Presseschau

Comedy-Presseschau vom 21.04.22

(Foto: Museums Victoria on Unsplash)
  • Der US-amerikanische Schauspieler, Comedian und Synchronstimme des Papageis Jago in Disneys Aladdin, Gilbert Gottfried, ist gestorben. (Nachruf beim Guardian) Gottfried war in Stand-up-Kreisen wegen seiner krächzenden Stimme legendär. Und ein ganz klein wenig auch, weil er der vielleicht vulgärste Komiker war, den die Erde jemals gesehen hat, und ein glänzender Interpret des Aristocrats-Jokes. Wenn man sich mal auf die Vulgarität eingelassen hatte, entwickelten Gottfrieds Auftritte ein besonderes Momentum. Eric Farwell betont im Atlantic entsprechend auch die künstlerische Leistung: Gottfried habe dazu beigetragen, „move [stand-up] beyond the realm of the merely observational and create space for the absurd“.
  • Moritz Post rezensiert in den Frankfurter Rundschau die Comedy-(Comedy?)-Sendung Mario Barth deckt auf! und schreibt: „Unseriöser kann man eine journalistische Recherche nicht ins Bild setzen.“ Die Sendung mache sich zum „Handlanger des liberal-populistischen Lobbyismus“.
  • Die Zeit interviewt ZDF-Magazin-Autor- und Ex-Titanic-Chefredakteur Tim Wolff. Der sagt wie gewohnt viel Reflektiertes, am schönsten ist trotzdem eine Anekdote aus einer Zeit, in der Wolff unter Polizeischutz stand: „Einmal hat die Polizei eine Bombe bei mir im Hinterhof versteckt. Als Such-Übung für neue Beamte. Das wurde mir tele­fonisch mit dem schönen Satz »Wir haben einen kleinen Anschlag auf Sie vor« angekündigt. Dann wurde unterm Küchenfenster eine Regentonne abgestellt, auf die, kein Witz, ein Wecker montiert war. Die Polizei bezieht also ihr Bomben-Wissen aus alten Comics. Der Gag an der Geschichte: Die neuen Polizisten haben die Bombenattrappe dann gar nicht gefunden. Danach war es irgendwie in Ordnung für alle, den Polizeischutz einzustellen.“
  • Judy Berman ananylsiert im Time Magazine anhand von Bill Maher, Dave Chappelle und Hannah Gadsby die merkwürdige Obsession von Comedians, die sich an ihren Kritikern und Hatern in Sozialen Medien abarbeiten. „As these conflicts escalate, the result is even more attention for these stars. That isn’t just bad for public discourse, it’s bad for a mainstream comedy landscape“.

Stand-up-Comedienne Kristen Schaal

SPECIAL-EMPFEHLUNG: Kristen Schaal: Live At The Fillmore (2013)

Comedians wie Bo Burnham oder Hannah Gadsby wird gerne vorgeworfen, dass das zwar Kunst sei, was sie machten, aber eben nicht lustig. Kristen Schaal gelingt es, beides zu vereinen und trotz klamaukigstem Irrsinn ihre eigene Performance sanft zu dekonstruieren, indem sie sich u.a. von einem hecklenden Kind zerstören lässt. Sie predigt nicht ihre Gedanken, sondern – gewichtiger Unterschied – exerziert sie vor.

  • Einer der berühmtesten Comedyclubs, nämlich der Comedy Store in Los Angeles, ist 50 Jahre alt geworden. Bei Variety erzählen Comedians dazu ein paar Anekdoten. Die legendäre Chefin Mitzi Shore, 2018 gestorben, wird in vielen Artikeln als comedy’s tastemaker bezeichnet. Unter den Tisch fällt gerne, dass Shore Comedians nach Strich und Faden ausbeutete (nicht umsonst wurde im Store 1979 gestreikt) und mit Psychospielchen gefügig zu machen versuchte, was ihr – dank der zugeschriebenen Rolle als tastemaker – oft genug gelang. Dann zwang Shore schon mal Comedians dazu, mit ihr zu schlafen (wie man aus einer Dokuserie erfahren konnte) oder den Club zu renovieren. Auf bessere 50 Jahre! (Mit Dank an Mario M. für den Hinweis!)
  • Im Podcast Politik ist tot spricht Jean-Philippe Kindler über linke Satire. Kindler sagt von sich, er mache kein Kabarett, sondern eher unbelehrende Satire. Sowas kann man natürlich behaupten, offenbart dann aber auch ein wenig Unbedarftheit, was Begriffe und Geschichte der eigenen Kunstform angeht. Auch Stand-up wird im Podcast über einen etwas zu großen Kamm geschoren und gönnerhaft abgeurteilt. Aber was wollte ich sagen? Kritik hin oder her, es ist ein hörenswertes Gespräch und ich bin gespannt, mehr von Kindlers Kabarett, pardon Satire, zu sehen.
  • Gerade konservative Politiker fordern allerorten gern, dass Satire doch „rechts wie links“ draufhauen müsse. Ist natürlich eine widersinnige Forderung, denn es ist komplizierter. Die Kabarettisten Maxi Schafroth und Django Asül erklären im SZ-Interview am Beispiel von Robert Habeck und Andreas Scheuer, warum das so ist.

Schau-Tipp: Looking For Lenny

Comedian Lenny Bruce

In Wochen wie diesen denke ich manchmal, dass es einen Comedy-Führerschein bräuchte. Auf die Bühne dürfte erst, wer in einer theoretischen Prüfung zumindest rudimentäre Kenntnis über Lenny Bruce nachweisen kann. Dann würden sich vielleicht nicht gar so viele mit dem Stand-up-Pionier verwechseln und zu Comedymärtyrern stilisieren. Naja, wer weiß. Sicher ist, dass die Stunde, die mit dem Ansehen dieser Dokumentation über Bruce von 2011 verbracht wird, gut angelegt ist. (Auch wenn manche Comedians, die darin vorkommen, den Führerschein wohl nicht bestehen würden.)

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