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„Impro-Comedy befindet sich in Deutschland in einem komischen Zwischenraum“

Long-form-improv: Impro-Comedy von Pfand im Mad Monkey Room in Berlin

Die Impro-Comedy-Gruppe „Pfand“ (manchmal, wie hier, auch „Pfandunion“) im Mad Monkey Room in Berlin (Foto: Sebastian Wells)

Long form improv ist ein Mix aus Impro-Theater und Stand-up-Comedy – und noch sehr viel mehr. In Deutschland ist das Genre bislang eher am Rande bekannt: Selbst in Berlin gibt es nur wenige Shows. In den USA dagegen gibt es große Institutionen wie die Upright Citizen Brigade (UCB) oder The Second City, die sich long form improv widmen. Schauspieler, Comediennes, Künstler belegen Seminare. Und vor allem kommt kaum mehr ein Writers‘ Room für die Serien auf allen gängigen Streaming-Diensten mehr ohne Autoren aus, die in long form improv geschult sind. Was hat es mit der Form auf sich? Darüber sprechen ich mit Comedy-Nerd Antonia Bär. Sie ist Autorin und Mitgründerin von Pfand, einer der wenigen deutschen Gruppen für long form improv.

Setup/Punchline: Bis 2011 gab es die TV-Sendung Schillerstraße. Dort trafen sich alle, die in der Fernsehcomedy Rang und Namen hatten, und improvisierten Sketche. Worin unterscheidet sich die Schillerstraße von der Art Impro-Comedy, die ihr mit Pfand macht?

Antonia Bär: Wir machten long form improv comedy nach US-Tradition. Die hat einen anderen Ursprung, ihr liegt eine andere Theorie zugrunde. Es ist aber immer kompliziert, verschiedene Formen voneinander abzugrenzen. Bei Schillerstraße gab es zum Beispiel eine Art Spielleiter, das hat man oft im Impro-Theater. Und es gab ein striktes Format: Alle Darsteller haben vorher festgelegte Charaktere und der Spielleiter gibt Anweisungen, was nun passieren soll. Die Improvisation liegt dann darin, wie das umgesetzt ist.

Wo liegt bei euch die Improvisation?

Ein großer Unterschied ist der Umfang des Inputs, den die Gruppe von außen bekommt. Bei long form ist es so, dass meistens tatsächlich nur ein einziges Wort aus dem Publikum kommt. Man unterhält sich kurz oder lässt ein Wort reinrufen. Und dann mischen sich die Zuschauer nicht mehr ein.

Was passiert dann?

Nach dem Zuschauer-Input verständigt sich die Gruppe, meistens sind das so drei bis sechs Leute, auf eine gemeinsame Basis für das nun anstehende Set. Dann wird das Set gespielt, meistens so ungefähr 25 Minuten lang. Das besteht aus verschiedenen kurzen bis mittellangen Szenen und sieht ein bisschen aus wie eine Sketch-Show.

Antonia Bär spielt in mehreren Gruppen Impro-Comedy, meistens auf Englisch, bei Pfand auf Deutsch. Pfand (gegründet 2018) treten manchmal bei der Stand-up-Show Wilde Ponys auf, es lohnt sich immer ein Blick auf die Termine. Antonia gibt Kurse in Impro-Comedy, macht den Impro-Comedy-Podcast Unverschämt auf Radioeins und arbeitet als Autorin (u.a. Shapira, Shapira). Sie hat zweimal am Del Close Marathon in New York teilgenommen, dem größten Impro-Festival der Welt. Die UCB veranstaltet das Festival jedes Jahr zu Ehren von Impro-Urvater Del Close.

Also Impro-Theater, das auch lustig ist?

Impro-Comedy befindet sich in Deutschland in einem komischen Zwischenraum. Viele Leute mögen Impro-Theater. Aber dort hat man oft die Regel: Versuche nicht, lustig zu sein! Im Sinne von: Erzwing‘ es nicht. Sobald du also den Theaterfans sagst, das ist Comedy, sind die abgeschreckt. Auf der anderen Seite stehen die Comedy-Fans. Die mögen Stand-up-Shows. Die denken bei „Impro“ dann erstmal: Ah, das sind so komische Theaterübungen. Da muss grundlegende Arbeit geleistet werden, dass long form improv als eigenständige Comedyform noch bekannter wird. Lange gab es da auch einen Gegensatz, ja, eine Rivalität: Als Comedy-Autor kommst du entweder aus dem Stand-up oder aus der Impro-Comedy. Und beide Seiten haben gegenseitig aufeinander herabgeschaut. Aber das löst sich langsam auf, weil es immer mehr Leute gibt, die beides machen.

Verwirrend bei long form improv finde ich, dass so ein kompliziertes Fachvokabular existiert, mit dem ein Outsider einfach nichts anfangen kann: Harold, Armando, Monoscene, La Ronde…

Ja, das erschließt sich nicht so einfach. Aber man kann sich merken: Die Begriffe bezeichnen verschiedene Formate. Die unterscheiden sich dann zum Beispiel in der Zahl der Schauspieler, die es braucht. Oder darin, wie sich eine Gruppe Input aus dem Publikum holt oder wie die gemeinsame Ideengenerierung am Anfang abläuft.

Impro-Comedy: „Gegen die Auffassung, dass Improvisation etwas komplett Beliebiges ist“

Am bekanntesten bei der long form improv ist der Harold. Was hat es mit dem auf sich?

Der Harold ist der absolute Klassiker in der Impro-Comedy. Del Close, der Urvater der Impro-Comedy, hat den erfunden. Die Upright Citizens Brigade (UCB) ist eine berühmte US-amerikanische Gruppe, die in New York und Los Angeles sitzen. An der UCB sind die Kurse größtenteils komplett um den Harold aufgebaut. Er ist eine Form, die einen Opener hat und eine Ideengenerierung, aus der dann drei Szenen folgen. Dann kommt eine Gruppenszene mit allen Spielern zusammen, dann folgt der zweite Teil der drei Szenen, dann eine weitere Gruppenszene, dann der dritte Teil der Szenen. Das dauert nur 25 Minuten, die Szenen müssen also ziemlich auf den Punkt sein.

Schon kompliziert. Wieso diese Überbetonung der Form?

Meine Vermutung ist, dass das aus dem Versuch kam, Improvisation als vollwertige Show aufzuziehen. Manche denken: Das sind halt Fingerübungen, so Spielchen, nichts, was man auf einer Bühne aufführt. Aber es gibt Wiederholungen, es gibt Struktur. Das richtet sich gegen die Auffassung, dass Improvisation etwas komplett Beliebiges ist.

Wie spielt ihr mit Pfand?

Bei der Form, die wir zum Beispiel bei Wilde Ponys spielen, ist das so: Ein Mitglied der Gruppe hält einen Monolog auf der Bühne, spontan zu dem Begriff aus dem Publikum. Der Monolog ist eine wahre Geschichte. Das nennt sich dann Armando, nach dem Erfinder Armando Diaz. Zum Beispiel: Aus dem Publikum kommt das Wort „T-Shirt“. Dann erzählt einer eine Geschichte aus seiner Kindheit, als er mal im Freizeitpark war und auf sein T-Shirt gekotzt hat. Egal was. Wichtig ist, dass die Geschichte so viele Details wie möglich enthält. Der Rest der Gruppe hört zu und sucht sich aus der Geschichte die Themen und Prämissen heraus, die spannend oder lustig sind.

Eine ehemalige Location der Upright Citizen Brigade in Manhattan (Foto: Luigi Novi)

Prämisse ist ein Begriff aus der Witztheorie, quasi die weltanschauliche Basis, auf die Comedians ihre Punchlines setzen. Haben die Szenen in der long form improv also auch Prämissen wie Jokes?

Es gibt Ähnlichkeiten. Nur wenn man für einen Sketch eine Prämisse sucht, ist das nicht im Sinne Setup-Punchline und alles ist erledigt. Man sucht eher ein absurdes Muster, das man durchspielen kann. Man hört im Monolog etwas und denkt, das könnte lustig sein, da ist eine Absurdität drin. Im Comedy Café hatten wir zum Beispiel den Fall: Das Wort war „Hüfte“. Irgendwie kam das Detail auf, dass jemand erzählt hat, wie ein Arzt gesagt hat: „Sie können schon eine Hüft-OP machen. Aber besser ist, Sie warten, bis Sie 40 sind und kriegen eine neue.“

„Bei long form improv ist es so, dass mehr oder weniger permanent eine Meta-Kommunikation stattfindet“

Daraus hat sich dann die Prämisse ergeben: ein Körperteil zum Geburtstag kriegen, eben als Geschenk. Ich hab‘ hier was, was du dir schon immer gewünscht hast! Das führen wir auf. Und dann fragt man sich: Wenn eine Hüfte ein Geschenk sein kann, was bedeutet das noch? Dann kann doch zum Beispiel auch ein Ellenbogen ein Geschenk sein.

Wenn alles improvisiert wird, woher weiß man dann, wann eine Szene vorbei ist?

Jedes Mitglied der Gruppe hat die Autorität, eine Szene zu beenden. Wenn ich der Meinung bin, die Szene dauert jetzt lange genug, wir haben die Prämisse ausgeleuchtet, dann kann ich sie beenden. Das kommuniziere ich der Gruppe, indem ich einmal vor den Spielenden quer über die Bühne laufe. Das ist einfach so eine Konvention. Bei long form und vielen anderen Impro-Formaten ist es so, dass mehr oder weniger permanent eine Meta-Kommunikation stattfindet. Man läuft rüber, man klatscht jemanden ab, tippt jemandem auf die Schulter. Wenn man das nicht kennt als Zuschauer, kann einen das schon auch verwirren.

Was ist, wenn ich die Szene im falschen Moment beende?

Eine Szene ist so lange, wie wir brauchen, um eine Prämisse auszuleuchten. Und sie endet mit einem Riesenlacher. Das ist der Idealfall. Den erreicht man natürlich nicht immer. Ich habe es aber selten erlebt, dass jemand mal gesagt hätte: Wieso hast du jetzt beendet? Das wär doch noch so viel geiler geworden! Eher passiert es, dass man eine Szene zu lange laufen lässt und sich hinterher denkt: Hätte man das nicht mal beenden können?

„Als Impro-Gruppe feilen wir ja nicht an unserem Set“

Comedians schneiden ja so gut wie alle Auftritte mit. Macht ihr das auch?

Ich kenne ein paar Leute, die mal Sachen festhalten. Aber bei Pfand zum Beispiel führen wir nicht Buch. Wir machen immer eine Nachbesprechung, wo es drum geht: Was hat gut funktioniert, was nicht so sehr? Worauf müssen wir mehr achten? Als Impro-Gruppe feilen wir ja nicht an unserem Set und führen es immer wieder auf wie Stand-up-Comedians. Bei der nächsten Show wird neu improvisiert. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob etwas nicht so gut funktioniert hat. Andererseits kann man sich auch nicht darauf ausruhen, wenn etwas gut funktioniert hat. Die Flüchtigkeit ist im Positiven wie im Negativen drin.

Wie kann man sich long form improv annähern? Was würdest du empfehlen?

In den USA ist sie viel weiter verbreitet, dort gibt es mehr Gruppen: UCB an den Küsten, in Chicago Second City, iO und das Annoyance Theatre oder The Groundlings in Los Angeles. Am besten schaut man sich auf Youtube mal ein paar Videos an. Sehr gut ist auch die Impro-Serie von TJ & Dave. Es ist zwar schwierig, Improvisation im Video adäquat einzufangen. Es ist im Video nie wie live. Aber man wird relativ schnell merken, ob einen das Genre anspricht oder nicht. In Berlin gibt es auch ein paar Live-Shows, zum Beispiel spielen wir mit Pfand jeden vierten Freitag im Monat im Comedy Café oder wir machen Impro-Sets bei Wilde Ponys. Und wer es ausprobieren will: In Berlin gibt es mehrere Improv-Jams. Dort kommt man mit Menschen aus allen Erfahrungslevels zusammen. Das ist ein schöner Einstieg.

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