Noten zur Comedy
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Mir kanns gar nicht authentisch genug sein

Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett
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Vor einem Jahr hat Komiker und Moderator Kurt Krömer in seiner Sendung Chez Krömer im rbb seine Depression öffentlich gemacht (hier im Newsletter Thema). Auch ein Buch hat er dazu nun geschrieben, weshalb allerorten in den Medien Krömer-Interviews und -Porträts dem Boden schießen.

Zweifellos ein wichtiges Thema, wenngleich mich der große mediale Aufschlag doch ein wenig wundert. Ist es doch nun nichts allzu ungewöhnliches mehr, dass gerade Comedians – Stichwort „going dark places“ – über psychische Erkrankungen sprechen. Als jüngstes Beispiel etwa die US-amerikanische Comedienne Taylor Tomlinson, die in ihrem neuen Special über ihre bipolare Störung spricht. In Deutschland hat man etwa Helene Bockhorst, die natürlich nicht ganz so prominent ist wie Krömer, vielleicht liegt’s ja daran. Oder an der Tatsache, dass mit Krömer eine lustige Person das Lustigsein mal kurz lässt, um auf ein ernstes Thema aufmerksam zu machen. Und die ernsten Themen sind, wie man in den deutschen Medien weiß, ja die wirklich wichtigen.

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Wie dem auch sei: Auf eine Passage möchte ich als comedyaffine Person dann aber hinweisen, weil sie mir im Hinblick auf die oft beschworene Authentizität als wichtigen Wert in Comedy interessant scheint. Jana Simon schreibt in ihrem Krömer-Porträt im Zeit Magazin:

„[Krömers] radikale Offenheit wirkt fast gnadenlos, sich selbst und anderen gegenüber. Indem er scheinbar alles von sich aus preisgibt, bleibt kein Raum für Gedanken oder Fragen des Gegenübers. In jedem Moment behält er die Kontrolle und die Deutungshoheit über seine Abgründe. In gewisser Weise verhindert seine brutale Aufrichtigkeit, dass man ihm tatsächlich nahekommt.“

Kann das sein? Dass Künstler nicht frei weg von der Leber plaudern und einfach sympathisch sind, sondern das, was aussieht wie Aufrichtigkeit und Echtheit, nur ein Effekt künstlerischen Handelns ist? Dass Authentizität nicht das ist, was übrig bleibt, wenn man alle Verbildung entfernt, sondern die vermeintliche Authentizität nur das Ergebnis eben dieser Verbildung? Und dass es manchmal sogar so ist, dass der „authenticity fetish“ umschlägt in einen höchst unauthentischen „shtick“, wie Lili Loofbourow bei Slate nahelegt?

Wir kennen die Antwort natürlich, blenden sie aber aus, vielleicht weil wir den zeitgenössischen Trugschluss, wenn wir nur unser echtes, wahres Selbst finden würden, käme schon alles in Ordnung, externalisieren und auf Comedians auf der Bühne projizieren. Aber das ist jetzt nur eine Vermutung, immerhin voll authentisch aus der Hüfte geschossen.

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