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Warum ich Stand-up liebe

Stand-up-Comedy ist mächtig, wenn sie frische Perspektiven und Gedanken zeigt
(Foto: Claire Satera)

2012 habe ich mich noch nicht sehr intensiv mit Stand-up-Comedy beschäftigt. Es konnte keine Rede davon sein, dass ich Stand-up liebe oder auch nur regelmäßig konsumiere. Oder überhaupt wusste, was das ist. Meine Vorstellung war geprägt von der Fernsehcomedy der 1990er: Atze Schröder, Anke Engelke, überhaupt die Wochenshow.

Damals habe ich ein Video des deutschen Lyrikers Durs Grünbein gesehen, das ich nicht wieder vergessen habe. Bis zum heutigen Tag habe ich es mit mir herumgetragen. Damals war Grünbein im Rahmen einer Literaturreihe an der Universität Bonn eingeladen und spricht im Video kurz „Über das Gedicht“:

Für die, die sich das Video nicht ansehen wollen (glaubt mir, es lohnt sich, es ist eine tolle Reise zurück ins Jahr 2012 – nein, niemand?), hier ein kleines Transkript. Grünbein sagt:

„Gesellschaften neigen dazu, die Menschen zu formatieren, und ich glaube, dass unter anderem, das Gedicht dabei hilft, aus diesen Formaten wieder herauszukommen. Und das Spezifische, das Unwiederholbare, das Ur-Eigene zu finden.

Grünbein sagt „Gedicht“, aber meiner Meinung nach könnte er genauso gut „Witz“, „Bit“ oder „Comedy im Allgemeinen“ sagen. (Der zweite Satz bezieht sich eher auf die Comedian-Seite, den lasse ich grade mal noch außen vor.)

Wir sind gefangen in Formaten, in den immer gleichen Gedanken, den immer gleichen Diskursen und Sätzen, die wir in den Medien lesen und meistens so weitergeben und runterbeten. Trump ist so, die AfD ist so, Greta Thunberg wiederum ist so. Männer sind so, Frauen dagegen so. Tinder ist ein schräges Phänomen. Die Deutsche Bahn ist zum Kopfschütteln. Die Schwarze Null ist alternativlos. Die Liste lässt sich fortsetzen.

Vielleicht habe ich mir die Worte von Durs Grünbein gemerkt, weil sie meine Erfahrung mit Stand-up-Comedy so treffend beschreiben. Die kann – wenn sie gut ist, durchdacht und mühevoll ausformuliert! – genau das schaffen: uns dabei helfen, aus den Formaten zu entkommen. Indem sie uns an neue, ungewöhnliche Gedanken gewöhnt. Die Welt ist ja immer die gleiche, aber Stand-up schenkt uns neue Blickwinkel.

Das muss zwangsläufig im Kleinen beginnen. Da kann zum Beispiel Demetri Martin darüber sprechen, dass man aus surprise parties doch auch confidence parties machen könnte. Oder Tig Notaro einen alten, harmlosen Witz über eine Biene machen, der im Kontext ihrer Brustkrebserkrankung einen ganz neuen Drive bekommt. Oder, sehr albern, Louis C.K. über die 9/11-Leugner bzw. „nine eleven deniers“ sprechen, also die neun Personen, die leugnen, dass die Zahl Elf existiert. Oder Sarah Silverman sagen „Jesus is coming back… uh wait… on my back.“ Oder Mitch Hedberg: „If you live with a monster you don’t get hiccups anymore.“

Das sind zufällig Beispiele und es sind vor allem: meine Beispiele. Es gibt noch mehr und jeder hat für sich andere. Aber ihnen allen ist gemein: Sie nehmen ein Stück Wirklichkeit, drehen es in den Händen, schauen es von allen Seiten an und setzen es am Ende falsch herum zurück.

Merkwürdig dabei ist: Natürlich sollte Stand-up witzig sein. Anders herum: Wenn sie nicht witzig ist, ist sie keine (gute) Stand-up. Aber irgendwann spielt die Witzigkeit keine so große Rolle mehr, ja, sie stellt sich dann von alleine ein. Der Versuch, witzig zu sein, steht für alle Comedians am Anfang. Erst die Suche nach dem Absurden, nach dem Schrägen und Grotesken, führt das Hirn des Comedians dunkle Gassen entlang. Und wenn sie an einen Ort gelangen, an dem sie noch nie waren (und wir mit ihnen), erschrickt man kurz – und dann lacht man gar nicht mehr über einen Witz, sondern mehr über sich selbst.

Das wird die Welt in den seltensten Fällen verändern. Aber man wird nie wieder vergessen, dass man sie mal anders wahrgenommen hat. Und das zu leisten, ist doch eigentlich wirklich nicht wenig.

Zu viele Stand-up-Begriffe? Dann wirf doch einen Blick ins Lexikon. Lust auf mehr Comedy-News? Melde dich doch für den Setup/Punchline-Newsletter an.