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Wenn der Humor so eine gefragte Medizin ist, warum ist er ständig in der Krise?

Humor wird während Corona ständig eine Krise angedichtet
(Bild: Braydon Anderson; Collage: s/p)

Der Humor steckt schon wieder in der Krise, na klar, wegen Corona. So stand das vergangene Woche in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Beziehungsweise wurde es einem eingehämmert: „Humor in Krisenzeiten, das ist alles andere als einfach“, hieß es. Oder: „Guter Humor ist gerade gar nicht einfach.“ Was dann zum Unausweichlichen führt: „Der Humor steckt in der Krise.“ Wahlweise auch: „Humor ist in der Krise.“

All das stammt nicht aus etwa vier Artikeln zur Humorkrise, sondern einem einzigen. Aber auch die Wiederholung macht die Sache natürlich nicht richtiger. Da hilft es auch nicht, dass Autor Martin Zips, um diese These zu belegen, Aristoteles bemüht, Cicero, Sigmund Freud, die ungefähr aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammende Körpersäftelehre des griechischen Arztes Galenos, dann einen Altherrenwitz von Ai Weiwei nacherzählt, kurz bei Thomas Gottschalk anruft und mal in einen Podcast reinhört.

Der SZ-Artikel will wahrscheinlich eine originelle Betrachtung von Humor oder Komik in Corona-Zeiten leisten. Das Ergebnis ist leider eine Ansammlung an Allgemeinplätzen über Humor, die seit Jahrzehnten durchgekaut, in Krisenzeiten (echten und behaupteten) aus der Schublade geholt und als neu verkauft werden.

In Kürze geht Zips‘ Argumentation so: Gerade jetzt, unter Corona, verlangt das Publikum „nach unterhaltsamer Zerstreuung“. Solche ist im Moment aber kaum zu kriegen. Denn weil TV-Sendungen, die sonst vor Studiopublikum aufgezeichnet werden, nun kaum noch Studiopublikum haben, spielen immer mehr dieser Shows Gelächter und Applaus aus der Konserve ein, zum Beispiel die heute show, Let’s dance oder The Masked Singer. Und das ist „fürchterlich traurig“, mithin also nicht lustig. Humor: in der Krise. Q.e.d.

Was kann der Witz für die Krise des Lachens?

Nun kann man fragen: Was kann denn ein Witz dafür, wenn hinterher Lacher vom Band eingespielt werden? Da ist der Witz ja schon erzählt! Man könnte ihn dann zum Beispiel danach beurteilen, ob er handwerklich gut gemacht ist, ob er überraschend war, ob er neue Blickwinkel aufgezeigt hat. Aber Zips geht einen anderen Weg: Damit Witze lustig sein können, muss die notwendige Bedingung erfüllt sein, dass die Lacher echt sind.

Das ist eine wirkungsästhetische Position, und es spricht nichts dagegen, sie einzunehmen. Allerdings: Wenn man darauf etwas aufbauen möchte, sei es eine Argumentation oder einen ganzen Essay über Humor gar, dann sollte man sie gut begründen. Zips tut das nicht. Und so bleibt ein logisch windschiefes Gebilde übrig, dessen Konstruktion mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

Warum sollte gerade die Echtheit des Lachens die Qualität eines Witzes verbürgen? Es amüsieren sich ja auch viele Menschen über Männer/Frauen-Witze oder reinen Fäkalhumor. Lacht physisch anwesendes Publikum immer ehrlich? Lacht man nicht manchmal auch, weil der Sitznachbar lacht? Kann man bei einem so künstlichen Format wie einer TV-Sendung, mit ihren Schnitten, Takes und Kamerafahrten, überhaupt von „Echtheit“ sprechen? Ungeklärt bleibt auch, warum sich Lustigkeit und Traurigkeit eigentlich ausschließen sollten. Das sind wenige Beispiele von vielen. Aber alles in allem: ziemlich viel dogmatischer Ballast, den Lesende mitschleppen müssen.

Ein Problem ist diese angeblich defizitäre Komik übrigens nur, weil der Autor gleichzeitig eine gesteigerte Komik-Nachfrage in der Bevölkerung konstruiert. Die Komiker:innen müssten also, weil das Publikum will, aber sie können halt nicht. All das kann man anzweifeln, aber bleiben wir für einen Moment beim Wollen des Publikums. Auch das ist ein absoluter Klassiker der Humorkritik. Bei Zips klingt er so:

„Humor bleibt eine gefragte Hausmedizin in Zeiten von Firmenpleiten, drohender Armut und Massenarbeitslosigkeit. Eine Medizin für den Geist, welche den Menschen das Anstehen beim Friseur, den bei Anne Will aus dem Flachbildschirm dozierenden Söder und die längst verfallenen Theaterkarten für kurze Zeit vergessen lässt.“

Krise des Humors? Die Krise liegt woanders

Da steht im Grunde: Humor ist nie verkehrt. Auch in Krisenzeiten nicht, da kann er sogar trösten. Humor kann natürlich auch in Nicht-Krisenzeiten trösten. Also ist das in seiner Universalität ein ziemlich egales Argument. Vor allem aber lässt sich daraus nicht ableiten, dass die Bevölkerung zurzeit ständig aktuelle komische TV-Shows braucht. Also die Shows, deren Produktion gerade so schwierig sein soll. Weil doch der Humor in der Krise steckt. Wenn man dem Sprichwort vom Humor oder dem Lachen als Medizin schon glauben will, könnte man ja auch froh sein über die mit gelungener Komik prall gefüllten Mediatheken. Oder sich fragen: Warum ist der Humor eigentlich ständig in der Krise, wo er doch gerade jetzt so eine gefragte Medizin ist?

Die Krise liegt eher anderswo, nämlich in Zips‘ Humor-Definition. Was er als „Humor“ bezeichnet, meint eher einschläfernde Fernsehunterhaltung, die widrige Umstände ausblendet. Diejenige Unterhaltung, die man offenbar braucht, wenn gerade keine „richtige“ Kultur (verfallene Theaterkarten!) zugänglich ist. Gute Shows, gute Stand-up-Comedy, gute Witze wollen gerade aber nicht einschläfern. Gute Komik betäubt nicht, sondern stellt aus und hält aus.

Der Artikel aktualisiert wieder einmal das angebliche Gefälle zwischen Hoch- und Tiefkultur, anhand ständiger kleiner Sticheleien. Fernseh-Comedians zum Beispiel reißen bei Zips „harmlose Witzchen“, der „ohnehin schon traurige“ ZDF-Fernsehgarten ist noch trauriger. Dass dagegen der Podcast Fest&Flauschig (wie immer) keine Lacher einspielt, bezeichnet Zips als „würdevoller“. Und das Videoblog Dekamerone 2020, das nach dem Werk des Renaissance-Dichters Giovanni Boccaccio benannt ist, ist dann für den Autor „noch geistreicher“.

Wie soll die Komik denn nun sein? Würdevoll? Geistreich? Am Ende gar lustig? Eigentlich erwartet der Autor ja nicht viel: „Wer es tatsächlich schaffen sollte, uns gerade jetzt ein Lächeln abzuringen, ganz ohne Lachmaschine, der ist schon echt ein Held.“

Das wirkt nur auf den ersten Blick so, als würde Komiker:innen endlich der wohlverdiente Respekt zugesprochen. Letztlich ist der Ruf nach den Helden-Komikern nur die ins Pathetische gewendete Facette einer Humorkritik, die Komiker verachtet, wenn sie nicht „würdevolle“ oder „geistreiche“ Komik machen. Wirklich eine schlechte Pointe.

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