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Comedians, bitte nehmt euch kein Beispiel an Mrs Maisel!

Szene aus The Marvelous Mrs Maisel mit Rachel Brosnahan
Szene aus The Marvelous Mrs Maisel mit Rachel Brosnahan

Soll ich mehrs auf Writing setzen, mehr in die Act-outs gehen oder einfach improvisieren? Für Midge Maisel (Rachel Brosnahan) keine Frage. (Copyright: Amazon Studios)

Die marvelous Marvelous Mrs Maisel ist zurück, nun in Staffel vier. Und, oh je: Nach ihrem Aufstieg von der braven unterstützenden Ehefrau und Mutter zur erfolgreichen Stand-up-Comedienne ist Midge Maisel (Rachel Brosnahan) tief gefallen. Die gemeinsame Tour mit Superstar Shy Baldwin ist geplatzt. In den New Yorker Comedyclubs kommt sie nicht zum Zug, weil dort das Business regiert, sprich: die Männer mit den ausgeleierten Punchlines. Nicht mal mehr den Milchmann kann Midge bezahlen.

So sitzt sie dann auf dem Boden ihres Wohnzimmers, betrinkt sich mit ihrem Vater (Tony Shalhoub), einst angesehener Universitätsprofessor, und macht sich mit ihm über dessen nun mickriges Honorar als Zeitungskritiker lustig. Ja, wir verstehen: Egal wie groß die Not, egal wie nervtötend die Verwandtschaft – wir haben immer noch uns; menschliche Bindungen helfen uns durch schwierige Zeiten.

Möglicherweise hilft auch die Eigentumswohnung an der Upper West Side in Manhattan, in der sich diese Szene abspielt, ein bisschen mit, mithin ist der Fall von Midge also nicht allzu tief – was es dann insgesamt ein bisschen schwierig macht, für ihre Situation echtes Mitgefühl zu entwickeln. Dazu kommen gewollt verrückte Szenen, die schlicht zu gewollt sind: Midge zieht sich aus und drischt mit einem erkennbar künstlichen großen Palmenast ein Taxi ein. Ja nun.

„The Marvelous Mrs Maisel“ erzählt gewöhnliche Dinge auf besondere Weise

Wenn sie ihr Bett extravagant in der Zimmermitte platziert und dann drum herummanövriert, muss sie sich natürlich an allen vier Ecken stoßen – Momente zum Augenrollen. Dabei hat gerade Mrs Maisel in der ersten Staffel brillant gezeigt (der Türöffner!), wie es besser geht.

Die drölfzigste schlagfertige Antwort im Dialog ist immer noch schlagfertig, macht die Dialoge aber umständlich, worüber die hohe Schlagzahl nicht hinwegtäuschen kann. Ferner ist es zwar begrüßenswert (und folgerichtig), dass Midge nicht über Bande als Mutter charakterisiert werden soll. Das Verhältnis zu ihren Kindern ist aber dann dermaßen distanziert, dass es für die Zuschauenden befremdlich wird. Mrs Maisel hat Schwächen, und sie liegen in Staffel vier offener zutage denn je.

Macht aber nichts: Denn Mrs Maisel macht auch in der vierten Staffel Spaß, weil auch die Macher:innen offenbar Spaß hatten. Der Familienbesuch auf dem Jahrmarkt am Strand ist verschwenderisch inszeniert und das Kollektivgespräch, das unnötigerweise während einer Fahrt mit dem Riesenrad aus verschiedenen Kabinen heraus geführt wird, dauert viel länger als nötig. Aber solche Lust zu Umständlichkeit, Choreografie, Verspieltheit und überhaupt Formung sind selten geworden. Die Serie erzählt gewöhnliche Dinge, aber auf besondere Weise.

Nicht nur harten Stand-up-Nerds kann man sie also bedenkenlos empfehlen, aber denen natürlich besonders. Denn der Serie gelingt es, die Übergangszeit zwischen vom Rimshot begleiteten Altherrenwitz und der gesellschaftskritischen sick comedy à la Lenny Bruce, zu verdichten und in symbolischen Momenten zuzuspitzen. Das ersetzt keine Lektüre oder das Ansehen von Stand-up-Specials, aber es ergänzt beides durch Lebendigkeit und Klarheit.

Mrs Maisel ist zuallererst: eine Serienfigur

Vermutlich ist jetzt ein geeigneter Moment, um festzuhalten: Midge Maisel ist keine Stand-up-Comedienne und Comedians sollten sich um Himmels Willen kein Vorbild an ihr und ihrem Arbeitsethos nehmen.

In der ersten Episode der vierten Staffel sinniert die Protagonistin mit Managerin Susie (Alex Borstein) im Deli darüber, wie es nun weitergehen soll. Susie möchte ihre Klientin wieder auf die Bühne bringen, allein schon weil beide Geld brauchen. Doch Midge hat andere Pläne. Angesichts eines erfolgreichen Auftritts im berühmten Apollo Theatre malt sie sich eine bedeutungsvolle Zukunft aus:

„They loved me because I just went out there and started talking. I didn’t have anything planned, I just riffed. […] The point is, that’s always when I’m the best, Susie. Think about my truly great shows. Not the good, solid, polished ones, but the ones that were epic. […] All those shows – one of a kind. The kind of show only I could do. […] You know what’s great about me? When I’m me. So why would I wait until I finally have enough power to say to them: I wanna be me? What if they never let me be me? I wanna be me every time I walk out on that stage. […] If I’m gonna do that, I’ll say exactly what’s on my mind. Every single show I am gonne say something. […] I will only do gigs where I can say what I want. That’s what Lenny would do.“

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That’s what Lenny would do – man kann sich förmlich schon die Bühnenanfänger und auch erfahrenere Comedians vorstellen, die Midge Maisel nachplappern, um mit dem Verweis auf Lenny Bruce, also einem der Urväter der modernen gesellschaftskritischen Stand-up-Comedy (die weh tut™) ihre zusammengestolperten Witze zu rechtfertigen. Ich spiele nicht „good, solid, polished“, sondern bedeutungsvoll! Bitte nicht. That’s not what Lenny would do und verdient hat er es auch nicht, dass man ihm das anhängt.

Es ist ja ein schöner Schluss, zu dem Midge da kommt, und es ist für die Dramaturgie der Serie vielversprechend, dass sie zu diesem Schluss kommt. Aber es wäre für echte Comedians (und andere Menschen) doch etwas vermessen zu glauben, dass das alles so einfach ist. „Look at Midge Maisel, she ran through a storm and off the street to commandeer an open mic for an impromptu set and, bam, management. Boom! Touring“, schreibt Olivia Cathcart in einem passenderweise What Movies and TV Get Wrong about Stand-Up betiteltem Artikel bei Paste. Die Einsamkeit des Schreibens, die Tristesse von dreiminütigen Half-bombs, die enervierende Wiederholung: Die Schattenseiten von Stand-up lernt man bei Mrs Maisel nicht kennen.

Verfehlt wäre es auch, Midge Maisel überhaupt für eine Stand-up-Comedienne zu halten. Sie ist keine. Sie ist eine Figur aus einer fiktionalen Serie, die fiktive Dinge erlebt, die sich ein Raum voller Autor:innen ausgedacht hat. Serienfiguren können überzeugend geschrieben sein, aber sie sind eben immer noch geschrieben. Es muss lange, wiederholt und gekonnt gelogen werden, damit Dinge so authentisch wirken.

The Marvelous Mrs Maisel, von Amy Sherman-Palladino, Staffel 4 mit 8 Episoden, mit Rachel Brosnahan, Alex Borstein, Tony Shalhoub; bei Amazon Prime

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