Comedy-Presseschau vom 18.08.22

(Foto: Museums Victoria on Unsplash)
  • Fringe Festival (siehe dazu auch hier): Wer nicht in Rezensionen ertrinken möchte, dem sei der historische Überblick im Economist nahegelegt. Immerhin besteht das Festival auch schon 75 Jahre. Es begann damals wirklich als Neben- bzw. „Randfestival“ eines anderen Festivals, weil sich schottische Theatergruppen ausgeschlossen fühlten. Solche Abspaltungen, siehe etwa das Free Fringe oder das Forest Fringe, sind fast unausweichlich angesichts der Entwicklung des Festivals: „An institution as large as the Fringe cannot expect to retain its edge […].“
  • Man erfasst die Dinge erst, wenn man sie zeichnet, soll er einmal gesagt haben: Der weniger ironische, denn melancholische französische Illustrator Jean-Jacques Sempé ist gestorben. Bei Intellectures gibt es einen Nachruf samt kleiner Werkschau.
  • Männer, die an Studio-Schreibtischen sitzen und neben eingeblendeten humorigen Grafiken Sachverhalte erklären: Es ist eines der beliebtesten Comedyrezepte Deutschlands. Und weil es so gut läuft, kopieren deutsche Sender es noch und nöcher, „bis zum bitteren Ende“, anstatt etwas Neues auszuprobieren. Sagt Moderator Philipp Walulis im Podcast bei Christian Jakubetz.
  • Die „Deutsche Comedypreis“ genannte Veranstaltung bekommt ein neues Konzept, wie DWDL berichtet. Vermutlich auch, weil die Einschaltquoten der meist etwas zähen Preisverleihung nachgelassen haben.
  • Der Stand-up-Comedian Nizar listet in seiner Show Shitstorm zahlreiche antisemtische Vorurteile auf und rechtfertigt das mit dem (übrigens jüdischen) Satiriker Kurt Tucholsky. Joshua Schultheis kritisiert in der Jüdischen Allgemeinen, dass Nizar hier etwas gehörig missverstanden hat und nennt ihn einen „Brandstifter“: „Was Nizar mit seinen Witzen aufbläst, ist das Gegenteil des von Tucholsky Intendierten: nämlich die Lüge und das Vorurteil.“ Ich meine ja, dass kluge Satire, die mit Klischees arbeitet, möglich ist. Die von Nizar fällt sicherlich nicht darunter.

Die Stand-up-Comedienne Malarina aus Wien

SPECIAL-EMPFEHLUNG: Malarina: Serben sterben langsam (2021)

Man könnte geländegängige Jokes über serbische, kroatische, österreichische Stereotypen machen. Oder über das Leben als Serbin im so unserbischen Wien sprechen. Das alles gibt’s bei Malarina schon auch, aber sie bohrt etwas tiefer. Ein Comedyprogramm mit einem Exkurs über den Ersten (!) Weltkrieg zu starten, ist ein ziemlicher bold move. Beeindruckende Präsenz auch: Da fühlt sich jemand wohl auf der Bühne.

  • „Geht es auch noch weniger witzig?“, übertitelt die FAZ eine Rezension der ZDF-Comedyserie Vierwändeplus. Medien hauen gerne zu pauschal auf deutsche Comedyproduktionen drauf, aber in diesem Fall ist etwas dran: Die Geschichte über ein alternatives Wohnprojekt ist absurd lebensfern und viel zu (viel zu!) vollgepackt mit „verrückten“ Ideen. Wäre Vierwändeplus ein Gemälde, wäre es ein unförmiger brauner Klecks, weil der Künstler einfach immer noch mehr Farben reingeklatscht hat. Ich dachte sehnsüchtig an die Serie Joe Pera Talks With You, das sich traute, einfach in einer Episode auch mal nur eine (einzelne!) Idee auszuagieren. Zum Beispiel, dass Joe einen Freund beim Kauf eines Sessels begleitet 🤷
  • Das US-amerikanische feministische Satiremagazin Reductressist aufgekauft worden. Die Entscheidung der Gründerinnen kann man persönlich natürlich irgendwie nachvollziehen. Dass sich große Konzerne Comedyinstitutionen einverleiben (man stelle sich das zum Beispiel mal mit dem Postillon und Axel Springer vor), löst in mir aber doch regelmäßig Irritationen aus.
  • Der New Yorker porträtiert Mike Judge, den Schöpfer von Beavis and Butt-Head. Das Cartoon-Duo, das für mich die 1990er verkörpert wie nichts sonst, ging Anfang August in die neunte Staffel.
  • Betr. Joke-Klau:Are you “hopping on a trend” or are you plagiarizing? Rebecca Jennings beschreibt bei Vox, wie die Mechanismen des Internets (und natürlich Kleingeistigkeit) Menschen dazu bringen, voneinander abzukupfern und zu klauen. „It’s about […] doing a Google search before you reproduce something. But people don’t do that extra work because there’s an assumption that what they’re seeing is a direct reflection of reality, which of course is not always true.“

Lesetipp: The origin of That‘s What She Said

Ich bin seit kurzem Zuschauer und Fan der US-Version von The Office und es ist wunderbar, wie wandelbar die Charaktere sind und wie Serie selbst einzelne running gags verfolgt, variiert und subvertiert. Zum Beispiel den Witz „That’s what she said“, der dazu dient, an sich unverfängliche Äußerungen schnell in einen schmutzigen Kontext zu versetzen. Ein Beitrag bei The Laugh Button geht der Frage nach, wo dieser Spruch eigentlich herkommt.

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