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A piece of work: „Sick in the Head“ von Judd Apatow

Regisseur, Produzent und Comedian Judd Apatow

Im Jahr 1984 steht ein 15-Jähriger mit einem Tonbandgerät bei Stand-up-Legende Jerry Seinfeld vor der Tür. Seinfeld ist damals noch der Prä-Sitcom-Seinfeld, aber durch Fernsehauftritte in den ganzen USA bekannt. Er ist an Presse- und Interviewanfragen gewöhnt, vielleicht winkt der Manager sie standardmäßig durch. Dass auch die Radiostation einer Highschool angefragt hat, ist wohl nicht aufgefallen. Jetzt bittet also ein Schüler zum Interview. Das ist neu.

Der Schüler ist Judd Apatow und wer weiß, was passiert wäre, hätte Seinfeld den Jungen mit dem Tonbandgerät damals weggeschickt. Aber der Comedian spielte mit. Und trug so einen kleinen Teil dazu bei, dass aus einem in Comedy vernarrten Schüler der in Comedy vernarrte Regisseur, Produzent und Autor wurde, verantwortlich für Filme wie The 40 Year Old Virgin (deutsch: Jungfrau, 40, männlich sucht) oder Serien wie Love.

Buchcover von "Sick in the Head"
Apatow, Judd: Sick in the Head. Conversations About Life and Comedy. New York: Random House 2015. 489 Seiten.

Und Seinfeld trug seinen Teil dazu bei, dass Sick in the Head erscheinen konnte. Angestachelt vom Gespräch mit dem Comedian führte Apatow nämlich als Jugendlicher und später als Erwachsener weitere Interviews mit Personen aus dem Bereich der US-amerikanischen Comedy. Unter anderem mit den Filmemachern Spike Jonze und Adam Sandler, der Autorin Lena Dunham, den Talkmastern David Letterman und Jon Stewart und der Comedienne Sarah Silverman. 2015 sind diese Gespräche als Sammelband erschienen.

Wer Apatow eng verfolgt, wird darin wenig neues entdecken: Viele Gespräche wurden schon in Magazinen abgedruckt, zum Teil handelt es sich um Transkripte von Podiumsdiskussionen oder nur den DVD-Kommentar von Apatows Film The Cable Guy. Schmeckt ein wenig nach Geldmacherei, ist dann aber keine: Apatow spendet die Einnahmen des Buches an die gemeinnützige Organisation 826 National, die etwa Schreibkurse für Kinder armer Familien veranstaltet.

Es finden sich viele Perlen in Sick in the Head, zum Beispiel wenn der Regisseur Harold Ramis sagt:

„…you’re famous. Now what? Now it becomes a measure of character, growth, and development. Who do you want to be from that point on? […] Growth is hard […] When you’re almost sixty years old there’s got to be something more going on. What are the challenges of being a grown-up in the world?“

Um diese Stellen zu finden, muss man aber lange arbeiten. Denn die Qualität der Gespräche schwankt. Das liegt zum einen an den Gesprächspartner:innen – die sind mal mehr, mal weniger reflektiert. Und zum anderen an Apatow selbst, der auch nicht jünger wird. Als Jugendlicher war er als Interviewer besser, zumindest war er naiver: etwa, wenn er Talkmaster Jay Leno allen Ernstes fragt: „Would you want more people knowing you?“ Das ist ziemlich erfrischend zu lesen. Der junge Apatow hält sich nicht für einen Experten und bewundert aufrichtig. Apatow, der Ältere, unterbricht und erzählt ein bisschen zu oft, dass er ja auch interessante Dinge erlebt habe.

Filmemacher und Autor von "Sick in the Head": Judd Apatow
Bis heute vernarrt in Comedy: Judd Apatow (Foto: Anders Krusberg
via cc by 2.0)

Ein weiterer Kritikpunkt: Sick in the Head enthält keine richtigen Interviews, also in dem Sinne, dass eine Tonaufzeichnung gekürzt und sprachlich geglättet wird und am Ende ein lesbares Kondensat stehenbleibt. Sick in the Head enthält Gesprächstranskripte, ohne Wenn und Aber:

Judd Apatow: So.
Lena Dunham: So.
Judd: I wanted to ask you where you feel like you’re headed…

Sowas würde als Audio wahrscheinlich besser funktionieren. Geschrieben ist es zwar authentisch, aber etwas mehr bearbeitende Eingriffe hätten es dann insgesamt schon sein dürfen. Wenn der Lektor sich die Mühe nicht macht, bleibt sie halt am Leser hängen. Und schade ist es obendrein: Wer genervt weiterblättert, verpasst die tollen Stellen, die Apatows Gespräch mit Lena Dunham eben auch hat.

Ansonsten? Über 30 der Gespräche hat Apatow mit Männern geführt, gegenüber einer Handvoll mit Frauen. Das ist in Ordnung, bringt aber das Problem der Redundanz mit sich: Ob man vom 17. Mann im fast gleichen Alter mit fast gleicher Sozialisation mit ähnlicher Herkunft etc. dann noch recht viel mehr Neues erfährt als von den 16 vorherigen, ist natürlich eine Frage, die man stellen kann.

Eine andere wäre: Wie fände eigentlich der 15 Jahre alte Apatow dieses Midlife-Werk? Interessant wäre die Antwort, gerade weil sich noch aus einem anderen Grund beim Lesen Erschöpfung einstellt: Sick in the Head ist am Ende ein Werk, das die bestehenden Verhältnisse in der US-amerikanischen Comedy-Industrie bejaht und weiter trägt. Alle haben sich irgendwie durchgebissen, die meisten Karrieren verliefen gleichförmig, so viel wird klar. Für ein Buch, das die zersetzende Kraft der Komik hochhält, ist das eine enttäuschende Pointe.

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