Kommentar

Mittelmäßig, aber bedeutend: „Douglas“ von Hannah Gadsby

Die australische Stand-up-Comedienne Hannah Gadsby
In Douglas stellt Hannah Gadsby wieder die Absurditäten des Patriarchats aus. (Foto: Ali Goldstein/Netflix)

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Unerhörte Dinge sagte Hannah Gadsby 2018 in ihrem Special Nanette: Sich selbst herabzusetzen, die sogenannte self-deprecating comedy, habe einen Makel. Sie hebe die Erniedrigung nicht auf, sondern friere sie ein, sagte Gadsby. Als lesbische Frau mache sie sich so zur Komplizin ihrer eigenen Unterdrückung. Darauf hatte sie keine Lust mehr und gab in Nanette ihren Rückzug von der Comedy bekannt.

Viele, auch ich, hielten das für ein Erdbeben. Comedy würde nie wieder die gleiche sein, Nanette war das special that ended specials. „Das beste Comedyprogramm aller Zeiten“, nannte es die ZEIT. Und selbst wenn man das nicht so sieht, kann man den Paukenschlag anerkennen, die Karriere auf der Bühne zu beenden.

Dabei blieb es nicht. Gadsby machte weiter. Douglas ist ihr zehntes Special, das zweite auf Netflix. Kann das gutgehen? Widerlegt sie damit nicht alles, was sie mit Nanette aufgebaut hat?

Die kurze Antwort: Nein, Douglas entkräftet nichts. Aber natürlich kann es nicht an den Vorgänger heranreichen. In komischer Hinsicht ist Douglas ein mittelmäßiges Stand-up-Special. Bedeutend ist es trotzdem, denn es ist größer als seine Komik.

Plakat zum Special "Douglas" von Hannah Gadsby
Hannah Gadsby: Douglas (2020); Regie: Madeline Parry

Zuerst also zur Komik: Gadsby beginnt Douglas mit einer Inhaltsangabe von Douglas. Da man ja gar nicht wisse, was nach Nanette nun von ihr zu erwarten sei, kündige sie einfach alle Segmente der Show an: observational jokes, die, wie sie sagt, nicht sehr gut seien, kunsthistorische Exkurse, Köder für ihre Hater. Sie werde über ihre Autismus-Diagnose sprechen und über Impfgegner. Und sie sagt dem Publikum, wann es etwas lustig finden werde, und auch: wann es etwas lustig finden werde, weil es sich an den jeweiligen Stellen an Gadsbys Erläuterung vom Beginn der Show erinnern wird. Und dann noch einmal („I added a third layer to your humor cake“), wenn sich die Zuschauer an diese Lachprognosen erinnern würden.

Viel Meta bleibt bei „Douglas“ Selbstzweck

Das zeigt, wie beeindruckend durchdacht und ausgefeilt Gadsby Douglas entworfen hat. Und beeindruckend auch, wie gut sie es spielt. Allerdings: Was nützt die schönste Metakonstruktion, wenn sich die Prognosen nicht erfüllen und sich im Ergebnis, wie bei mir geschehen, kaum ein Lacher einstellt?

Wenn Gadsby weiß, dass Witze über unterschiedliche Begriffe im US-amerikanischen und australischen Englisch schlecht sind (oder die über Golfer oder über die Paleo-Diät), und sie dann macht, hilft das nicht. Es sind immer noch schlechte Witze.

Im „Good One“-Podcast erklärte Hannah Gadsby, dass sie Douglas wie eine musikalische Fuge konstruiert habe. Das heißt: vielstimmig und mit wiederkehrenden Motiven, mit viel Lust an Sprache und Wortspielereien. Das ist schön, wird aber teils etwas ermüdend. Viele Callbacks bleiben reiner Selbstzweck.

Oder verpuffen ganz. Ein Beispiel: Der Douglas-Raum (eine „taschenförmige Aussackung des Bauchfells“ im weiblichen Körper, die keinen Überlebenszweck erfüllt) dient Gadsby als Beispiel für patriarchalen Benennungswahn und Anlass für wunderbare Rants. Beim Spazierengehen mit ihrem Hund Douglas erklärt sie einem Fremden im Park, dass sie den Hund angeblich nach dem Douglas-Raum benannt habe und was es mit diesem Raum auf sich hat. Um zu belegen, wie absurd ihr Denken ist, kommt Gadsby immer wieder auf diese Episode zurück. Allerdings hat man gerade in Comedy-Specials auch schon absurdere Geschichten gehört. Als Beleg für Absurdität taugt diese nur bedingt, das Insistieren darauf wirkt kraftlos und irritierend.

Auch bei Setup/Punchline: Filme über Comedy

Wie entsteht Comedy im Film und wie lässt sich das mit der Kamera einfangen? Diese Rubrik widmet sich Spielfilmen und Dokumentationen, die diesen Fragen nachgehen.

Es wäre zudem nicht nötig, weil Gadsby großartiges Material hat und Douglas eine Kürzung um eine Viertelstunde auch nicht geschadet hätte. (Zur Hunde-Episode kommt Gadsby, nach Inhaltsangabe und hacky observational jokes, nach 23 Minuten. Ein Drittel des Specials ist da schon um.) Ihre kunsthistorischen lectures sind voller Drive, gehören zum Besten des Abends. Kuriosa wie Katzen mit Schlaganfällen oder merkwürdig verrutschte Stoffe muss man in den Bildern der sogenannten Alten Meister auch erst einmal entdecken. („Thank god you’re in the nude, because I’m painting a landscape!“)

Ein großer Spaß ist auch, wie sie Kunstgeschichte mit den Heroe Turtles kombiniert oder den „Where’s Waldo“-Waldo als typisch ignoraten Idioten-Mann re-identifiziert. Oder ein konfuses Erlebnis aus ihrer Schulzeit, das sie sich erst in der Rückschau mit ihrer Autismus-Diagnose erklären kann.

Klar: Solche Hochs sind ohne Tiefs nicht denkbar. Aber wenn das Tief dann zum Beispiel „Wer in welches Hogwarts-Haus“-Witze sind, ist das ein wenig enttäuschend. 23 Jahre nach Erscheinen des ersten Harry-Potter-Romans ist das ein abgegrastes Feld.

Hannah Gadsby kann ihre Botschaft nicht in Comedy auflösen

Mit ihrem „needling of the patriarchy“ rennt Gadsby bei ihren Fans offene Türen ein. Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen: Sie hat recht, sie formuliert wunderbar detailreich. Es ist nur nicht besonders lustig. Wenn ein Witz lustig ist, weil er überrascht und verblüfft, kann er letzten Endes dort nicht mehr sehr lustig sein, wo er, anstatt Überraschung zu erzeugen, Erwartungen erfüllt.

Falsch macht das Gadsbys Botschaft nicht, ganz im Gegenteil. Sie ist zu groß, zu wahr: Sie lässt sich schlicht nicht mehr allein in Comedy auflösen. Er bräuchte dafür noch ein Mehr. Zum Beispiel eine gesteigerte bescheuerte Haltung wie bei Michael Che, der sich in Michael Che Matters (2016) zum Schein auf eine Diskussion um den Slogan „Black Lives Matter“ einlässt. Oder eine zarte Brechung, wie bei Michelle Wolf, die als woke feminist in Joke Show (2019) auch für woke feminists ein paar unbequeme Äußerungen parat hat. Bei Gadsby dagegen: Wucht, Wut, Energie und Angriffslust. Das ist ein gehöriges Mehr, allerdings kein komisches.

Nun aber einmal genug mit der Komikkritik, denn mit ihr wird man Douglas ohnehin nicht gerecht. Letzten Endes ist es auch ein genüssliches Lavieren, das Gadsby mit ihren Witzen betreibt.

Die symbolische Ordnung der Welt ist von Männern gemacht, davon handelt Douglas in weiten Teilen: Dr. Douglas benennt seine Aussackung, Pythagoras benennt seine Dreiecke, Männer bezeichnen Gadsbys Specials als „no comedy“. Würde sie versuchen, es diesen Kritikern (oder eher: Hatern) besonders schwer zu machen, indem sie die bestmöglichen Witze machte, so würde sich Gadsby wieder von der Benennungs- und Bewertungsinstanz Mann abhängig machen. Und weil die Welt Frauen alles, aber auch wirklich alles vorwerfen kann („one woman show“), würden sich rasch wieder Gründe finden, warum Gadsbys Witze ja doch wieder schlecht wären.

Wenn sie dagegen ankündigt, dass sie schlechte Witze macht, behält sie die Initiative: Sie bewertet die Witze vor allen anderen und sogar die Hater müssen ihr recht geben. Und wenn sie schon mal dabei sind, werden sie natürlich auch all ihre Witze über das Patriarchat als schlecht und langweilig bezeichnen. Womit sie dann bestätigen, dass deren Prämissen, zum Beispiel Queer- und Frauenfeindlichkeit, lang bekannt und ausgelutscht sind. Hater dazu zu zwingen, wenn auch implizit zuzugeben, dass sie keine besseren Gründe für ihren Hass haben als Queer- und Frauenfeindlichkeit: Es ist ein Kunststück und am Ende vielleicht der beste Witz von allen.

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