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Wie geht gutes Crowdwork?

Der Berliner Comedian und Veranstalter Paul Salamone beim Crowdwork
„Crowdwork ist kein Stasi-Verhör, eher ein Tanz oder ein Flirt“, sagt Comedian Paul Salamone (Foto: privat)

Stand-up-Comedy wäre so einfach, wäre da halt nicht das Publikum. Witze schreiben und vortragen reicht leider nicht. Comedians müssen immer auf die Stimmung im Raum reagieren. Und manchmal lässt sich daraus Kapital für den eigenen Auftritt schlagen: dann, wenn die Künstler:innen Crowdwork betreiben, also improvisierte Unterhaltungen mit dem Publikum führen.

Crowdwork hat einen schwierigen Ruf in einem Land wie Deutschland. Das ist nun nicht unbedingt für seine Kultur des Smalltalks bekannt. Crowdwork wird hier oft für gespielte, auswendig gelernte Witze gehalten, die man halt ertragen muss, bis die Show wirklich losgeht. Ach, Mist, jetzt redet der mit uns. Schau schnell weg!

Crowdwork kann unsägliche Peinlichkeit bescheren, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Es kann einen Abend auch magisch machen. In den USA haben Comedians wie Moshe Kasher, Andrew Schulz, Paula Poundstone oder Todd Barry mit teils sogar improvisierten Specials Crowdwork zur eigenständigen Kunstform gemacht.

Wozu braucht es Crowdwork?

Hans Thalhammer ist Comedian, Gründer des Open-Mics Ja&Weiter in München und heute, wenn nicht gerade Quarantäne ist, Veranstalter mehrerer Shows in Berlin. Zuletzt hat er hier die Reihe „300 warm“ gegründet, bei der Crowdwork einen festen Teil des Abends ausmacht. Thalhammer sagt: Sowohl Hosts als auch Comedians können Crowdwork betreiben. Bei einer Show fällt es aber zunächst in den Aufgabenbereich des Hosts. „Man holt die Leute langsam in die Show rein: aus dem Status des sich Unterhaltens in den Status des Zuhörens.“ Dazu gehöre auch die Vorstellung des Moderators, der dann die Regeln und den Ablauf des Abends erklärt. Das sei wichtig, um Vertrauen aufzubauen, sagt Thalhammer. „Wenn du dich unterhalten willst, muss dein Gegenüber dir vertrauen. Darum musst du erst einmal einen Vorschuss liefern.“ Wer sich öffnet, bekommt offenere Reaktionen.

Comedian und Veranstalter Hans Thalhammer beim Crowdwork

Hans Thalhammer (Instagram) ist Comedian, Mitgründer von „Ja&Weiter“, des ersten Stand-up-Open-Mics in München, und einer der Lieblingsgäste in der deutsche Comedy-Podcast-Szene. Nach seinem Umzug nach Berlin kombinierte er in der Reihe „Wilde Ponys“ Stand-up mit Impro-Comedy und in der Reihe „300 warm“ Stand-up, Impro und Crowdwork. (Foto: Sebastian Wells)

Für die Comedians spielt dieser organisatorische Aspekt keine Rolle. Hier eigne sich Crowdwork eher dafür, das eigene Set aufzulockern. „Wenn du es zum Beispiel schaffst, aus deinem Set raus und wieder reinzugehen, schätzt das Publikum das, weil es merkt: Das war gerade nur für uns“, sagt Thalhammer.

„Moderatoren müssen die Energie aufpumpen, die Show erklären und managen. Comedians müssen nur killen“, sagt Comedian Paul Salamone. „Crowdwork ist Teil davon.“ Salamone gibt Seminare in Crowdwork an der Berlin Stand-up School und hat als Warm-up-Comedian beim Neo Magazin Royale gearbeitet.

Wie sieht gutes Crowdwork aus?

Die wichtigste Aufgabe ist laut Salamone, das Publikum genau zu beobachten, seine Energie wahrzunehmen und den Raum zu lesen. „Denk daran: Diese spezifische Gruppe von Leuten ist nur dieses einzige Mal gemeinsam in diesem Raum. Es wäre schade, nicht die besten Überraschungen aus ihnen herauszubekommen.“

Eine private Unterhaltung mit jemandem aus der ersten Reihe zu führen, ohne dass der Rest des Publikums das mitbekomme, erfüllt diesen Zweck eben nicht. Es sollte auch nicht als losgelöstes Element der Show betrachtet werden, zum Beispiel, um mit willkürlichen Fragen Abwechslung zu schaffen: „Dating ist weird… wie heißt du? Tom? Cool. Wo kommst du her? Bielefeld? Cool, cool. Ok, also Dating…“, gibt Salamone ein Negativbeispiel. „Besser wäre es doch zu sagen: Dating ist weird, denkst du auch? Ja? Was war denn dein letztes Date?“

Stand-up-Comedian Paul Salamone

Paul Salamone (Facebook; Instagram) veranstaltete seit 2009 Comedy-Shows in Berlin. Er ist Comedian, Autor, Designer und Host der Reihe „We Are Not Gemüsed“. Er arbeitete für das „Neo Magazin Royale“ als Warm-up-Comedian und gibt unter anderem Kurse in Hosting und Crowdwork an der „Berlin Stand-up School“. (Foto: privat)

„Crowdwork ist für mich eine Unterhaltung zwischen Comedian und Publikum, keine Vorlesung“, sagt Salamone. Wie würde man sich in einem normalen Gespräch gerade verhalten? Man stelle nicht nur Fragen, man höre zu, man reagiere, man beobachte. „Crowdwork ist kein Stasi-Verhör, eher ein Tanz oder ein Flirt.“

Wie geht das konkret?

1. Yes… And
Als wichtigste Regel nennt Hans Thalhammer das Prinzip Yes… And, die goldene Regel der Impro-Comedy. Beim Crowdwork gehe es nicht darum, Menschen im Publikum so lange zu löchern, bis etwas Lustiges herauskommt. Stattdessen müssten Comedians dem Zuschauer-Input etwas hinzufügen. „Der lustige Anteil muss immer vom Comedian kommen“, sagt Thalhammer. Er gibt ein Beispiel des Berliner Comedians Alex Upatov. Der habe bei seiner Show im Mastul im Wedding einen Zuschauer nach dem Job gefragt und als Antwort bekommen: Ich studiere Geografie und Sport. Upatov sagte dann: „Ah, das ist gut, weil dann weißt du immer, wo du hinläufst.“ So wurde aus zwei langweiligen Informationen ein kleiner Joke.

2. Sei positiv
„Viele wollen gern der edgy Comedian sein, der harte Typ, der einen raushaut und alle schockt“, sagt Thalhammer. So wie Bill Burr oder Dave Chapelle. „Aber die können das nur, weil sie seit 30 Jahren auf der Bühne stehen und das Publikum sie kennt und ihnen vertraut.“ Vielen Zuschauern müsse man die eigene Comedian-Persönlichkeit erst nahebringen, und vor allem zeigen, dass man vertrauenswürdig ist. Anstatt harte, schmutzige Witze zu erzählen, empfiehlt Thalhammer, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

3. Der Faktor Wahrheit
Was aber, wenn niemand sich mit dem Comedian unterhalten will? „Viele im Publikum verraten sehr viel“, sagt Thalhammer. „Niemand ist auf das Gespräch ja wirklich vorbereitet.“ Das mache Crowdwork so interessant, weil es auf Wahrheit basiere. Man müsse annehmen, was aus dem Publikum an Input komme (es sei denn, es stammt von Hecklern). Auch aus abweisenden Reaktionen könne man noch etwas herausholen. „Wenn jemand eine coole Antwort gibt, um seine Freunde zu beeindrucken, dann muss man das ansprechen“, sagt Thalhammer. Man könnte sagen: Spiel uns doch nichts vor, wer bist du denn wirklich? „Das Lustige entsteht nie aus der Lüge, es entsteht immer aus der Wahrheit.“

4. Nicht zu früh aufgeben
Wenn sich im Gespräch keine interessanten Informationen ergäben oder einem schlicht nichts einfalle, sei das kein Grund, nervös zu werden. „Niemand beurteilt dich im Sekundentakt“, sagt Thalhammer. „Auch eine interessante Unterhaltung ohne Mega-Lacher ist in Ordnung.“ Schlimm sei eher, zu früh aufzugeben: wenn Comedians nach 25 oder 30 Sekunden zum nächsten Zuschauer übergingen. Dann gebe es für das Publikum keine Belohnung für diese Unterhaltung. „Irgendwas Lustiges kommt immer zustande, man muss nur dran glauben.“

Crowdwork braucht Vorbereitung

Thalhammer versucht, immer schon vor der Show das Publikum zu screenen. Wer könnte ein interessanter Gesprächspartner sein, mit wem könnte es unangenehm werden? „Manchmal hat man betrunkene, eher aggressive Leute im Publikum, manche wirken verklemmt, manche prollig“, sagt er. Wer beim Crowdwork an so jemanden gerate, hat ein Problem: „Wenn die erste Person, mit der du sprichst, sich dem Gespräch verweigert, fliegt dir die ganze Show um die Ohren.“ Gleiches gelte für Menschen, die gerade nicht in der Stimmung für Comedy sind. Die müsse man dann nicht noch zusätzlich dem Stress der Aufmerksamkeit aussetzen. „Neulich stand eine Frau vor dem Club und hat geweint“, erzählt Thalhammer. „Ich hab mir gemerkt, wo sie sitzt, und dann bewusst nicht angesprochen.“

„Es ist sehr wichtig, die Fragen und die Methode des Moderators und der anderen Comedians zu vermeiden“, empfiehlt Salamone. Das Publikum möge es nicht, immer wieder die gleichen Fragen gestellt zu bekommen. Das zerstöre auch die Illusion, dass ein wirkliches Gespräch stattfindet. Dazu müssen die Künstler natürlich Bescheid wissen, welche Fragen schon gestellt wurden. Salamone erinnert sich an eine Show in Berlin, bei der der Headliner erst zum eigenen Auftritt am Ende der Show auftauchte und exakt die gleichen Fragen stellte wie alle anderen zuvor. „Der hat nicht mitbekommen, dass das die Leute mega gelangweilt hat“, sagt er. „Nach zehn Minuten Hey, what’s your name? war die Show nicht mehr zu retten.“

Wie lernt man das?

„Es ist eine verkehrte Auffassung, dass nur bestimmte Comedians Crowdwork machen sollten“, sagt Salamone. „Es ist ein Werkzeug, das jeder verwenden muss, um eine tolle Performance zu haben.“ So ließen sich auch gut Probleme beim Auftritt überbrücken: „Wann wird ein Set schlecht“, fragt Salamone. „Manchmal, weil man keine Verbindung zum Publikum hat oder den Moment nicht wahrnimmt. Gutes Crowdwork baut diese Verbindung wieder auf.“

Er empfiehlt, viele Shows zu spielen, Shows zu hosten, auch als Gastmoderator, ferner nicht nur feste Bits zu spielen, sondern auch Gespräche oder Spiele mit dem Publikum einzubauen. Das sollte kein Selbstzweck sein, sondern zum Thema passen, aber es kann mit so simplen Dingen losgehen wie Klatscht mal, wenn ihr Star Wars kennt…

Und natürlich lernt man von denen, die es können. Salamone empfiehlt:

Andy Daly spielt Charaktere, die mit dem Publikum interagieren müssen.
Jimmy Pardo ist Warm-upper für Talkmaster Conan O’Brien. Auf Pompous Clown macht er fast eine Stunde lang nur Crowdwork.
Todd Barry hat ein ganzes Special namens The Crowdwork Tour.
Patrice O’Neal war ein Genie, wenn es um Interaktion geht, findet Salamone. „Jedes Bit bei ihm flowt wie eine Laid-back-Konversation mit dem Publikum.“
Christian Schulte-Loh beim Hosten im Quatsch Comedy Club oder beim Fringe-Festival

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