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Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett
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Nicht selten verfolgt mich Stand-up in meine Träume. Kürzlich suchte mich dort ein Instagram-Comedian heim, der wegen des Newsletters (!) sehr zornig auf mich war. Es ging nicht um Gagklau oder so alberne Dinge wie künstlerischen Ausverkauf. Vielmehr hatte ich wahrheitsgemäß (!!) geschrieben (also immer noch im Traum), dass der Comedian seine Bühnentour wohl absagen müsse, da zu wenig Tickets verkauft worden seien. Wäre für einen Instagrammer mit vielen, vielen Followern natürlich der Vermarktungs-GAU, mithin ziemlich peinlich. Von daher konnte ich die Wut natürlich nachvollziehen.

Vor zwei Wochen träumte ich von einem Gelehrten, der mir die Bedeutung von fencing in Stand-up-Comedy erklärte. Es handelt sich dabei um eine Bühnentechnik, bei der Comedians so tun, als würden sie über einen Zaun (von englisch fence = Zaun) schauen und dem Publikum schildern, was sie dahinter sehen. Schön, dass es dafür einen Begriff gibt.

Dieser Artikel gehört zur Reihe Noten zur Comedy, in der wir alle zwei Wochen einen Blick auf ein virulentes Thema rund um Comedy werfen. Ihr könnt die Noten auch als Newsletter abonnieren, dann kommen sie direkt (mit aktueller Presseschau und besonderem Comedytipp) ins Postfach.

Aber es gibt ihn natürlich nicht. In den vergangenen Wochen ist das Stand-up-Lexikon bei Setup/Punchline um ein paar Dutzend Begriffe gewachsen, dass sich die Arbeit im Traum fortsetzte.

Dann griffen die eingespielten Automatismen: Ich wachte auf und schrieb mir „fencing in Lexikon eintragen“ in eine To-do-App, setzte mich einige Stunden später an den Laptop, googelte herum und fand merkwürdigerweise keine Belegstellen für fencing in der Stand-up-Terminologie. Später – nach mehreren verwirrenden Stunden, nach ergebnislosen Konsultationen der Stand-up-Handbibliothek, nach irritierenden Reflexionen über die Theatertechnik der Teichoskopie und nach bohrendem Nachdenken darüber, warum Stand-up nun ein eigenes, neues, cooleres Wort dafür benötigt – viel später also, bemerkte ich dann doch den Fehler.

Solche wachen bzw. ernüchternden Momente gibt es, wenn man sich mit Comedy befasst, immer wieder. Vor zwei Wochen etwa habe ich ein Porträt von Mario Barth aus der Süddeutschen Zeitung empfohlen, bei dem mir folgende großartige Stelle aber entgangen war:

„Das mit dem Gendern war super“, wird ein Fan später sagen, der erst 15 Jahre alt und mit seiner Mutter gekommen ist. „Hoffentlich macht er noch was über Veganer.“

Man denkt, dass sich Comedy oder konkret Witze wie kaum etwas sonst dazu eignen, Gewohnheiten aufzubrechen, Konventionen, Nöte und Zwänge auf den Kopf zu stellen und – wenn auch meist in mikroskopischen Dosen – ein wenig Anarchie zu verbreiten. Allerdings: „Barth wird ihn nicht enttäuschen„, geht die Stelle oben weiter.

Es ist bloßer Zufall, dass es in dem Artikel um Mario Barth geht, der gerne als Symbol einfallsloser, aber höchst erfolgreicher Comedy herhalten muss. Aber wer hat sich noch nicht gefreut, als der Lieblingscomedian den Lieblingswitz erzählt hat? Es gibt schätzungsweise nicht wenige Menschen, vielleicht sind es ausnahmslos alle, die selbst an der Kunstform des Unerwarteten bisweilen schlicht das Erwartbare schätzen.

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