Der Mythos vom traurigen Clown

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Wer Comedy macht, muss psychisch leiden – diesen Fehlschluss reproduzieren Medien und sogar Comedians selbst. Das schadet Menschen mit psychischen Problemen und verkennt, was Comedy als Kunstform ausmacht.

Lange schon sammle ich Material für einen Artikel über das meiner Meinung nach schädliche Narrativ vom „traurigen Clown“: In vielen Artikeln und Medien begegnet einem diese Auffassung, derzufolge – in schwächerer Ausprägung – Comedians aus persönlichem Leid ihr Kapital schlagen, respektive – stärker formuliert – gute Comedy ausschließlich auf persönlichem Leid basiert.

Meiner Meinung nach relativiert und romantisiert das psychisches Leiden und ist in zweifacher Hinsicht problematisch: einmal in ethisch-moralischer (ist das eine akzeptable Haltung, wie psychisches Leid und Erkrankungen gesellschaftlich verhandelt werden?) und einmal in handwerklich-ästhetischer (Stand-up wird auf Therapie reduziert, anstatt als Kunstform nach eigenem Recht anerkannt zu werden).

Für eine Experteneinschätzung habe ich dann die Psychotherapeutin und Stand-up-Comedienne Bea Herzog kontaktiert, die in ihrem Podcast Erstgespräch vor allem mit Comedians über deren psychische Probleme und belastenden Erfahrungen spricht. Bea hat ihrerseits dann mich sofort in eine Episode der Erstgespräche eingeladen. Das Gespräch könnt ihr euch hier anhören oder überall, wo es Podcasts gibt.

Wir sprechen in der Episode unter anderem hierüber:

1. Das Trauma-Klischee in der Medienberichterstattung

Ich kritisiere, dass Journalismus über Comedy-Künstler das psychische Leid zur zentralen Kategorie macht – ob als Erklärung dafür, dass jemand lustig ist, oder als Widerspruch dazu, dass jemand überhaupt noch auftritt. In beiden Fällen kreist alles ums Leid, das Handwerk bleibt unsichtbar. Was aussieht wie Entstigmatisierung, ist dabb oft nur eine neue Form des Zwangs – statt „Psychische Probleme sind peinlich“ heißt es nun „Psychische Probleme sind interessant, wenn du sie richtig verwerten kannst“. Bea ergänzt die klinische Perspektive: Der Begriff „Trauma“ wird dabei inflationär falsch verwendet – korrekt wäre zumeist „belastende Erfahrungen“.

2. Handwerk vs. Leid als Kausalerklärung

Wir sind der Auffassung: Leid ist keine hinreichende Bedingung für gute Comedy. Es geht um die Unterscheidung zwischen Trauma-als-Subjekt („Das ist mir passiert, schaut her“) und Trauma-als-Material („Von dort, wo ich stehe, weil mir das passiert ist, sehe ich folgendes – und das ist komisch“). Im zweiten Fall hat der Comedian eine Position gegenüber seiner Geschichte, ist nicht mehr mit ihr identisch – er ist größer als das Material. Das Publikum lacht dann über eine Beobachtung, nicht aus Empathie. Entscheidend ist dabei, ob der Comedian bereits eine Haltung zu seinen Erfahrungen entwickelt hat.

3. Die Gefahr der Selbstfixierung auf Leid

Weiter sprechen wir über die These, dass Comedians, die Leid für eine Voraussetzung guter Comedy halten, sich damit unbewusst in einem ungesunden Zustand festhalten. Wenn schließlich das psychische Leiden Voraussetzung für gute Jokes ist, würde man sich ja mit erfolgreicher Therapie und Überwindung der eigenen Probleme, dieser Voraussetzung berauben und seine eigene Comedy schwächen. Menschen sind nicht vollständig durch ihre Herkunft oder ihre belastenden Erfahrungen determiniert. Bea fügt an: Entscheidend ist, wie mit Leid umgegangen wird – als Material mit Distanz, nicht als Identität.

4. Das Publikum ist keine Therapiegruppe

Aus belastenden Erfahrungen kann gute Comedy entstehen, aber das Leid wird oft für eine hinreichende Bedingung gehalten. Damit machen es sich Comedians unserer Meinung nach etwas zu leicht. Wer unverarbeitetes Leid ungefiltert auf die Bühne bringt, missbraucht das Publikum als Auffangbecken. Gute Comedy entsteht erst, wenn der Comedian eine Haltung entwickelt und den eigenen Determinismus nicht überwindet, sondern in Form bringt: ihn persifliert, als komisch begreift. Herzog zitiert Freud: Humor ist die elaborierteste Form des Umgangs mit Leid – aber eben eine Form, kein Selbstzweck.

5. Gelungene Beispiele als Gegenmodell

Wir benennen auch Beispiele, wo Comedy zwar Leid behandelt, aber dabei nicht stehen bleibt, sondern das Leid in etwas anderes transformiert. Es geht um Gary Gulman, Helene Bockhorst, Kalle Zilske, Mario Bamford und generell Künstler:innen, die über Leid sprechen, ohne ein Erlösungsnarrativ zu bedienen. Etwa wenn Witze zwar Schmerz als Hintergrund haben, aber die Zielscheibe dabei immer das System, die Institutionen oder soziale Absurditäten sind, nicht die Comedians selbst als leidende Objekte. Möglicherweise kann man es so am besten zusammenfassen: Comedy, die eigenes psychisches Leiden behandelt, gelingt, wenn der Comedian als Zeuge der Welt auftritt, nicht als Opfer seiner eigenen Geschichte.

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