Noten zur Comedy
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Wie Instagram und Tiktok Comedy prägen

Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett
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Um des schnellen Posts willen verleiten sie manche Comedians zum Abkupfern. Schuld ist eine Branche, die kaum mehr Geduld aufbringt, um Talente zu entwickeln.

Auch Witze haben Konjunktur. Einer, der jüngst wieder sehr gut passte, geht so: „Time to ban Viagra. Because if pregnancy is ‚God‘s will’, then so is your limp dick.“ Die US-amerikanische Sängerin und Schauspielerin Bette Midler postet ihn am 27. Juni als Spruchkachel auf Twitter. Midler reagiert damit auf die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA, ein Grundsatzurteil zum Abtreibungsrecht zurückzunehmen.

Zwei Tage später, am 29. Juni, postet der deutsche Comedian Marcel Mann ein Video auf Instagram. Darin unterbreitete er den „Konservativen der Welt“ einen Vorschlag: „Lasst uns Viagra verbieten. Denn wenn es Gottes Wille ist, dass Frauen schwanger werden, dann ist es auch Gottes Wille, dass manche Pimmel schlaff bleiben.“ Einen Verweis auf Midler findet man im Video nicht.

Und wozu auch? Es hat schließlich einen Grund, dass Midler eine Kachel in schlechter Auflösung postet und als Tweet nicht etwa einen Text tippt. Auch sie hat offenbar abgekupfert, ohne eine Quelle anzugeben. Der Viagra-Spruch kursiert seit Jahren im Internet (hier etwa ein Foto von einem Protestplakat von 2017) und wurde durch die jüngsten Ereignisse in den USA wieder hochaktuell.

Andererseits: Wir sind ja hier bei einer sehr zeitkritischen Kunstform. Ist nicht Originalität ein wichtiges Charakteristikum guter Comedy? Sollten sich nicht gerade Comedians davor hüten, abgedroschene Sprüche als Witze auszugeben? Und sollten nicht gerade sie, für die Gagklau eine veritable Bedrohung darstellt, davon Abstand nehmen, sich mit fremden Aussagen zu schmücken?

Dieser Artikel gehört zur Reihe Noten zur Comedy, in der wir alle zwei Wochen einen Blick auf ein virulentes Thema rund um Comedy werfen. Ihr könnt die Noten auch als Newsletter abonnieren, dann kommen sie direkt (mit aktueller Presseschau und besonderem Comedytipp) ins Postfach.

Bette Midler ist ein Star, sie wird im Dezember 77. Es geht bei ihr um nichts mehr; gut möglich, dass es ihr schlicht egal ist. Marcel Mann dagegen ist nicht halb so alt. Er ist kein Star, aber ein umtriebiger Medienschaffender. Er ist Schauspieler, Podcaster, Synchronsprecher, Stand-up-Comedian. Im umkämpften Feld der Aufmerksamkeit nutzt er Instagram gekonnt, um eine Fangemeinde zu pflegen. Er erwirtschaftet das in der Unterhaltungsindustrie so wichtige soziale Kapital; auch, indem er fremde Inhalte als eigene ausgibt.

Zwei weitere Beispiele: In einem Video empfiehlt er, an Gewicht zuzulegen, da es dann schwieriger sei, entführt zu werden. „Schütze dich, iss mehr Süßes“, sagt er. Und in einer Textkachel bringt er eine Idee für eine TV-Show zum Ausdruck, in der sich Heteromänner als schwul ausgeben sollen.

„Schütze dich, iss mehr Süßes“ ist eine Übersetzung/Anpassung von „stay safe, eat cake“, ein alter Witz, der es schon zum T-Shirt-Spruch gebracht hat. Und das Konzept für die Sendung findet sich eins zu eins so auf Reddit – in einem zehn Jahre alten Post. Credit hat Mann auch in diesen Fällen nicht gegeben. Wem auch? Die Witze sind schlicht zu alt, als dass sich das herausfinden lassen würde. Was man aber weiß: Sie stammen nicht von Mann. Indem er sich nicht dazu äußert, suggeriert er seinen knapp 24.000 Follower:innen allerdings, dass es sich dabei um genuin eigene Ideen handelt. Eine Anfrage von Setup/Punchline, ob es sich bei diesem Vorgehen um Versehen oder eine bewusste Strategie handelt, hat Mann unbeantwortet gelassen.

Comedy ist Tragik plus Zeit, geht eine abenso abgedroschene Formel. Und zu dieser Tragik gehört, dass das System nicht dem Comedian Erfolg beschert, der individuelles, einzigartiges Material erarbeitet und seinen Künstlerstolz hat; sondern lieber dem mit dem sozialen Kapital; dem, der weiß, wie Vermarktung geht, und in welcher Frequenz er eine Fanbasis auf Sozialen Medien bespielen muss. Es gehört zur „Fantasielosigkeit einer Welt, die in kurzen Zeiträumen und bestehenden Märkten denken muss“, wie der Autor Oliver Weber das am Beispiel der TV-Sendung Die Höhle des Löwen kürzlich genannt hat. Gute Like- und Followerzahlen sind weder hinreichende noch notwendige Bedingungen für Erfolg. Aber immerhin sind es Metriken für – irgendetwas – und somit haben sie in dieser komplexen Welt der menschlichen Geschmäcker irgendwie wertvolle Aussagekraft für Agent- und Produzent:innen.

Die Sozialen Medien werden immer wichtiger für Comedy. Ende 2020 sagte der Chef der Comedysparte bei der britischen BBC, man müsse die Methoden überdenken, neue Comedytalente zu akquirieren, und dabei eben auch auf Plattformen wie Tiktok agieren. „Tiktok Is One of the Best Sources for Memes and Funny Content“, ist einer der Artikel übertitelt, auf die man heute immer öfter stößt. Variety listet im aktuellen Comedy Impact Report Quinta Brunson, die über Clips auf Instagram berühmt wurde, auf Platz zwei – nach Regisseur Judd Apatow. Dieses Jahr ist Tiktok Sponsor des renommierten Edinburgher Fringe-Festivals. „Meet the Tiktok comedians taking over this year’s Edinburgh Fringe“, kündigt der britische Independent an.

Instagram und Tiktok werden Comedy in den kommenden Jahren prägen, tun es jetzt schon. Und people react to incentives: Wenn sich die alten Gatekeeper, Sender, Produktionsfirmen, Agenturen, zur Rekrutierung von Nachwuchs dorthin orientieren und dabei vor allem die Followerströme im Blick haben, dann wundert es nicht, wenn Menschen versuchen, die Followerströme hoch zu halten. Mit welchen Mitteln oder Inhalten, ist nachrangig. Marcel Mann ist nur ein Symptom für Entwicklungen in einer Industrie, der es zu aufwendig geworden ist, Talente selbst auszubilden und zu entwickeln, Scouts zu Open-Mics zu schicken und sich in lokalen Szenen zu vernetzen.

Kleiner Vorhalt: Ganz ohne Selbstvermarktung geht es ja nicht. Und Künstler oder Selbstvermarkter sind nicht die Pole eines einzelnen Spektrums. Nicht jeder Comedian oder Comedy-Aktivist auf Instagram oder Tiktok (siehe etwa das Beispiel Quinton) ist ein abkupfernder hack. Und nicht jeder Comedian, der als armer Poet unter dem Dach fleißig Joke um Joke klöppelt, ist ein Ausbund an Originalität, von der doch nur eben mal jemand etwas mitbekommen müsste.

Und nun das Aber: Wenn Witze nur mehr als Füllmaterial für die Social-Media-Strategie behandelt werden, richtet das Schaden an. Es befördert die Entkernung von Comedy, weil das Wort bedeutungslos wird, wenn alles Comedy sein kann, was der Steigerung der Aufmerksamkeit in den Sozialen Medien dient. Es adelt frei flottierenden Quatsch als Branchenstandard (ein Job, den sonst Fußballkommentatoren erledigen). Es trägt zur Gewöhnung des Publikums an eben diesen Quatsch bei. Und es gibt ein Statement ab: Originalität, Handwerk, Kunstfertigkeit sind nichts wert.

Frei flottierender Quatsch ist keine Comedy. „If it’s on a T-shirt it’s dead“, hat der US-Comedian Gary Gulman einmal geschrieben. „We stand out by writing things the fashion people and advertisers and other hacks/amateurs can’t think of.“ Es wirkt schon fast wie Hohn, dass Mann auf seiner Homepage mit einem Zitat des Quatsch-Comedy-Gründers Thomas Hermanns wirbt: „Er kann natürlich gut spielen und hat dazu eigenes starkes Material!“

Mit Dank an die Hinweisgeber.

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