Was war nochmal das Problem mit Louis CK?

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Sein Genie war immer Teil eines Betrugs. Und der neue Deal mit Netflix ist nur das letzte Symptom einer Rehabilitierung, die längst stattgefunden hat.

Louis CK ist wieder da. Netflix holt den “once-exiled”, also vormals verbannten Comedian zurück aus dem Exil, wie der Hollywood Reporter vermeldet. Der Streamingdienst hat CK für das hauseigene Festival engagiert und wird auch dessen nächstes Stand-up-Special veröffentlichen. Endlich, mögen manche jubeln, hat die Bestrafung ein Ende.

Ist natürlich Quatsch. Das strenge Exil war nie so wirklich streng. 2017 hatten fünf Frauen CK in der New York Times vorgeworfen, vor ihnen masturbiert zu haben. CK räumte das ein und zog sich für etwa ein Dreivierteljahr aus der Öffentlichkeit zurück. Dann war er wieder da, spielte Auftritte, Open-Mics, Festivals, eine Welttournee in großen Hallen. Spätestens als er einen Grammy bekam, hätte man sich fragen können, was das eigentlich für ein Exil ist, in dem verbannte Comedians mit renommierten Preisen ausgezeichnet werden. Im kulturkämpferischen Klima unserer Zeit wurde CK dennoch gerne als Märtyrer der Cancel-Culture wahrgenommen.

CK ist nicht zurück, weil er nie weg war. Insofern stellt auch der Netflix-Deal keine Rehabilitierung dar, sondern nur noch das letzte Symptom der Rehabilitierung, die längst stattgefunden hat. Netflix macht aus der Rückkehr allenfalls noch ein institutionelles Ereignis und klebt ein Label drauf: Der Markt hat entschieden, dass er auf CK nicht verzichten kann.

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Comedyindustrie, Fans und Medien haben CKs Rückkehr immer begleitet, vorbereitet, ja auch: herbeigesehnt. Das möchte ich anhand eines Beispiels aus der Süddeutschen Zeitung aufzeigen. Der Autor hat eine Show von CK in London besucht und wusste noch nichts vom Netflix-Deal. Es handelt sich um ein Dokument, wie ein bestimmter Typ von Kulturkritik funktioniert – kunstaffin, moralisch an sich nicht unsensibel, aber nachsichtig und strukturell täterzen­triert. 

Kurz vorausgeschickt: Ich bin nicht der Meinung, dass Medien nicht über CK berichten sollten. Tatsächlich kann man ja angesichts des ganzen Falls interessante Fragen stellen und gesellschaftliche Schwerpunktsetzungen und Verschiebungen aufzeigen. An Louis CK ließen sich wunderbar komiktheoretische Gedanken veranschaulichen. Dem Philosophen Noël Carroll zum Beispiel verdanken wir die nützliche Unterscheidung zwischen humor type und humor token. Der humor type ist die abstrakte Struktur des Witzes, also Aufbau, Mechanik, Pointe etwa. Der humor token dagegen ist die konkrete “Aufführung” eines Witzes in einem spezifischen Kontext zu einer spezifischen Zeit an einem spezifischen Ort, von einer spezifischen Person vor einem spezifischen Publikum. Ob ein Witz zu weit geht, bestimmt sich laut Carroll nicht durch den type, sondern durch den token – sonst müsste ein und derselbe Witz ja immer dieselbe Reaktion hervorrufen. Carroll schreibt: Die Immoralität eines Witz-Tokens kann eine Erzählung dieses Witzes unfunny machen. Oder zumindest weniger witzig.

Mit Carroll gesprochen könnte man, selbst 2026, noch Artikel schreiben und sich Gedanken machen: Was bedeutet es, dass Louis CK jetzt hier Witze vor diesem Publikum macht? Stattdessen stellt der SZ-Artikel eine andere Frage ins Zentrum: Wie genial ist Louis CK denn nun heutzutage? 

Die Opfer bleiben eine Leerstelle im Diskurs über Louis CK

Natürlich geht das nicht ohne einen kurzen Pflichtabschnitt über den sexual misconduct, ein bekanntes Muster in Artikeln über CK. “Er, der Weltstar, hatte die Frauen, oft aufstrebende Komikerinnen, in eine denkbar schlimme Situation gebracht”, heißt es, woraufhin diese Frauen dann nicht mehr auftauchen. Kein Wort darüber, wie es ihnen ergangen ist oder ob CKs Rückkehr für sie Konsequenzen hatte. Die Opfer bleiben eine Leerstelle im Diskurs über Louis CK.

Kurz erwähnen muss sein, andernfalls würde es sehr merkwürdig wirken, sich einfach der ausführlichen Würdigung der Show zu widmen, die im Artikel wesentlich mehr Raum einnimmt als das Vergehen. Der Artikel argumentiert implizit, dass künstlerische Qualität eine Art moralische Währung ist, die man gegen Konsequenzen eintauschen kann. Das zeigt sich besonders in der Schlussformel. Die Erzählung wird als äußerst gelungen gelobt, “weil Louis C. K. halt immer noch ein großer Erzähler ist: brillant”. Entscheidend ist hier das Wort “halt”: Egal was war, und man kann sagen, was man will, es mag sogar ein bisschen bedauernd klingen, aber es klingt so, als sei CKs Brillanz eine unabänderliche Naturgewalt, der man sich nur beugen kann. Die Qualität des Witzes wird zur Rechtfertigung für die Rehabilitation. 

Nur einmal wird vorsichtig Distanz zu bestimmten CK-Fans markiert: „Vielleicht sind sogar ein paar neue Fans, denen es gar nicht entcancelt genug zugehen kann, hinzugekommen, man kann sich seine Unterstützer nicht immer aussuchen.“ Das entlastet CK von der Verantwortung für sein Publikum. Jedoch blendet es aus, dass CK diese Art von Fan auch gezielt gesucht hat. Er thematisierte wiederholt, auch auf der Bühne, dass er eigentlich ja den consent der Frauen eingeholt hatte. Er zeigte sich genervt, bisweilen verständnislos gegenüber der Aufregung. Er führte schon mal lang und breit aus, dass es schlicht unmöglich sei, sich zu entschuldigen, weil so große Erwartungen an eine passende Entschuldigung geknüpft würden. Es kann nicht ernsthaft verwundern, dass CK mit solchen Äußerungen bestimmte Knöpfe drückte bei Menschen, denen das mit dieser Cancel-Culture vielleicht ein bisschen zu weit ging.

Jetzt zeigt Louis CK sogar Reue! Ist es denn niemals genug?

Früher, bei Post-MeToo-Auftritten, habe CK “verbittert” gewirkt, konstatiert der Artikel, “ohne echtes Verständnis für seine Opfer”. Dann aber kam sie ja doch, die Aufarbeitung, denn später habe CK noch öffentlich bedauert, so viele Menschen verletzt zu haben, nämlich im Podcast von Comedian Theo Von. “Im Herbst 2024, eine späte öffentliche Reue.”

Wenn jemand öffentlich Reue zeigt, dann muss der Fall ja an sich abgeschlossen sein, dann muss es doch endlich einmal genug sein, nicht wahr? Ich meine, seriously, come on, wie viel wäre endlich einmal genug? Hat Louis CK nicht ein ganzes Special namens Sorry veröffentlicht, dann letztens die Reue im Podcast? Ist er nicht geläutert? Ist es jemals genug?

Es gibt zwei Probleme mit dieser Frage. Zunächst einmal setzt sie CK ins Zentrum und fragt: Was muss er tun, damit wir uns beim Schauen wohlfühlen? Die Opfer tauchen in dieser Fragestellung gar nicht auf. Es gibt mindestens eine Frau – Abby Schachner – die öffentlich gesagt hat, dass sie sich aufgrund des misconducts letztendlich aus Comedy zurückgezogen hat. Was ist mit ihr? Ob CK „genug“ Buße getan hat, ist eigentlich eine Frage, die primär die Betroffenen beantworten müssten – und das haben sie, soweit bekannt, nicht getan. 

Das zweite Problem: „Genug“ von was? „Genug“ impliziert, dass es überhaupt einen Prozess gab. Aber das ist schlicht nicht der Fall. Es gab keine juristische Aufarbeitung, keine institutionelle Konsequenz, keinen Dialog mit den Betroffenen, der öffentlich bekannt wäre. Keine Instanz mit irgendeiner Autorität hat zum Ausdruck gebracht: Es kann so nicht weitergehen. Hier beginnt nun etwas Neues. “I will now step back and take a long time to listen”, teilte CK damals in einem Statement mit. Es ist nicht klar, was für Erkenntnisse er durch das lange Zuhören gewonnen hat. Strukturelle Veränderungen in der Comedybranche haben auf jeden Fall nicht stattgefunden. Was stattgefunden hat: öffentlicher Druck, Pause, Rückkehr, Markterfolg.

Der Podcast von Theo Von ist kein neutraler Ort

Dass CK im Podcast von Theo Von Reue gezeigt hat, gehört dabei genauso zur Nicht-Aufarbeitung: Die Reue fand in einem Format eines Comedians statt, der wiederholt rassistischen, misogynen, antisemitischen Inhalten eine Bühne gibt. Von bedient mit seinem Podcast ein Milieu, das Cancel-Culture als linke Hysterie rahmt. Egal worüber Von und CK sprechen und egal wie aufrichtig CK dabei sein mag: Der Podcast von Theo Von ist kein neutraler Ort für Reue. Der Podcast ist eine Bühne mit Schlagseite, um etwas zu demonstrieren. Das ist keine Aufarbeitung, das ist strategische Kommunikation. 

Der Vorwurf, den man Artikeln wie dem aus der SZ dann machen könnte: Sie tun so, als habe eine Aufarbeitung, überhaupt ein Diskurs stattgefunden. Sie erwähnen die Vergehen, die fehlende Empathie bei frühen Auftritten, die Reue. Aber es wird nichts verhandelt, es wird einfach abgehakt. Der Artikel behandelt die ethische Frage als bereits erledigt. Etwas, was man allenfalls kurz erwähnt, um dann zum Wesentlichen zu kommen: der Würdigung des Programms. 

Und die Witze sind halt einfach zu gut, das erspart es einem, sich dem besonderen Unbehagen zu stellen, das heute damit einhergeht, Stand-up von Louis CK anzusehen. Nehmen wir zum Beispiel den Komponisten Richard Wagner. Hier kann man sagen: Die Musik, die Instrumentierung, die Melodieführung etc. hatte nichts mit dessen Antisemitismus zu tun. CKs Werk dagegen war und ist thematisch untrennbar mit Sexualität und seiner eigenen Perversion verknüpft. 

Er hat Witze über Masturbation gemacht, über Machtverhältnisse von Menschen beim Sex, über sein eigenes negatives Selbstbild als sexuelles Wesen. Und diese Witze sind nicht deshalb gut, weil man dachte, sie wären autobiografisch, sondern weil sie gut gebaut sind und funktionieren. Das mit der Brillanz ist ja auch nicht an den Haaren herbeigezogen.

Louis CK: brillante humor types – schlecht gealterte humor tokens

Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Trennung zwischen Werk und Autor bei CK schwieriger ist als etwa bei einem Maler, dessen Privatleben nichts mit dem Bildinhalt zu tun hat. Er verkaufte nicht abstrakte Kunstwerke, sondern seine durch ihn so wahrgenommene Hässlichkeit und seine vermeintliche Ehrlichkeit. „Ich bin ein schlechter Mensch, aber ich stehe wenigstens dazu“ war das Grundversprechen. Und dieses Versprechen war gelogen. Das handwerkliche Geschick war immer Teil eines Betrugs, das macht es nun doch schwierig, das handwerkliche Geschick allein genießen zu können wie früher. 

Man kann immer zwischen Werk und Autor trennen, aber man will es vielleicht nicht immer. Man sieht Louis CK und lacht – und dann denkt man an das, was passiert ist, und das Lachen hängt plötzlich komisch im Raum. Man lacht nicht, weil man alles gut findet, was den Menschen ausmacht, der auf der Bühne steht. Lachen ist auch ein psychologischer Reflex, den ein kompetenter Comedian gezielt hervorrufen kann. 

Man mag CK als Comedian, weil seine humor types so gut sind, aber die humor tokens erinnern dann immer wieder daran, dass man ihn nicht ungebrochen mögen kann – und das ist unangenehm. Man könnte so viel darüber nachdenken, ob man Louis CK boykottieren sollte. Oder darüber, ob man es, als Fan von einst, eben heute aushalten muss, dass diese nervöse Energie seit 2017 zum Werk dazugehört. Aber das Unbehagen einfach aufzulösen, die handwerkliche Brillanz vorzuschieben, um die Finger von den ethischen Fragen lassen zu können – das ist keine Position, das ist eine Ausflucht.

Die Aufarbeitung wird als erledigt hingenommen, die Rehabilitation damit beschworen und verfestigt. Die Wiedereingliederungsmaschinerie läuft unbemerkt bereits seit CKs downfall, damit sich ja nie irgendetwas ändern muss. Das hat sich der Comedykomplex wirklich grandios ausgedacht. Brillant halt.

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