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„Joker“ ist kein Film über Stand-up

Kein Film über Stand-up-Comedy: Wie der Joker geschminkte Wackelfigur

Wäre der Joker ein Film über Stand-up-Comedy, dürfte ein Comedy-Magazin vielleicht auch echte Film-Stills benutzen. (Foto: FlickR-User Gabriel)

Es ist hart, Arthur Fleck beim Bomben zuzusehen. Joaquín Phoenix spielt in Joker die Figur, die im Leben fast nur Ablehnung erfährt. Nur (zunächst) nicht auf dem Gebiet der Stand-up-Comedy. Also will Fleck als Comedian der Welt etwas von dieser Wärme zurückgeben.

Das Problem: Arthur ist ein Weirdo mit einer Krankheit, die unkontrollierte irre Lachanfälle auslöst. Er ist ein Roboter, der das Programm „tell funny observations“ abspult, ohne einen Sinn darin zu erkennen. Obendrein ist die Welt von Gotham City grausam und hat keine Geduld mit Arthur. Bei einem Auftritt bombt er, sogar die Comedy als letzte Anlaufstelle verweigert sich ihm. Die Verwandlung in den Batman-Bösewicht Joker ist unausweichlich.

Nun ist es gängiges Vorgehen, unter Comedians, Sets zu analysieren. Tatsächlich wurden Artikel geschrieben, die Arthurs Versagen auf der Bühne erklären wollen. Das Portal SFGate hat einen Comedian gefragt, „why the Joker is total stand-up hack“. Der fand dann zum Beispiel: Arthur sollte seine Mutter nicht mit verstellter Stimme nachmachen („that’s hack right there!“), außerdem grinse er zu viel auf der Bühne. Ziemlich untypisch für Comedians.

Das Stand-up-Set aus dem „Joker“ ist kein Set

GQ fragte: Why Does Stand-up Comedy in Movies Always Suck? Bei Esquire war man der Meinung, Arthurs Set sei eigentlich gar nicht so schlecht. Und Vulture sprach mit den (echten) Comedians Gary Gulman und Sam Morril, die in Joker (fiktive) Comedians spielen, darüber, wo der Film von Regisseur Todd Phillips bei der Darstellung von Stand-up richtig liegt. Als hätten es die Drehbuchautoren in der Hand gehabt, Arthur eben nicht zum Joker werden zu lassen, hätten sie nur ein wenig über Stand-up Bescheid gewusst. Und als wäre all das irgendwie relevant, um Joker als Film zu erfassen.

Ist es natürlich nicht. Ob Joker ein guter oder schlechter Film ist, darüber kann man lange streiten. Man kann sein Urteil daran aber kaum an Arthurs Set festmachen. Denn dieses Set ist kein Stand-up-Set, genauso wie Joker als Ganzes kein Film über Stand-up-Comedy ist.

Ein erstes Anzeichen ist, dass das Stand-up-Business im Film hochgradig unrealistisch ist. Ein Talkshow-Host, der seine Show unterbricht und einen Zuschauer nach vorne holt, weil der so laut jubelt? Der später von oben nach unten tritt und sich vor Millionen Zuschauern über einen kleinen Comedian lustig macht? Und diesen bombenden Comedian dann in die Show einlädt? Alles unwahrscheinlich, klar. Wir sind ja nicht in der echten Welt, sondern in einer Filmwelt. Warum aber sollten dann ausgerechnet die Jokes aus Arthurs Set die Ansprüche echter Comedy erfüllen?

Die Stand-up-Comedy in Joker ist keine echte Stand-up-Comedy. Ihr Ziel ist es nicht, lustig zu sein und Publikum im Film oder das Meta-Publikum vor der Kinoleinwand zu unterhalten. Sie ist ein plot device, eine Metapher. Ihre Funktion im Film ist es, das einzige Segment von Arthurs Leben zu verkörpern, in dem er so etwas wie Akzeptanz empfindet. Nachdem Familie, Freunde, Beziehung und Berufswelt in der Hinsicht ausfallen, setzt Arthur seine ganze Hoffnung in die Comedy. Und auch das geht schief. Muss schiefgehen, denn das ist auch die Eigenheit von einem Prequel: dass man schon weiß, wo die Geschichte hingeht. Und Arthur hat das mit der Comedy offenbar irgendwann sein lassen, sonst wäre aus ihm nicht der Joker geworden, der später noch Batman sehr zu schaffen machen wird.

Ob ein Witz gut ist, ist eben nicht Willkür

Am Ende findet Arthur als Joker dann Akzeptanz: in der Welt des Verbrechens. Das ist vielleicht die größte Leistung des Films, dass er den Eintritt in diese Welt so logisch aussehen lässt, so folgerichtig. Arthurs Argumentation dabei: Das Publikum entscheidet willkürlich, ob es über einen bestimmten Witz lacht und einem Comedian Anerkennung zollt. Menschen entscheiden willkürlich, ob ein Mitmensch ihnen sympathisch ist. Wenn also am Ende alles willkürlich ist, wieso nicht auch Gesetze, Normen und Moral? Und wenn alles egal ist, ist der Schritt zum crazy evil guy aus den Batman-Filmen nicht mehr weit.

Arthur schließt hier natürlich falsch. Gerade (die echte) Stand-up betont den handwerklichen Aspekt der Comedy sehr. Ob ein Witz gut ist, ist eben nicht Willkür – zumindest nicht nur. Ein schlechter Witz kann immer noch ein guter werden. Aber Arthur ist eine Figur, die Lachen als pathologischen Reflex kennt und nicht als Spannungsventil für einen gut gezimmerten Witz. Arthur sieht Lachen als völlig zufälliges Ereignis, als eine Belohnung, eine Gefälligkeit, die ihm verweigert wird. In der Logik dieser Figur ist der Schritt zum Nihilismus durchaus nachvollziehbar.

Joker ist kein Film über Stand-up-Comedy oder darüber, wie man Witze erzählen oder nicht erzählen sollte. Es ist ein Film über einen kranken Menschen, der keinen Zugang findet zum Humor und zur Fröhlichkeit der Gesellschaft, und am Ende auch nicht zu sich selbst.

Für Comedians macht es wenig Sinn, den Film im Hinblick auf das Handwerk zu analysieren. Wenn sie etwas daraus mitnehmen wollen, dann vielleicht am ehesten die Einsicht: Auch Humor ist eine Konvention, ein gesellschaftlicher Konsens. Und es wird immer Menschen geben, die sich außerhalb dieses Konsens‘ bewegen. Ob es sich lohnt, diese mitzunehmen und einzuschließen, muss jeder Comedian für sich beantworten. Aber diese Perspektive hin und wieder einzunehmen, schadet dem eigenen Set bestimmt nicht.

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