Was ist eigentlich „rechte Comedy“?

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In Frankfurt protestieren Menschen gegen eine Show von Nikolai Binner. Seine Comedy ist voller Abwertung, aber was macht sie rechts? Und warum sollte man sie trotzdem nicht verbieten?

Was ist schon wieder passiert?

Der Comedian Nikolai Binner spielt am 6. November abends eine Show im Frankfurter Volkshaus Enkheim. Binner ist eine umstrittene Figur, die örtliche Linkspartei nennt ihn einen “extrem rechten Comedian und Influencer”. Weil das Volkshaus Venue einem städtischen Tochterunternehmen gehört, hatten die Linken im Stadtrat gefordert, den Mietvertrag für die Show zu kündigen. Die regierende Koalition aus CDU/SPD/Grünen/Volt hat das abgelehnt, unter anderem weil das auch sehr wahrscheinlich rechtlich nicht ganz einfach wäre.  

Wie das?

Weil die Stadt das Haus über eine Tochter betreibt, ist sie an die Grundrechte gebunden und darf Mieter nicht nach ihrer Gesinnung aussortieren. (Am besten nach “Grundrechtsbindung” googeln oder beim Anwalt des Vertrauens nachfragen.) Grob gesagt heißt das, dass die Stadt niemanden einfach so hinauswerfen kann, weil das die Meinungsfreiheit verletzt. Und dieser Schutz geht ziemlich weit, er umfasst sogar extremistische Äußerungen. Eine Absage geht nur, so hat etwa einmal das Bundesverwaltungsgericht geurteilt und sehr schön poetisch formuliert, wenn Äußerungen “die geistige Sphäre des Für-richtig-Haltens verlassen” und in Rechtsbrüche oder Gefährdungslagen umschlagen. 

Und das ist bei Binner nicht gegeben?

Hm, ich bin kein Richter, aber eher nicht. Kritisch wurde vor allem ein Video angeführt, das Binner auf seinem sehr spärlich besuchten englischen Instagram-Kanal gepostet hat. Es handelt sich dabei um eine Satire auf deutsche Politik in der Ästhetik der Videospielreihe GTA, deren sechster Teil Mitte November veröffentlicht wird. Das Video ist voller antisemitischer Symbolik, unter anderem wird der Code “271k” verwendet. Dabei handelt es sich um eine in Kreisen von Holocaustleugnern verwendete Chiffre. Die Verwendung dieses Codes kann strafbar sein, aber ob das in diesem Fall gegeben wäre, ist natürlich die Frage. Binner hat sich nicht zum Video geäußert und könnte sich natürlich auch damit rausreden, dass es sich um Satire handelt, Kunst frei ist und überhaupt alles nur ein Joke.

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Man kann also rechtlich nichts tun, aber politisch kann man so einen Auftritt ja durchaus in Frage stellen…

Genau das passiert auch. Ein Bündnis Frankfurter Bürger:innen hat für den Tag des Auftritts eine Kundgebung angemeldet aus Protest dagegen, dass die Stadt einem Comedian eine Bühne bietet, der “für antisemitische, rassistische und queerfeindliche Äußerungen bekannt ist”, heißt es in der Ankündigung.

Und, stimmt das?

Ja, das kann man wohl sagen. Binners Shows (ich habe zwei online und eine live gesehen) sind voll mit solchen Sachen. Er bemüht immer wieder ethnische Klischees und stellt Rangordnungen von Migrantengruppen nach Nützlichkeit auf, er kritisiert den “kollektiven Schulddämon”, der Deutsche im Würgegriff halte. Sehr häufig dienen ihm Bezüge zum Nationalsozialismus als Pointen. Er verharmlost die Naziparolen, für die der AfD-Politiker Björn Höcke verurteilt wurde. Holocaust-Leugnung fungiert als Running Gag. Putin wird per Whataboutism über die USA entlastet. Wiederholt wird es frauen- und transfeindlich. 

Und all das macht ihn zu einem “rechten Comedian”?

Zunächst einmal muss man fragen: Was soll das eigentlich sein, rechte Comedy? Ist es rechts, die Doppelmoral hinter einem progressiven Weltbild aufzuzeigen? Ist es rechts, ein häusliches Vater-Mutter-Kind-Idyll zu zeichnen? Ist es rechts, wertschätzend auf Polizisten zu blicken? Das Label “rechte Comedy” legt eine Homogenität nahe, eine Szene oder Subkultur gar, die so real gar nicht vorhanden ist. That being said…

Ja?

… haben wir doch alle irgendwie ein Gefühl, was damit gemeint sein könnte. Ich würde sagen: Rechte Comedy existiert, aber sehr fragil, nicht als fixes Ding, sondern eher als Bündel von verschiedenen Merkmalen. Mal kann es antidemokratisch zugehen, mal migrationsfeindlich, antiprogressiv, transphob, misogyn, wissenschaftsfeindlich oder ableistisch. Oft treten die Merkmale nur einzeln und unsystematisch auf, auch bei unbedarften Künstler:innen. Niemand checkt alle Boxen. Und mir auch sehr wichtig: Rechts ist nicht gleichbedeutend mit misogyn, mit geschichtsrelativierend, antipluralistisch oder sozialdarwinistisch. Wir scheren eigentlich viel zu viel über einen Kamm, wenn wir von “rechter Comedy” sprechen. Aber es ist halt einfacher, als –  je nach Spielart –  von “Comedy mit völkisch-nationalistischem Einschlag” o. Ä. zu sprechen. 

Also: Binner? Rechts?

Kein einzelner Witz macht ihn zum rechten Comedian. Rechts wird es durch die Bündelung (er checkt viele Boxen) und die Richtung. Er tritt im Zweifel nach unten, anstatt Strukturen in den Blick zu nehmen. Eines der traurigsten, weil vollkommen verfehlten Bits handelt davon, wie Binner einem englischsprachigen Barista in Berlin das Leben schwer macht, als würde sich dieser geradezu erdreisten, dem deutschen Arbeitsmarkt seine mangelnden Deutschkenntnisse aufzuzwingen.

Aber er ist doch ein Comedian. Erzählt er auch Witze?

Das ist ja der Punkt: All das sind ja Witze, beziehungsweise: All das wird ja in Witzform erzählt.

Achso, dann ist es ja halb so wild?

Es gibt Leute, die es so sehen und sagen “ist doch nur ein Witz”. Ich würde es nicht so sehen. Gerade wenn wir Comedy ernst nehmen, müssen wir sagen: Sie hat Wirkung. Witze sind keine leeren Worte. Wer behauptet, Comedy würde irgendwo in einem gesellschaftlichen Vakuum ohne Kontext wabern und hätte keine Konsequenzen, nimmt diese Kunstform nicht ernst. Und abwertender Humor ist breit untersucht. Die Tendenz zeigt, dass solcher Humor die Toleranz für Diskriminierung erhöht. Natürlich hört niemand einen Witz von Binner und wird dadurch zum Frauenfeind oder zum Antisemiten. Aber Binner ist ja nicht der einzige Comedian, der so operiert. Und eingebettet in einen breiten gesellschaftlichen Shift ergibt sich eben eine Verschiebung des Diskurses und ein Gewöhnungseffekt.

Ist das denn wenigstens witzig?

Ha, ja, das ist noch so eine Sache. Natürlich ist das Material an sich höchst unoriginell, ich meine Grünenbashing, come on. Aber ich habe auf jeden Fall auch bei Binner schon gelacht. Das macht seine Aussagen ja nicht richtiger. Lachen ist nicht automatisch Zustimmung. Eher sieht man daran: Comedy ist eben ein Handwerk, und in die richtige Mechanik verpackt und gut delivered kann einen alles lachen machen. Lachen ist eine körperliche Reaktion auf Timing und Überraschung. Und wenn auch Binner sicher nicht der talentierteste Comedian unter der Sonne ist, macht er den Job lange genug, um Sätze richtig zu betonen und eine Punchline zu timen. Dass die Pointen hingeschludert sind und oft aus dem Umtreten von Strohmännern und -frauen bestehen, interessiert dann gar nicht mehr. Aber davon ab: Natürlich lacht nicht jeder nur unfreiwillig. Wer bei Binner lacht, tut das, weil er recht bekommt. 

Ist alles so politisch?

Nein, Binner spricht auch über sein eigenes Leben oder über den Alltag in Berlin, typisch für einen Stand-up-Comedian. Aber er landet dann immer irgendwann bei der Politik und bei denselben Feindbildern: bei Linken, Grünen, Antifa, Studenten, beim Spiegel oder dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Thema um Thema wird aneinandergereiht, nichts wird vertieft. Eigentlich auch ein bisschen schade, denn es gäbe ja tatsächlich auch Stellen, die man als Comedian weiter erforschen könnte. Da geht es um Männlichkeit, Gewalt, Scham. Das wird aber nie ausgehalten. Immer wenn es mal in die Tiefe gehen könnte, flüchtet Binner in den nächsten Tabubruch. Tabus wollen Comedians immer brechen, um mutig zu wirken, aber bei Binner ist das eher eine Ausweichbewegung, um sich dem wirklich Interessanten nicht stellen zu müssen. Das wäre mal mutig.

Binner zeichnet von sich das Bild, dass alle ihn verhindern wollen…

Jede Absage, jede Demo bestätigt natürlich seine Erzählung die Pose, die er verkauft. Natürlich wird er sich auch über die Kundgebung lustig machen. Es ist schwer, mit so etwas umzugehen. Irgendwie muss man reagieren, aber eigentlich sollte man nicht reagieren, um keine zusätzliche Bühne zu bieten. Binner sagt selbst in einem Programm, dass es ihm vor allem darum geht, dass sich Leute aufregen. Es ist eine gesellschaftliche Zwickmühle. 

Also ignorieren? 

Nein, aber auch nicht verbieten. Auf welcher Grundlage auch? Nein. Die Inhalte von Binner sind, wenn auch unschön, nicht strafbar, und ich finde, er sollte sie aufführen dürfen. Aber sie müssen kritisch begleitet und als das bezeichnet werden, was sie sind. Und all die Politiker, die das kritisieren, dass Binner eine Bühne bekommt: Die könnten sich ja auch mal für Stand-up interessieren, wenn gerade kein Skandal ist. Sie könnten kommunal Räume und Szenen fördern, überhaupt Alternativen schaffen, das Leben für Künstler:innen angenehmer gestalten. Das dauert länger, stärkt aber auch die Abwehrkräfte der Szenen. 

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