Noten zur Comedy
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„Good Timing“ zeigt, was Comedy nicht muss, aber kann

Der Comedy-Newsletter von Setup/Punchline: News über Stand-up, Comedy und Kabarett
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Die New Yorker Comedienne Jo Firestone hat die Pandemiezeit überbrückt, indem sie Senioren zwischen 70 und 90 Videokurse in Stand-up-Comedy gegeben hat. Und weil man Stand-up live machen und erleben muss, drängte Firestone mit ihrem ersten Kurs, der sich nach den Lockdowns wieder persönlich treffen konnte, natürlich direkt auf die Bühne. Kurs, Show und Interviews mit den Teilnehmer:innen wurden gefilmt und unter dem Titel Good Timing als Comedyspecial veröffentlicht. Kein klassisches Stand-up-Special, aber ein Special im ursprünglichen Sinne einer einmaligen, eben: Spezialproduktion. In jedem Fall ein Segen für Comedyfans.

Muss man dazusagen, dass die älteren Herren viele Altherrenwitze machen und die älteren Damen (in Ermangelung eines besseren Ausdrucks) sehr tantenhafte Witze? Oder dass im Kurs natürlich auch Witzebuch-Witze erzählt werden oder Witze aus Whatsapp- und Facebookgruppen? Muss man natürlich nicht, kann sich jeder denken. Ist trotzdem nicht hacky, denn umso besonderer sind die Momente, wenn es den Teilnehmer:innen gelingt, alle Schichten erlernten Humors zu entfernen und ihre eigene Stimme zu finden. Wenn ein Teilnehmer ein Bit über seinen Kanarienvogel schreibt oder eine Witwe über ihr Messie-Dasein spricht (sie bewahrt unter anderem die Kniescheibe ihres verstorbenen Mannes auf). Oder wenn eine liebe kleine Oma bei einer Schreibübung mit einem zynischen „Every day I lose all hope in mankind“ die Gruppe erst sprachlos macht – und dann lachen.

Mittendrin und doch immer dezent im Hintergrund agiert Firestone, motiviert, spricht Mut zu und hört manchmal auch einfach nur zu. Good Timing zeigt, was Comedy nicht muss, aber kann: fröhlich machen, zur Selbstreflexion motivieren, zur Kreativität inspirieren, Einsamkeit vorbeugen und Gemeinschaft stiften. Witze können etwas sehr Verbindendes haben.

Dieser Artikel gehört zur Reihe Noten zur Comedy, in der wir alle zwei Wochen einen Blick auf ein virulentes Thema rund um Comedy werfen. Ihr könnt die Noten auch als Newsletter abonnieren, dann kommen sie direkt (mit aktueller Presseschau und besonderem Comedytipp) ins Postfach.

Good Timing ist damit das Gegenprogramm zu The Closer, dem aktuellen (klassischen) Stand-up-Special von Dave Chappelle. Ich hatte vor zwei Wochen geschrieben, dass ich es schwer erträglich finde, einem Multimillionär bei seinem whiny Kleinkrieg gegen die „LGBTQ-Community“ zuzusehen. (In Anführungszeichen, da es sich ja nicht um eine homogene Community handelt.) The Closer regt nicht an, es inspiriert nicht, es bringt eine kalte Weltsicht zum Ausdruck. Vor allem stiftet es keine Gemeinschaft. Es erledigt das Gegenteil.

GOAT nennen manche Comedyfans Chappelle, Greatest of all times. Und von so einem GOAT könnten natürlich gerade Anfänger wie im Kurs in Good Timing einiges lernen. Zum Beispiel, wie man „expose issues that are uncomfortable because the art by nature is highly provocative“. So beschrieb Netflix-Content-Chef Ted Sarandos das Wesen von Stand-up, in einem Schreiben an die Belegschaft, in dem er The Closer gegen die Vorwürfe von Trans- und Homophobie verteidigte.

Comedians have to cross lines! If you can’t take a joke, don’t go to a comedy show. Comedians sprechen unbequeme Dinge an, sie legen den Finger in die Wunden der Gesellschaft, glauben viele. Da ist schon was dran. Genau das haben in den USA zum Beispiel Lenny Bruce, Richard Pryor oder George Carlin getan. Sie zielen auf Ungerechtigkeiten und normative Setzungen in einer Gesellschaft und hinterfragen diese.

Welche Normen kritisiert eigentlich Dave Chappelle noch?

Der Unterschied zu Chappelle ist nur: Die Genannten legten sich mit dem Establishment an, Bruce saß wegen seiner Comedy mehrfach im Gefängnis, Carlin löste mit seinen Filthy wordseine landesweite Debatte und ein weitreichendes Gerichtsurteil über TV-Zensur aus. Und Pryors Comedy über Polizeigewalt ist legendär.

Chappelle dagegen legt sich seit Jahren mit der „LGBTQ-Community“ an bzw. seiner Vorstellung davon. Welche Linie wird hier im Dienst der Comedy überschritten? Welche überkommene Moral aufgezeigt, welche normative Setzung hinterfragt? Dass Menschen aus der „LGBTQ-Community“ sakrosankt sind und Sonderrechte genießen? Dass man sie gar nicht mehr kritisieren darf?

So geht in etwa Chappelles Argumentation. Jedoch darf man fragen: Wenn diese normative Setzung so mächtig ist, wieso werden eigentlich täglich und weltweit lesbische, schwule, trans etc. Menschen beleidigt und körperlich angegriffen? Diese Gewalt ist Fakt, sie ist auch gut dokumentiert, sei es für die USA oder für Berlin, oder für viele andere Orte auf der Welt, man muss ja nur danach googeln. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland hat hier vergangenes Jahr fast 800 Straftaten „von Hasskriminalität gegen LSBTI [also LGBTQ auf Deutsch, Anm. s/p] registriert, darunter 154 Gewalttaten“. Tolle Sonderrechte sind das.

Wer ohnehin schon diskriminierte Gruppen verächtlich macht, zahlt auf dieses Klima ein. So sieht es etwa die Gay and Lesbian Alliance Against Defamation, die auf Twitter formuliertmedia representation has consequences“. Und so sah es übrigens auch einmal Dave Chappelle: Mitte der 2000er beendete er vorzeitig die Dave Chappelle’s Show. Warum? Er hatte festgestellt, dass seine Sketche auch Applaus von der falschen Seite bekamen, nämlich von Leuten, die es lustig fanden, wie in der Show – vordergründig – Schwarze bloßgestellt wurden. Das nicht weiter zu befördern, war Chappelle so wichtig, dass er einen Deal über 50 Millionen US-Dollar ausschlug und sich zurückzog. Was dann in Folge dazu beitrug, den Mythos Chappelle zu begründen. Das Fundament dieses Mythos steht also auf der Einsicht „representation has consequences“.

Natürlich kann man diskutieren, ob und wie mediale Darstellung und reale erfahrene Gewalt zusammenhängen. Keine Diskussion kann es aber darüber geben, dass es diese real erfahrene Gewalt gibt. Auch Chappelle weiß das, sagt in The Closer jedoch: Man könne in den USA einen Schwarzen erschießen und damit davonkommen, aber man solle besser nicht die Gefühle eines Schwulen verletzten. „And that’s exactly the inequality I want to talk about!“

Chappelle liegt im Trend der Zeit – wenig für einen GOAT

Anstatt das Unrecht in beiden Fällen anzuerkennen (es gibt Gewalt gegen Schwarze und es gibt Gewalt gegen Schwule), nimmt Chappelle eine Hierarchisierung vor (Schwule werden emotional verletzt vs. Schwarze werden getötet). Damit verschleiert er einerseits die Gewalt gegen Schwule, und andererseits legt er nahe: Damit diese Ungleichheit aufgehoben wird, müssen Schwule weniger Rechte besitzen, trans Personen sollen sich nicht so haben, allen Minderheiten soll es gleich schlecht gehen.

Anstatt, zum Beispiel, einem breiten Bündnis gegen Rassismus, Homo- und Transphobie redet Chapelle einer gesellschaftlichen Entsolidarisierung das Wort. Jeder ist sich selbst der Nächste, sogar der Kampf gegen Diskriminierung wird zu einem von Neid geprägten Wettbewerb.

Damit liegt er voll im Trend einer Zeit, die so kalt, neoliberal und empathielos ist, dass in Deutschland eine potenzielle Koalition aus SPD, Grünen und FDP schon als „Linksrutsch“ durchgeht. Sollte man aber nicht von einem angeblichen GOAT erwarten, dass er zu mehr imstande ist, als im Trend zu liegen? Sollte man nicht von ihm Kunst erwarten können, die über ihre Zeit hinausweist? Könnte man nicht davon ausgehen, dass gerade ein GOAT mehr tut, als auf längst abgefahrene Züge aufzuspringen?

Wie erwartbar The Closer ist, so spannend ist übrigens das eingangs erwähnte Good Timing. Einer der Rentner macht bei der abschließenden Show zum Beispiel folgenden Witz: „My new thesaurus is terrible. But not only that, it’s also terrible.“ So herrlich, so ökonomisch: Der Joke hat kein Wort zu viel. Er könnte von Mitch Hedberg sein. Für einen betagten Nachwuchscomedian vielleicht ein Zufallstreffer. Aber doch ein Zufallstreffer, der von der Freude am Spiel mit Worten zeugt, auch von der Lust, und am Ende eben von der Kraft der Sprache. Einer von den kleinen goldenen Momenten in Comedy, wie man sie bei Dave Chappelle leider nicht mehr erlebt.

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