Echokammer Deluxe

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Das ZDF will mit Journal Deluxe Echokammern öffnen und tauscht doch nur die eine gegen die andere. Über ein Formproblem aller Satire und einen lichten Satiremoment, der sich nicht wiederholen lässt.

Ich kann ja selbst kaum glauben, was für einen immensen Vertrauensvorschuss Florian Schroeder bei mir immer noch hat. Vermutlich geht das auf diesen einen erfolgreichen Stunt zurück, auf diesen einen sehr lichten Satiremoment; nämlich als er im August 2020 eingeladen wurde, bei einer „Querdenken“-Demo in Stuttgart aufzutreten, und das für einen Überraschungsmoment nutzte. Statt Verschwörungsmythen zu bestätigen, wie das von den Veranstaltern erwartet wurde, nutzte Schroeder die Bühne, um den Demonstranten zu widersprechen. Er wurde ausgepfiffen und ausgebuht, aber es blieb auch ein unangenehmer Punkt hängen: Ich denke nicht wie ihr, bedeutet Schroeders Auftritt, aber wenn euch das ernst ist mit Toleranz, Meinungsfreiheit und Liberalismus, die ihr für euch einfordert – dann müsst ihr das, was ich sage, ebenso aushalten.

Und das war ein guter Satiremoment. Gar nicht mal, weil es halb auf Kosten von Querdenkern ging. Sondern weil hier Satire, die es oft so schwer hat in Deutschland, es sich oft selber schwer macht und noch viel öfter auch viel zu leicht, eben einmal gelungen ist. Und das ist ja selten geworden. Das darf sich Schroeder zugute halten.

Und so komme ich trotz all der Merkwürdigkeiten, die Schroeders Karriere begleiten, immer wieder zu der „Querdenken“-Demo zurück. Egal, ob er sich für ein Buch mit dem rechtsextremen Aktivisten Martin Sellner austauschte und lobte, was für ein höflicher und belesener Mensch dieser doch sei. Egal, wie oft er im gemeinsamen Podcast mit Serdar Somuncu über dessen Ausfälligkeiten lachte.

Ich dachte auch an die Demo, als Schroeder jüngst die Berliner Linkspartei als den „deutschen Ableger der Hamas“ bezeichnete und im Hinblick auf die Pläne zur Enteignung großer Wohnungskonzerne fabulierte, als nächstes würden wohl in Berlin Juden enteignet. Und ich dachte an die Demo, als die Süddeutsche Zeitung über ein internes Papier aus dem ZDF berichtete, demzufolge Schroeders neue Satiresendung Journal Deluxe konzipiert sei „als Contrapunkt zu allen gängigen Comedy-Formaten“ und sich deshalb kritisch vor allem mit Linken und Grünen, mit Wokness und political correctness auseinandersetzen wolle. Also im Prinzip wie alle gängigen Comedy-Formate in Deutschland.

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Und doch war ich immer zögerlich. Denn könnte es nicht sein, besteht nicht – zumindest im Ansatz, irgendwo ganz in der Ferne – doch die klitzekleine Möglichkeit, dass das wieder so ein Satirestunt wird wie damals? Ist nicht Journal Deluxe vielleicht angelegt wie ein Trojanisches Pferd, in dem Schroeder nun gelungene Satire an den weit offenstehenden Türen Linken- oder Wokeness-Bashing vorbei ins ZDF schmuggelt? Ein bescheuerter Gedanke von mir. Aber es zeigt auch, wie selten gelungene Satire in Deutschland ist, dass man sich dermaßen irrational an den Glauben daran und an die, die sie einmal verkörpert haben, klammert.

Es sind ja gerade bedeutende Satiretage im Land. Die Satiresendung Extra 3 feierte vor kurzem 50. Geburtstag. Das Ende von ZDF Magazin Royale wurde angekündigt. Der Anfang von Journal Deluxe. Es wäre ein guter Zeitpunkt, um eine geisteswissenschaftliche Tagung mit dem Titel (Dis)Kontinuitäten – Satire im Wandel zu veranstalten (Memo an mich selbst und kleiner Scherz in einem). Und es ist ein guter Zeitpunkt, mal zu fragen: Wie sieht eigentlich die Zukunft der Satire aus?

Journal Deluxe bedient genauso eine Echokammer

Machen wir uns nichts vor: Journal Deluxe wird nicht sein wie der Auftritt bei der Demo. Eine ganze Sendung mit mehreren Episoden zu produzieren, das wäre schon etwas viel Aufwand für einen einzigen Satiremoment – vor allem, da es dann ja auch vorbei wäre mit Journal Deluxe. Eine unerwartete Wendung dürfte nicht gleich in der ersten Episode passieren, sie müsste hinausgezögert werden. Aber wie lange? Je länger die Täuschung liefe, je mehr Sendungen gegen Links und Grün produziert würden, umso weniger glaubwürdig wäre eine spätere Wende. Nein, es ist müßig zu spekulieren. Man kann von Journal Deluxe schon das erwarten, was versprochen wird. Es erwarte uns, so wird Schroeder in der Ankündigung des ZDF zitiert, eine Satirefarbe, die „liberaler ist, eine die keine Scheuklappen aufsetzt“. Laut dem Konzeptpapier erhofft sich der Sender auch eine „Diskurserweiterung“ und das Öffnen von „Echokammern“, um so auch die „Vermeider des ÖRR“ zu erreichen.

Ok. Unabhängig vom Inhalt der Sendung halte ich es aber für sehr wahrscheinlich, dass dieser Plan scheitern wird. Der Diskurs wird nicht erweitert und schon gar nicht werden Echokammern aufgebrochen.

Satire muss nicht komisch sein, aber wie alle komische Kunst braucht auch sie Spezifität. Nur wer präzise zielt, kann treffen. Aber weil sich viele Satiriker oft ein wenig zu große Ziele aussuchen, scheint es ihnen auch immer ein wenig egal, wohin sie überhaupt schießen. Auf die Lebenslügen der Linken und Grünen zum Beispiel. Auf die AfD. Oder wenn präziser geschossen wird, dann auf Strohmänner. „Wie viele Wohnungen entstehen durch Enteignung?“, fragt die ZDF-Ankündigung am Ziel von Enteignungen vorbei, denn es geht ja um Mieten, nicht um Neubau. Und die Frage „Wo stellen Grüne die Brandmauer hin, wenn der Handwerker erkennbarer AfD-Sympathisant ist?“, ist doch einfach Quatsch – wieso sollten sich denn Menschen im Privaten gemäß einem Projekt politischer Parteien verhalten?

Ich weiß nicht, ob Satire dazu imstande ist, Meinungen zu verändern oder überhaupt Menschen zum Nachdenken anzuregen. Aber falls dem so ist, dann sicherlich nicht solche Satire, bei der im Voraus schon feststeht, über wen gelacht wird. Die erreicht zwangsläufig nur die, die ohnehin überzeugt sind. Das war auch ein Problem, je länger ZDF Magazin Royale lief, die Ende des Jahres auslaufende Sendung von Jan Böhmermann. Das Publikum wusste, dass es zur Sendezeit frech wird. Und das Publikum – ein anderes Publikum vielleicht, aber immer noch das Publikum – weiß auch bei Journal Deluxe, was kommen wird. Und kann sich zurücklehnen. Die Sendung übernimmt die Empörung stellvertretend für das Publikum. Kabarettist Christoph Sieber hat das im Deutschlandfunk mal selbstkritisch einen „Ablasshandel“ genannt.

Lässt sich der Stuttgarter Moment von Schroeder als Sendung denken?

Über das ZDF Magazin Royale beschwerten sich viele, die Sendung sei zu einseitig. Journal Deluxe soll nun dezidiert die Richtung ändern. Aber einseitig bleibt das doch trotzdem. Wir haben es hier nicht mit einem Problem der falschen Richtung zu tun, sondern mit einem der Form. Satire trifft nicht plötzlich besser, nur weil sie sich an einem anderen Gegner abarbeitet. Das ZDF möchte Echokammern öffnen, und ersetzt doch in Wirklichkeit nur eine Echokammer durch eine andere.

Der einzige Moment, an dem Florian Schroeder dieses Problem kurz umgangen hat, war eben im August 2020 die „Querdenken“-Demo. Er verließ seine Echokammer und ging gezielt in eine andere hinein und suchte das falsche Publikum, eines, das nicht seines war. Die Satire bestand nicht allein in Schroeders Worten, sondern auch darin, dass er sie an einem ungewohnten Ort äußerte und sich dort reinschmuggelte.

Wenn ich dann, wie es regelmäßig passiert, nachts wachliege und über die Zukunft der Satire in Deutschland nachdenke, lande ich immer wieder bei der Frage: Lässt sich das anarchische Moment, der Charakter des Hacks, den Schroeders Stuttgarter Auftritt hatte, in Sendungsform überführen? Wie müsste eine Satire aussehen, die so etwas systematisch und regelmäßig könnte? Ist so etwas überhaupt denkbar, widerspricht das Geregelte nicht sogar dem Wesen der Satire?

Ich fürchte aber, das „Stuttgarter Modell“ (falsches Publikum, kein Wohlwollen, kein bestellter Applaus) ist weder reproduzierbar, noch wäre es sendbar. Die Demonstranten in Stuttgart buhten und pfiffen. Wer Schroeder im TV bei so einem Unternehmen sähe und nicht seiner Meinung wäre, der schaltet halt weg. Oder klickt in der Mediathek gar nicht erst drauf.

Ist Satire im ÖRR an einen natürlichen Endpunkt gelangt?

Muss man sich eine gelingende Satire, die sich nicht an die bereits Überzeugten richtet, etwa vorstellen, wie sich Bertolt Brecht das Theater vorstellte? Als pädagogische Praxis, die den Zuschauer nicht mehr entlässt, weil er die Satire nicht mehr konsumiert, sondern selber daran beteiligt ist? Wenn also das Publikum aufhört, Publikum zu sein, wie Brecht sich das Lehrstück vorstellte? Irks. Oder ist lediglich das Modell „Satire im ÖRR“ an einen natürlichen Endpunkt gelangt, weil gelingende Satire aus der Außenseiterposition sprechen muss? Und uns dann nicht im Ersten oder im ZDF begegnet, sondern höchstens – wie anfangs bei Böhmermann – auf ZDF Neo und sonst in anderen kleineren und größeren Nischen im Internet?

Christoph Sieber nannte das eingespielte Modell „Ablasshandel“. Wenn er auch keine Schlüsse daraus zog (zum Beispiel, in diesem Modell nicht mehr mitzumachen, keine Tickets mehr zu verkaufen etc.), so war das doch immerhin ehrlich. Und es war dem ZDF einen Schritt voraus, das vorgab, um Satire zu ringen (warum ist so einseitig?), während es in Wahrheit darum geht, die „Vermeider des ÖRR“ zu erreichen. Ein Reichweitenproblem wird als ästhetisches verhandelt.

Welche Schlüsse ziehen die Satiriker, welche Schlüsse zieht Florian Schroeder? Heute Abend kann man sich bei Journal Deluxe das erste Bild machen. Ich werd’s mir auf jeden Fall ansehen, auf die Gefahr, es hinterher zu bereuen. Weil Schroeder traue ich ja, trotz allem, sogar eine Überraschung zu.

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