Kommentar

Comedians haben keinen Applaus verdient

Symbolbild deutscher Comedyapplaus

Über gute Comedy wird selbstverständlich gelacht. Und manchmal eben auch geklatscht. Dieses Phänomen lässt sich bei Comedians auf der ganzen Welt beobachten. Mal mischen sich einzelne Klatscher ins Lachen, mal suchen die Comedians den Applaus: etwa, wenn sie dem Publikum schmeicheln oder einfache politische Ziele (Trump ist orange!) ins Visier nehmen. Manchmal stellt der Applaus auch eine Steigerung des Lachens dar – zum Beispiel wenn eine Reihe von Witzen so gut war, dass diese Erkenntnis bis ins Bewusstsein des Publikums vordringt: Folglich wird nicht mehr nur intuitiv gelacht, sondern bewusst geklatscht.

Eine deutsche Besonderheit scheint aber zu sein, dass das Klatschen das Lachen sogar ganz ersetzen kann. Als wäre nichts egaler als der Inhalt der gesprochenen Worte. Allein die Tatsache, dass Comedians auf einer Bühne stehen (und gefilmt werden) reicht aus, um Applaus auszulösen. Dieses Phänomen lässt sich in unzähligen Produktionen beobachten, vom Kabarett der 1980er bis zu aktuellen Stand-up-Specials auf Netflix. Wer wahllos in Youtube-Clips klickt, wird erstaunt sein, nach wie kurzer Zeit der erste Comedyapplaus zu hören sein wird. Das ist in verschiedener Hinsicht ein Problem für Comedy in Deutschland. Zeit also, dem deutschen Comedyapplaus auf den Grund zu gehen. Ein paar lose Beobachtungen lassen sich anstellen:

a) Der Comedyapplaus stellt die höchste Form der Publikumsreaktion dar

Es wird nicht mehr gelacht, es wird sogar schon applaudiert! Häufig folgt der Applaus direkt auf einen Lacher. Etwa in Atze Schröders Programm Turbo, 2019 beim Zeltfestival Ruhr in Bochum. (Die Player sollten jeweils beim richtigen Timecode im Clip starten.)

„Letztens hat sie [Bernie Ecclestones jüngere Freundin, s/p] in einem Interview gesagt: Er riecht immer so gut. Nach Erde, oder was?“

b) Der Comedyapplaus ist eine Belohnung

Belohnt werden kann damit aber mehr als „nur“ ein guter Witz. Sondern zum Beispiel auch Äußerungen, die wahr sind. Zum Beispiel, wie hier 1995 beim Kabarettisten Matthias Beltz:

„Was ist das überhaupt für ein Staat, der ständig einen eigenen Anwalt braucht? Normalerweise kennt man das nur aus der freien Wirtschaft: Mafia, Camorra, Opel, Siemens und VW, die auch eigene Anwälte beschäftigen, um ihre Verbrechen in die korrekte Reihenfolge zu bekommen. Erst zur Bank gehen, Geld abheben, dann ins Ausland fahren. Der Schneider-Weg ins Glück.“

Belohnt werden kann auch die generelle Anstrengung der Künstler:in (zum Beispiel, wenn zwar in einer Show schon länger nicht mehr gelacht wurde, aber das Publikum glaubt, viele kleine Schmunzler belohnen zu müssen).

c) Der Comedy-Applaus belohnt Comedy-Konventionen

Es wird geklatscht, nicht weil der Witz gut war, sondern weil man sich in einer Comedyshow befindet und der Comedian daran erinnert hat. Siehe zum Beispiel hier Chris Tall 2015 bei TV Total:

„Du erzählst nen Witz und dann sollen die Leute lachen, aber die lachen nicht. Die sagen: Darf er das? Haben alle nen Stock im Arsch. Und das sag ich nicht nur hier in Köln, ja.“

Köln = viele Homosexuelle. Das ist ein erlerntes Comedy-Klischee der 1990er, das bis heute gerne bemüht wird. Wer es nicht gemerkt hat, erfährt so, dass er sich in einer Comedyshow befindet.

Überhaupt Schwulenwitze oder allein das Wort „schwul“. Hier, Caroline Kebekus 2010 im FunClub auf RTL2:

„Ich wär‘ sauer, wenn keiner kucken würde. Hier, hast du mir auf die Titten gekuckt? Nee, nee. Warum nicht, bist du schwul, oder was?“

(Oh, that didn’t age so well, aber ich denke, dass Kebekus den so heute nicht mehr machen würde. Generell soll es hier gerade nicht um Anklage gehen, sondern ja um die Publikumsreaktion.)

d) Das Publikum klatscht aus Verlegenheit

Ist ein Witz eher unangenehm, stellt das ein Publikum vor eine Herausforderung: Den Witz im Moment zu kritisieren, zumal während einer Live-Aufzeichnung, geht nicht. Gruppenzwang und die Angst, aus der Masse hervorzuragen, verhindern meist auch, dass gebuht wird. Was also tun? Na, wenn wir alle gemeinsam reagieren, ist das Gehörte nicht so schlimm.

In seinem Special Leben mit dem Isarpreiß (2016) mimt der Comedian Harry G in einem Bit einen überraschten Chinesen.

„[In Fake-„Asiatischem“ Akzent mit zusammengekniffenen Augen] Was is‘ ein Lederhose? Lederhose isse ei bayerische Traditionsartikel, ziehen die Bayern an auffe Oktoberfäst. [Stemmt Hände in Hüften, reißt Augen auf] Poooooh! [Wieder als Harry G] Da macht der solche Augen! Und das fällt ihm nicht gerade leicht.

Die Witze sind faul, sie sind herablassend, sie sind rassistisch. Wie gesagt, es geht hier nicht um Anklage – es ist peinlich genug für Harry G, dass das als Special festgehalten wurde. Viel bezeichnender ist, dass das Publikum an dieser Stelle lacht, das Lachen wogt für ein paar Augenblicke unbestimmt hin und her und wandelt sich dann in einen Applaus um.

Meine Hypothese: Das Klatschen an dieser Stelle belohnt nicht den Witz, es ist eine Übersprungshandlung des Publikums, das sich beim Hören eines rassistischen Bits unwohl fühlt. Dem Fluchtreflex nachgeben kann es nicht. Der Applaus erlaubt es aber, den Bewegungsdrang abzuleiten.

e) Der Comedyapplaus erfolgt, wenn das Publikum nicht lacht, aber meint, reagieren zu müssen

Ususmango sagt im Special Raus ausm Zoo von Rebell Comedy (2020):

„Ich hab‘ drei Kinder zu Hause. Inzwischen hab‘ ich drei Kinder. Und ich freu‘ mich extrem, hier zu sein, also… übertrieben!“

Ususmango sagt, er freue sich, nicht bei seinen Kindern sein zu müssen, weil er eben gerade eine Show spiele. Es ist kein Witz im klarsten Sinne, es ist kein origineller Gedanke. Es ist eine nette, humorvolle Äußerung. Würde nicht gelacht, könnte der Comedian einfach weiterspielen. Der nächste Witz danach folgt schon bald. Aber ironische Herablassung gegenüber den eigenen Kindern scheint dem Publikum so extrem, dass es glaubt, den Mut, den es für das Aussprechen dieses Gedankens für erforderlich hält, belohnen zu müssen.

Warum nicht klatschen, was spricht schon dagegen? Nun, auch das sieht man in Raus ausm Zoo bei Ususmango: An einer späteren Stelle wird er durch den einsetzenden Applaus kurz aus dem Konzept gebracht, er muss spontan umdisponieren. Kein Problem für einen erfahrenen Comedian, trotzdem unnötig.

Comedians brauchen kein Mitleid

Comedyapplaus schadet Comedy. Er stört das Timing von Comedians und verzerrt das für Comedy, und insbesondere Stand-up-Comedy so wichtige Feedback der Zuschauer:innen. Was das Publikum belacht, bleibt im Programm, was es still hinnimmt, fliegt hinaus. Natürlich bedeutet das nicht, dass alles, was im Programm bleibt, gute Comedy ist. Menschen können über sehr unlustige Dinge lachen. Aber die Publikumsreaktion einfach zu ignorieren, ist eben auch keine Option. Um ihr Material zu entwickeln und Witze „rundzuspielen“, müssen sie darauf vertrauen, dass die Zuschauer:innen ehrlich reagieren – und dass diese recht haben.

Es gehört zum Zauber von Stand-up, dass diese Rechnung so oft aufgeht. Ehrlichkeit kommt durch die Spontaneität des Lachens ins Spiel. Und selbst wenn das Publikum nicht weiß, warum, so hat es doch meistens recht mit seinem Urteil. Der Comedian Henning Wechsler hat es hier im Interview einmal so ausgedrückt: „Einzelpersonen im Publikum sind mal klüger, mal dümmer. So sind Menschen halt. Aber alle zusammen sind wahnsinnig schlau, wahnsinnig feinfühlig.“

Applaus dagegen ist eine bewusste Handlung. Er ist kein spontaner Ausbruch wie das Lachen. Ihm geht die Entscheidung voraus, jetzt zu klatschen. Mischt sich Applaus in die Publikumsreaktion wie beim sogenannten clapter (clap + laughter), ist diese für Comedians wertlos geworden. Denn aufrichtiges Klatschen ist viel einfacher zu fälschen als ein plötzliches Lachen. Nicht ohne Grund wird clapter im Englischen abwertend gebraucht. Entweder war der Witz nicht gut genug, um spontanes Lachen auszulösen, oder ein Comedian hatte sogar gezielt clapter im Sinn, etwa indem er oder sie sich dem Publikum anbiederte.

Der deutsche Comedyapplaus ist eine unnütze Konvention, geboren aus der deutschen Angst, nicht dazuzugehören: Man klatscht, um nicht als kritischer Beobachter aufzufallen. Der Comedyapplaus ist bei Live-Auftritten störend, als Feedback für die Künstler:innen nutzlos. Er wiegt faule Comedians in Sicherheit, er lässt unerfahrene Zuschauer irritiert zurück. Er friert den Status quo der Kunstform ein.

Praktischerweise sitzt das Publikum am längeren Hebel: Es sollte selbstgerecht sein und fordernd und sich nicht in eine Rolle drängen lassen. Wer das Erwartete belohnen möchte, sollte zumindest mehr erwarten.

Kennst du weitere Beispiele für detschen Comedyapplaus? Hast du dich jemals gewundert, warum das Publikum an einer bestimmten Stelle klatscht? Ich bin gespannt auf deine Erfahrungen.

Auch bei Setup/Punchline:

Gagklau auf Twitter?

Gagklau auf Twitter?

Viralseiten wie MadeMyDay bedienen sich auf Twitter an lustigen Tweets und sacken die Aufmerksamkeit ein. Das ist erlaubt, aber Comedians sind auch nicht komplett machtlos.
Wenn der Humor so eine gefragte Medizin ist, warum ist er ständig in der Krise?

Wenn der Humor so eine gefragte Medizin ist, warum ist er ständig in der Krise?

Humor ohne Publikum? Muss unlustig sein, behauptet die „Süddeutsche Zeitung“ und liefert ein Best-of der schönsten Allgemeinplätze der vergangenen Jahrzehnte.