel auch auf eine Untersuchung, die der US-amerikanische Ökonom Alan Krueger 2019 durchgeführt hat. Demnach erzielte ein Prozent aller Musiker:innen gut 60 Prozent aller Konzerteinnahmen. Wäre das Musikbusiness ein Staat, gäbe dieses Maß an Ungleichheit Anlass zu höchster Sorge um gesellschaftlichen Frieden und Demokratie.

Aber es ist ja kein Staat mit etwaigem Sozialwesen, es ist das Business und damit eine vom Glauben an Leistungsgerechtigkeit zerfressene Ansammlung von Playern. Die Legende: Wer erfolgreich ist, hat’s verdient, wer nicht, hat sich halt irgendwie dumm angestellt oder verfügt, sieh’s halt ein, nicht über das nötige Talent, sicherlich aber nicht über den richtigen Businessplan. Mittelmaß braucht nun wirklich keine Subvention und ähnlicher Schmu, wie man ihn in Reden von Lindner oder Merz nachschlagen kann.

Fürs Comedybusiness konnte ich keine vergleichbaren Zahlen auftreiben, es würde mich aber wundern, wenn der Fall dort anders läge. Giganten wie Louis CK, Dave Chappelle oder in Deutschland Felix Lobrecht verkaufen Zehntausende Tickets, am anderen Ende des Panoramas kämpfen Comedians ums Überleben. Das mag in Einzelfällen ja gerechtfertigt sein. Aber wirklich radikal, geschweige denn revolutionär, klingt es nicht, wenn man sagt: Generell verdienen die da oben ein bisschen zu viel. Und die da unten ein bisschen zu wenig.

Warum sollte zum Beispiel Louis CK nicht für jedes der 10.000 verkauften Tickets bei seiner Show in der Berliner Mercedes-Benz-Arena Ende März (Ticketpreise: 55 Euro aufwärts) 50 Cent oder 20 Cent oder meinetwegen 10 Cent in einen Fonds einzahlen müssen, der dann Geld an die Berliner Stand-up-Szene ausschüttet? Bei 10 Cent pro Ticket kämen 1.000 Euro zusammen, die nach unten an die Basis fließen. Man würde sich ja schämen, das als „Umverteilung“ zu bezeichnen. Aber es ist eine Summe, die an der richtigen Stelle eingesetzt viel bewirken könnte.

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