- Die eigentlich interessanten Fragen lauten nicht „Was darf Satire?“ oder „Wo ist ihre Grenze?“, erklärt der Ethnologe Mirko Göpfert bei der ZEIT. Sondern: Was macht Satire? Welche Effekte erzeugt sie, unabhängig von ihrer Intention? Er plädiert für eine „Humor-Alphabetisierung“: Wie funktioniert eine Pointe, wie das Setup? „Wir lernen alle im Deutschunterricht verschiedenste Stilmittel. Mit Komik haben die wenigsten zu tun. Die sind aber auch wirkmächtig.„
- Wolfgang M. Schmitt rezensiert den nächsten vermeintlich großen Wurf der deutschen Unterhaltungsindustrie: Horst Schlämmer sucht das Glück. Schmitt kritisiert, dass Hape Kerkeling seine Figur Schlämmer zur neoliberalen Propagandafigur degradiert: Der Film blendet strukturelle Ursachen (Reallohnverluste, Privatisierung, Klassengegensätze) und wundert sich dann, warum die Menschen so schlechte Laune haben. Stattdessen werde individuelles Glück gepredigt – mit Markus Söder als Partner, der sich mit individuellem Glück aus auskennt, da er reich geheiratet hat.
- „Komödie funktioniert am besten, wenn unter all dem Witz ein glaubwürdiger Konflikt liegt“, sagt die Schauspielerin Nikola Kastner im Gespräch bei quotenmeter. So wahr und so schwer. Und: „Wirklich schönes Komödienschauspiel entsteht für mich dann, wenn selbst die absurdesten Szenen mit einer fast schon kompromisslosen Ernsthaftigkeit gespielt werden.“ Yes, take it seriously!
- Autor und Comedian Stefan Stuckmann äußert sich anlässlich der Neuauflage von Scrubs in einem Video-Kurzessay zu den alten Staffeln. Darin identifiziert er die Verhandlung von Männlichkeit als das Gravitationszentrum der Serie. Absolut überzeugend, sodass man sich fragt, warum man da nicht selber auch früher darauf gekommen ist. Wie bei guter Comedy eigentlich.
- Joe Rogan hat sein Comedyimperium in Austin/Texas, Dave Chappelle schraubt an seinem in seiner Heimat Ohio. Da will Nate Bargatze nicht zurückstecken, aber leicht anders gelagert: Er spielt mit dem Gedanken, einen Vergnügungspark in seiner Heimat Tennessee zu bauen, entnehmen wir dem Wallstreet Journal. Ja, wieso auch nicht. (Er will sich auch eigentlich nicht in den Vordergrund drängen, findet aber dennoch, dass Nateland ein geeigneter Name wäre.) „I’m in the ticket selling business. That’s all I’ve ever been in“, sagt Bargatze, den man hier ob seiner Ehrlichkeit auch irgendwie nicht als Schurken sehen kann, sondern als jemanden, der seine eigene Ware nicht romantisiert.
- Die Süddeutsche Zeitung verabschiedet Late-Night-Host Stephen Colbert: „Zur vollen Wahrheit gehört aber auch, dass der späte Colbert ohne Trump nur halb so lustig und erfolgreich gewesen wäre.“ Das liest man ja oft, dass Satiriker, Comedians etc. Trump eigentlich sehr viel verdanken. Ich halte das für falsch, über die narkotisierende Wirkung von Trump auf Comedy habe ich vor längerer Zeit hier schon einmal geschrieben. Eher hat Trump Colberts Arbeit ja sogar erschwert. Wenn auch nicht immer jeder Witz gelungen ist, braucht man die Leistung nicht schmälern.
- Der US-amerikanische Filmemacher Morgan Neville spricht bei Good One über seine Doku Lorne, über Lorne Michaels, die graue Eminenz von Saturday Night Live. Das ist interessant, allerdings: Aus verschiedenen Memoiren wissen wir, dass das von Abhängigkeiten und Willkür geprägte Arbeitsklima bei SNL, gelinde gesagt, emotionalen Verschleiß produziert. Nichts davon kommt in dem Gespräch vor. Es mag mit daran liegen, dass Neville nur Menschen gesprochen hat, die Michaels ihre Karriere verdanken. Eine Perspektive von außen, etwa durch kritische ehemalige Mitarbeiter, gibt es nicht. Sollte man beim Schauen von Lorne im Hinterkopf behalten.
- Der britische (einst als) Comedian (Bekannte) Russell Brand steht in London vor Gericht. Zu diesem Anlass berichtet die SZ auch über die Hintergründe und die Wandlung „vom links angehauchten Meinungsmacher zum rechtspopulistischen Schwurbler“. Das ist ein (den Gerichtsprozess mal außen vor gelassen) seit Corona ja durchaus zu beobachtendes Muster. Die Rhetorik mancher Comedians wendet sich verschwörungserzählerischen Randbereichen zu, es folgt eine Einbettung, bei Brand: „in die extremsten Kreise der Politik Amerikas“. Und natürlich: „Diese Neuausrichtung ist profitabel für ihn.“

Gewissermaßen ein laut.de für Stand-up-Comedy möchte ja die Stand-up-Bibliothek sein, eine eine Ansammlung von Kurzkritiken deutscher Stand-up-Specials. Neu hinzugekommen sind etwa Einträge über Tannenecker Ouvertüre (2025) von Yorick Thiede und Supersubtil (2026) von Martin Niemeyer.
- Bei Traurige Buben erzählt Maxi Gstettenbauer, dass er früher bei Auftritten Tontechniker angewiesen habe, den Mikrofonpegel niedrig zu halten – weil er eben auch mal lauter wurde und Akzente mit roher Stimmkraft setzte. Das Mikrofon war also eigentlich Staffage; die wirkliche Verstärkungsarbeit leistete der Comedian selbst. Co-Host Falk Pyrczek bestätigt das als gemeinsames Muster: “Wir beide sind Performer, die das Mikrofon als Deko benutzen.“ Eine ästhetische Entscheidung mit medizinischen Folgekosten, denn kaum eine Stimme dürfte das über Jahrzehnte und Tausende Shows hinweg aushalten. Nach einer Stimmstörung musste sich Gstettenbauer notgedrungen umstellen. Nun muss er Dynamik anders herstellen: über Tempo, Pause etc., was allerdings, wie er sagt, sein Spiel verbessert habe. Wirklich eine unterschätzte Frage, die sich stellen sollte, wer eine Karriere auf der Bühne anstrebt: Wie halte ich es mit Stimmhygiene und Mikrofontechnik?
- Sagen des klassischen Comediantums, Folge 947: Bei Comedy Means Business präsentiert sich Ari Shaffir als jemand, der nie von Institutionen profitiert und sich alles selbst erarbeitet hat. Im Gespräch tauchen aber beiläufig auf: Joe Rogan, der ihn regelmäßig als Opener bucht, oder auch Tom Segura, der ihn mitfinanziert hat und ihm eine Plattform zur Verfügung stellt. Nun, es handelt sich hierbei zwar um einzelne Personen, dahinter stehen aber ja doch wieder riesige Vermarktungsmaschinen und Plattformen. Sie heißen halt nicht mehr HBO, Netflix oder dergleichen. Wer Zugang zu so marktmächtigen Namen hat, ist kein Außenseiter.
- Im reden.-Podcast von Philip Wefel artikuliert Gaston Stabiszewski eine ungewöhnliche Position: Er bevorzugt das „diesige Wasser“ des Nicht-Wissens, warum etwa eine Punchline einmal nicht den erwarteten großer Lacher hervorgerufen hat. Quantifizierbarkeit zerstöre den intuitiven Zugang zu Komik. Das ist ehrlich, handwerklich aber ein Risiko: Wer nicht versteht, warum etwas funktioniert, kann es auch schlechter weiterentwickeln.
- Noch einmal Comedy Means Business: Pete Holmes spricht über die Bedeutung einer Album- oder Special-Aufzeichnung für Comedians. „Not only did that motivate you to strive for those things, like you knew what you were aiming for, but it marked your place in a community.“ Wenn jeder einfach sein Special auf Youtube hochladen kann, ist das eben nicht nur positiv: Die Motivation und das Versprechen von Legitimität, das mit einer half hour bei z. B. Comedy Central einherging, gehen verloren. Das kann für die Karriere von Comedians auch Orientierungslosigkeit bedeuten.
Hörtipp: Satire als Propaganda

99 zu eins ist eine Plattform für linke Standpunkte, Analysen und Debatten. Diese Episode befasst sich mit sehr deutschen Problemen in Satiredingen. Etwa dem der zu didaktische Satire, die ihr eigenes Argument erklärt und es damit bereits verliert. Kritisiert wird etwa, dass die Satiresendung Die Anstalt im Erklärmodus operiert und Satire lediglich als Vehikel zur Aufklärung benutzt. Die Sendung will zu viel oder zu wenig, wie man’s nimmt. (Ich füge an: Der Didaktismus hat aber ein Publikum, das ihn aktiv will.) Hörenswerte dreieinhalb Stunden. So analytisch wird es über Satire nie wieder. Hier geht’s zur Episode bei Youtube
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