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Die Pausetaste für Stand-up: „Getting the Joke“

Getting the Joke
(Foto: Lucas Sankey via Unsplash, Collage: s/p)

Oliver Double scheint der Dozent oder der Lehrer, den man sich an Schule oder Universität immer gewünscht hätte: Er ist Head of Comedy and Popular Performance an der University of Kent im britischen Canterbury. Und die Kunst von Stand-up vermittelt er seinen Studierenden, indem er sie über ein Semester ein Set entwickeln, wöchentlich aufführen und ständig verfeinern lässt. Darauf haben manche schon eine Comedy-Karriere aufgebaut.

Double ist nämlich auch Comedian und weiß: Stand-up ist eine Live-Kunstform. Auch wenn man wissenschaftlich arbeitet, ist sie weder als Text noch als Film vollständig dokumentierbar noch überhaupt analysierbar. Immer fehlt etwas. Zu viel hängt von der Aufführungssituation ab, von der Präsenz der Künstler:innen, vom Energieaustausch mit dem Publikum oder, wie Double an einer Stelle in Getting the Joke so schön sagt, vom „zeitgeist in the room“.

Buchcover von Getting the Joke von Oliver Double
Double, Oliver: Getting the Joke. The Inner Workings of Stand-up Comedy. London/New York: Bloomsburg, zweite erweiterte Auflage 2014. 518 Seiten.

Es liegt wohl in der Natur des Wissenschaftlers, dass sich Double trotzdem an einer Dokumentation bzw. Inventarisierung von Stand-up versucht. Getting the Joke leistet in der Hinsicht wirklich Beeindruckendes. Das Buch ist in dieser Breite die umfassendste deskriptive Analyse der Kunstform Stand-up, die ich kenne.

Getting the Joke: die umfassendste deskriptive Analyse

Zunächst definiert Double Stand-up anhand von vier Merkmalen: a) being funny, b) personality, c) direct communication und d) present tense. Allein diese Definition ist schon so einfach wie produktiv, denn den Aspekten der Konversation und des Präsentischen bekommen bei der Analyse von Stand-up (wenn es nicht gerade um Crowdwork geht) meistens nicht viel Aufmerksamkeit. Diese vier Merkmale analysiert Double dann in 28 Kapiteln wie Truth, Working the audience, Timing oder Sektionen zu kulturellen references, zur Materialbeschaffung oder über Aberglaube unter Comedians. Das streift schon mal Theatertheorien wie von Bertolt Brecht, geschieht aber meistens sehr praxisorientiert: Double webt als Belege Zitate von Comedians oder Beobachtungen aus Live-Shows oder aufgezeichneten Specials ein.

Diese Kapitel widmen sich dann noch einmal kleinteiliger verschiedensten Nuancen der Kunstform, etwa in Unterkapiteln mit tollen Titeln wie We hate comedians, Trying too hard oder When audiences love too much. Letzteres ist eine sehr differenzierte Betrachtung über die viel kritisierte, aber kommerziell höchst erfolgreiche Comedy von Dane Cook und Michael McIntyre. Das Kapitel ließe sich inhaltlich eins zu eins auf Mario Barth übertragen. Double bleibt bei seinen Beispiel aber fast ausschließlich auf die USA und Großbritannien beschränkt. Das stört aber nicht und ist naheliegend, da es sich dabei ja um die Wiegen der Kunstform handelt, wie Double auch in einem kurzen historischen Abriss aufdröselt.

Stand-up ist ein unglaublich komplexes Phänomen: Alles sieht schlicht aus, in Wirklichkeit aber passieren viele Dinge gleichzeitig. Um Stand-up zu analysieren reicht es im Grunde nicht, sich ein Special einmal anzusehen. Doubles größtes Verdienst ist nun: Er drückt auf Pause, zerlegt Stand-up in (so gut wie) alle sichtbaren Bestandteile und zeigt auf, wie diese interagieren. Wie wirkt sich Sarah Silvermans Persona auf ihre Jokes aus? Warum verzeiht das Publikum vieles, aber nicht alles, etwa Michael Richards‘ legendären career ending moment? Warum gelingt es Omid Djalili, stereotype Witze zu machen, ohne dass wir das als Ressentiment empfinden?

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Kühle Analytik mit Raum für Magie

Getting the Joke ist keine Anleitung, wie man gute Stand-up produzieren kann. Es bleibt rein deskriptiv und zeigt lediglich, was im Rahmen bestimmter Spielregeln möglich ist. Eben welche Ausprägungen die Gattung „Comedian“ annehmen kann. Falls man unbedingt eine Lektion daraus mitnehmen möchte, dann vielleicht die: Nicht nur das Witzmaterial, auch Raum und Zeit, Zusammensetzung und Stimmung des Publikums, die Schuhe, die man zum Auftritt trägt, die Reaktion auf eine umgefallene Flasche – all das ist entscheidend. Alles hat Bedeutung.

Gerade das macht die Kunstform so schwierig und lässt Anfänger oft verzweifeln. Aber es heißt auch: Wenn alles Bedeutung hat, lässt sich so gut wie alles kontrollieren. Und wenn (fortgeschrittene) Comedians diese Kontrolle ausüben, können sie nicht nur einen spaßigen Abend bereiten, sondern in den besten Momenten die Hirne der Zuschauer:innen verquirlen und die Grenzen des Sag- und Denkbaren verschieben.

Getting the Joke wird nie zu technisch, nie unterkühlt und schon gar nicht tötet es die Kunstform in der Untersuchung ab. Vielmehr lässt erst Doubles strukturiertes Vorgehen Raum für die Magie entstehen, die das fehlende Prozent von Stand-up ausmacht. Denn je enger das analytische Netz geknüpft ist, umso mehr Löcher entstehen. Die Analyse scheint nie erschöpft: Stand-up entkommt immer.

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