Noten zur Comedy
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Es blieb kein Auge trocken

Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett
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Ein besonderer Quell der Freude für Journalist:innen – und es wird auch einfach nicht langweilig – sind PR-Texte, in denen Unternehmen, Organisationen oder Politiker:innen sich selbst so darstellen, wie sie gerne gesehen werden würden. Sich beim Verfassen solcher Texte nicht zu wiederholen, ist schier unmöglich: Mal ist eine Nachricht gar nicht so positiv wie gewünscht, die Mitarbeiter:innen in den PR-Stellen sind keine Zauberer, oder man hat alle Lobeshymnen durch. Irgendwann hat sich eine Praxis bewährt und in sprachlicher Hinsicht bedeutet das: Floskeln und unpassende Metaphern schießen ins Kraut.

Comedians machen da keine Ausnahme. Bei Setup/Punchline habe ich irgendwann eine Rubrik eingeführt, wo ich die schönsten und am weitesten verbreiteten Floskeln aus PR-Texten über Comedians sammle. (Hier entlang) Ja, auch die setzen auf Floskeln, und zwar nicht zu knapp. Als ich mich vor kurzem durch die Webseite einer Künstleragentur für Comedians klickte, war ich doch wieder überrascht, wie einfallslos und austauschbar alles betextet worden war. Alle sind „bitterböse“ und „entwaffnend“, passen „in keine Schublade“, nehmen „kein Blatt vor den Mund“, gehen „da hin, wo es wehtut“, holen das Publikum „aus seiner Komfortzone“. Und all das tun sie mit einer „Prise“ feiner „Selbstironie“ und, natürlich, mit dem obligatorischen „Augenzwinkern“. So oft, wie Comedians laut ihrer Pressetexte zwinkern, müssen sie alle schon ganz geschwollene Augen haben.

Dieser Artikel gehört zur Reihe Noten zur Comedy, in der wir alle zwei Wochen einen Blick auf ein virulentes Thema rund um Comedy werfen. Ihr könnt die Noten auch als Newsletter abonnieren, dann kommen sie direkt (mit aktueller Presseschau und besonderem Comedytipp) ins Postfach.

Was soll’s schon? Liest doch kein Fan und Journalisten finden’s offenbar auch blöd? Stimmt natürlich. Aber ein bisschen lustig ist es schon, dass gerade Künstler:innen, die so viel auf ihre Formulierkunst, Originalität und Sprachakrobatik halten, einem dann solchen Müll vorsetzen.


Nach aller Aufregung über die transfeindlichen Einlassungen von Dave Chappelle in seinem letzten Special The Closer fragte ich mich: Kenne ich eigentlich trans Comedians? Überhaupt? Irgendwelche? Nicht weil es angebracht wäre oder weil man das so machen muss. Sondern aus Neugier. Und weil mich störte, dass die einzige Comedy, die ich kenne und die sich mit trans Identität befasst, die Specials eines uninformierten gehässigen Mannes sind. Kann ja auch nicht sein. Wie sprechen denn andere Comedians über das Thema?

So stieß ich auf die US-Comedienne Robin Tran, deren frisches 2021er Special Don’t Look At Me bei Spotify zu hören ist. Tran spricht darin zum Beispiel darüber, wie sie nun, nach ihrer Geschlechtsangleichung, oft Frauenhass abbekomme – und wie sie das insgeheim freue, weil frauenfeindliche Beleidigungen ja auch bedeuteten, dass sie der Beleidiger als Frau anerkennt. Trans zu sein, bedeutet also nicht zwangsläufig, um der Wokeness willen alle Geschlechterkonventionen zu zerstören. Es kann auch bedeuten, Gründe dafür zu haben diese Konventionen zu stärken. Eine (für mich) neue Perspektive auf eine komplizierte Gefühlslage, insgesamt also hochgradig geeignet für eine Stand-up-Nummer.


Zu guter Letzt noch ein Schnipsel zum Thema cancel culture, dem guten alten Schreckgespenst. Jüngst war es zum Beispiel verantwortlich dafür, dass die beiden gecancelten Comedians Dave Chappelle und Louis C.K. mit ihren Stand-up-Specials jeweils für einen Grammy nominiert wurden. Und auf Reddit stieß ich auf eine Nachricht über einen Mord an einem Comedian in den USA, was ein User mit den Worten kommentierte: I thought cancelling a comedian for a joke was stupid but this is taking it to whole new level.“

Blenden wir einmal aus, dass der Begriff der CC sowieso arg gedehnt wird und mittlerweile in quasi allen Fälle bemüht wird, in denen irgendetwas halbwegs kontrovers diskutiert wird. Die Umstände dieser tragischen Tat sind vollkommen unklar, es gibt keinen Grund zu insinuieren, dass das Ganze mit cancel culture zu tun hat. Aber das stört viele nicht: Wenn Comedians irgendetwas widerfährt, wird das schon irgendwie mit hineinspielen.

Es geht vieles durcheinander in dieser Angelegenheit. Umso erfreulicher, wenn man mal nicht schwammige, sondern klare Gedanken liest. Die Soziologin Franziska Schutzbach schreibt in ihrem aktuellen Buch Die Erschöpfung der Frauen:

Wenn diejenigen, denen traditionell die Position der Schwachen und Unterlegenen zugewiesen wird, etwas beanspruchen, sich emanzipieren, Subjekte werden, wird das schnell als anmaßend empfunden oder als Umkehrung der Verhältnisse. Studien zeigen, dass Männer in einer gemischten Gruppe einen 1/3-Frauenanteil bereits als ‚Überzahl‘ wahrnehmen, Ähnliches gilt für Wortmeldungen: Wenn Frauen in einer Gruppe gleich oft das Wort ergreifen wie Männer, wird das als ‚Frauendominanz‘ wahrgenommen. Mit anderen Worten: Wenn Frauen oder andere minorisierte Menschen aufrücken, wird das nicht als Gerechtigkeit empfunden, sondern als Anmaßung. Wenn die ‚Zweitrangigen‘ aufholen, wird das als Schmach erlebt und dadurch erträglich gemacht, dass die Aufholenden zu Mächtigen stilisiert werden, zu ‚Tugendterroristinnen‘, ‚Genderdiktatorinnen‘, ‚Minderheitenterror‘ oder wie es heute heißt: zur Cancel Culture.

Eine praktische Daumenregel. Man kann sich bei jeder Erwähnung von CC fragen, ob hier jemand wirklich bedroht ist oder sich nur zum Unterlegenen, zum Opfer oder gar zum Widerstandskämpfer stilisiert.

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