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Münchner Comedians schreiben Audioserie für FYEO

Die Drehbücher für Jour fixe haben Robert Sladeczek (M.) und Albert Bozesan (r.) mit Unterstützung von Comedyautor Tommy Krappweis geschrieben.

ProSiebenSat.1 produziert Comedy mit Hugo Egon Balder, Bernhard Hoecker, Hella von Sinnen und Wigald Boning: Könnte eine Nachricht aus dem Jahr 1996 sein, stammt aber aus dem Juli 2020. Und heute ist etwas anders, denn die Serie Jour fixe kommt in Podcast-Boomzeiten als Audioserie daher, auf dem sendereigenen Portal FYEO („for your ears only“). Und dann sind da noch die Schöpfer der Serie: Für Idee und Drehbücher verantwortlich sind Albert Bozesan und Robert Sladeczek, zwei Medienschaffende und Comedians aus Münchens junger Szene. Hier haben sie (bis zu den Beschränkungen durch Corona) das Open-Mic Catchphrase Comedy im Gasteig betrieben.

Landesweit üben sich Comedians auf Stand-up-Bühnen, schleifen in Sketchen ihren Stil oder suchen in Podcasts ihren Ton. Ähnlich wie schon seit Jahrzehnten in den USA bildet sich seit einigen Jahren auch in Deutschland ein Comedy-Substrat aus. Das heißt: eine Menge an Menschen, die Comedy können und machen. Und die so einen Ideenpool speisen, aus dem sich wiederum größere (oder traditionellere) Player wie etwa Fernsehsender bedienen können.

So war es im Fall von Jour fixe: Eine Verantwortliche von ProSiebenSat.1 sei aufgrund ihres Interview- und Comedy-Podcasts Zweibert auf sie aufmerksam geworden, erzählen Bozesan und Sladeczek am Telefon, und hätte dazu ermuntert, doch mal ein Serienkonzept für FYEO zu pitchen. Die Sendergruppe hat die Plattform im April gestartet. FYEO lässt sich als Podcast-App nutzen, bietet (für einen monatlichen Preis von 5 Euro) aber auch Eigenproduktionen an. Etwa Deutsche Abgründe, ein Dokuformat über rechtsradikalen Terrorismus in Deutschland, oder Makel, eine fiktionale Serie mit Schauspielerin Heike Makatsch.

Die Idee von „Jour fixe“ gefiel – und FYEO holte Krappweis an Bord

jour fixe auf fyeo

Die Idee von Bozesan und Sladeczek: eine Comedyserie in der Start-up-Welt. Mit ihrer Medienproduktionsfirma Peak State Entertainment hatten sie schon öfter Aufträge von Start-ups erhalten und verfügten darum über einen guten Einblick in diese Szene und ihre Schrullen. Gemeinsam mit Comedy-Autor Tommy Krappweis (RTL Samstag Nacht, Bernd das Brot) entwickelten sie dann das Konzept, das auf verrückten oder schlicht beratungsresistenten Figuren basiert und sich lose an an TV-Serien wie The Office oder dem deutschen Ableger Stromberg orientiert.

Die Idee gefiel und das Ergebnis ist nun Jour fixe – Die Start-upper. Die erste Staffel des Podcasts (FYEO-Eigenbezeichnung auch: „Audio-Blockbuster“) erzählt in zwölf Folgen à 25 Minuten die Geschichte von BWL-Absolventin Anna, die einen Job bei einem Start-up annimmt, wie ProSiebenSat.1 dazu mitteilt. In der nun veröffentlichten ersten Staffel stürzt die Firma kopflos in jeden Trend. Und sie sei dabei weniger von US-amerikanischem Gründergeist geprägt als von bräsig-deutscher Bürokultur, wie Bozesan und Sladeczek hinzufügen. Sprecher:innen sind unter anderem Anna Jung und Youtuber Marti Fischer. Auch die Autoren übernehmen Rollen und Comedy-Urgesteine wie Balder oder Hoëcker haben Gastauftritte.

Eine Besonderheit sei es gewesen, mit so einem erfahrenen Comedy-Autor wie Krappweis zusammenzuarbeiten. „Tommy war eine großartige Hilfe“, sagt Bozesan. „Er erkennt genau, wie man etwas lustiger machen kann.“ Das sei hilfreich gewesen, gerade weil die Aufnahmebedingungen ohnehin nicht sehr günstig waren. Die Charaktere müssten im Studio ja interagieren, durften sich aber wegen Corona nicht begegnen und konnten sich noch nicht einmal sehen. „Wir konnten ja nicht über Skype oder Zoom telefonieren, weil die Verzögerung zu groß ist“, erklärt Sladeczek. Mit spezieller Technik konnte man die Latenzen bei der Übertragung zwischen zwei Studios in Berlin und München aber minimal halten.

Zwar haben die beiden Erfahrung im Schreiben von Comedy. (Unter anderem haben sie in London ein Seminar bei Drehbuch-Guru Robert McKee besucht.) Allerdings war eine Audio-Produktion neues Terrain. „Man muss ganz anders an die Sache rangehen“, erklärt Sladeczek. Gags müssten allein für das Ohr funktionieren. Das sei aber nicht nur Hürde, sondern eröffne auch neue Möglichkeiten: Eine Audioserie habe immer einen Wissensvorsprung vor den Zuschauer:innen und kann diesen gezielt für komische Effekte nutzen.

Der Fall von Jour fixe zeigt exemplarisch, wie die Zusammenarbeit zwischen Comedy-Substrat und Unterhaltungsindustrie funktionieren kann. Es ist ein Mechanismus, dem wir in den kommenden Jahren sicher noch öfter begegnen werden.

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