„Das Radikalste ist zu überleben“

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Auch gestresst vom ewigen Hustle als Comedian? Vermutlich bist du nicht kreativ genug! Wie sich Comedians die neoliberale Falle schönreden.

Wir sind heute ja daran gewöhnt, dass Comedians den wildesten Shit von sich geben. Der US-Comedian Theo Von etwa hält David Duke für einen ganz patenten Kerl. Duke war früher Anführer einer Gruppierung des Ku-Klux-Klans, ist engagierter Rassist und Antisemit. Dass dieser glühende Menschenfeind nicht auch noch nach Schwefel stinkt, sondern ganz normale Dinge tut – er wohnt, stemmt Gewichte, geht auf Dates, womöglich sogar zur Toilette – hat Von offenbar schwer beeindruckt. So sehr, dass er seit Jahren durch Podcasts tingelt und breit erzählt, was für ein komplett normaler Mensch Duke doch sei.

Es sagt viel über unsere Zeit aus, dass Von mit seiner an Lobotomie grenzenden Naivität nicht nur einen einzigen Fan hat, sondern Millionen. Er ist einer der weltweit erfolgreichsten Podcaster. Aber immerhin sind die Äußerungen über David Duke so verballert und offensichtlich, dass sie leicht Widerstand provozieren.

Daneben gibt es aber auch andere Überzeugungen, die von Comedians gerne verbreitet werden. Diese sind viel subtiler, schwingen latent mit. Sie klingen mitunter sogar nach gesundem Menschenverstand™ und werden vertreten von Comedians, die keine offensichtlichen Whackos sind. Auch diese Überzeugungen halten sich hartnäckig. Doch da sie viel weniger auffallen, ist Widerspruch schwieriger.

Ich möchte das am Beispiel des US-Comedians Chris Gethard verdeutlichen. Gethard ist nicht berühmt-berühmt, aber doch ein erfolgreicher Comedian, der für TV-Shows gearbeitet und ein Special für HBO aufgezeichnet hat. Anfang des Jahres war er im Podcast Good OneA Podcast About Jokes zu Gast. In der Episode berichtet er dem Host Jesse David Fox davon, dass er allein von Stand-up nicht leben könne oder wie er seine Krankenversicherung verloren habe. Seine Diagnose: Das Business ist kaputt, die Ungleichheit wächst. Es gibt nur noch extremen Erfolg oder Scheitern. Die Comedy-Mittelklasse dagegen ist erodiert.

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Was also tun, wenn man nicht einen Deal für drölf Specials mit Netflix kriegt? Gethard empfiehlt: Nicht aufgeben, dranbleiben! Mailinglisten aufbauen, Special selbst produzieren, auf Youtube stellen oder auf DVDs verkaufen, lokale Szenen gründen uvm. Kreativität ist gefragt – und das ist Gethard zufolge die halbe Miete: “The most radical thing you can do is survive, refuse to disappear.” Das Radikalste, was ein Comedian in dieser schwierigen Economy tun kann, sei, zu überleben.

Es klingt alles so nachvollziehbar, Gethard hat ja mit dem allermeisten hier recht. Aber er ist dennoch in die neoliberale Falle getappt: Strukturelle Probleme werden in individuelle Verantwortung umgedeutet. Die neoliberale Logik besagt: Der Markt regelt alles, Deregulierung schafft Freiheit, jeder ist Unternehmer seiner selbst. Es handelt sich hierbei nicht nur um eine Auffassung von Ökonomie, sondern der Neoliberalismus reicht viel tiefer – er ist die Umgestaltung der Gesellschaft nach Markt- und Wettbewerbsprinzipien. Auch Bildung, Gesundheit und Kunst sind zu Märkten geworden. Menschen optimieren sich selbst und stehen ständig zueinander in Konkurrenz. Und wer scheitert, war nicht flexibel und kreativ genug. 

Wie konnte es dazu kommen? Dazu gibt das Gespräch von Gethard und Fox einiges her. Die Probleme, etwa dass seit den 1980er Jahren in den USA das Kartellrecht nicht durchgesetzt worden sei, werden klar identifiziert. Google kaufte YouTube, Facebook kaufte Instagram, Live Nation fusionierte mit Ticketmaster – immer mit der Begründung: Zu viel geballte Macht kann es nicht geben, der Markt regelt schon. Als Facebook zugab, Video-Metriken gefälscht zu haben, wurden Publikationen wie CollegeHumor oder Funny or Die ruiniert, echte Konsequenzen gab es nicht. Der Markt regelte auch dahingehend, dass immer mehr Festanstellungen durch befristete Verträge ersetzt wurden. Das nannte sich nicht Prekarität, sondern Flexibilität.

Comedians sind keine Arbeiter, die faire Bedingungen brauchen

Und in dieser Logik bleibt Gethard verhaftet. Er kritisiert zwar die Plattformmonopole, die damit einhergehende Ausbeutung der Künstler:innen, er kritisiert fehlende soziale Absicherung. Aber er empfiehlt Comedians dann eben auch, statt auf Plattformen auf Mailinglisten, Fanzines und lokale Shows zu setzen. Er sieht Comedians nicht als Arbeiter, die faire Bedingungen brauchen, sondern als Unternehmer, die ihr Portfolio optimieren müssen. Er reproduziert die Verhältnisse, die das Problem schufen: Individualisierung statt Kollektivierung.

“I have a day job now and I don’t feel like it messes with my ego”, sagt Gethard. Nach 25 Jahren Karriere in Comedy, Arbeit für TV-Shows und ein Special für HBO, braucht der Comedian eine comedyfremde Brotarbeit, um wieder in den Genuss einer Krankenversicherung zu kommen. Es ist skandalös. Doch Gethard sagt: Ich fühle mich nicht als Gescheiterter, ich komme klar. Er normalisiert die systemische Prekarisierung als persönliche Charakterstärke.

Und zu guter Letzt verkauft Gethard hier ein wirkmächtiges Narrativ: Comedians, die Leute anbetteln, doch bitte ihren Newsletter zu abonnieren, sind nicht verzweifelt. Sie sind im Widerstand. Die Messlatte wird so weit gesenkt, dass schon Überleben/Existieren als große Leistung wirkt. Die Verlierer dürfen sich fühlen wie Helden. Dabei sind sie Opfer eines Systems, das intakt bleibt.

Übrigens kein US-Sonderproblem. In Deutschland halten ProSiebenSat.1 und RTL 90 Prozent des privaten TV-Marktes, Eventim über 70 Prozent des Ticketing-Marktes. Auch hier wurden Festangestellte zu Freien, Kreative zu Unternehmern. (Wenig bringt das so schön auf den Punkt wie die sogenannte “Ich-AG”, ein Konstrukt, mit dem Rot-Grün Anfang des Jahrtausends Arbeitslose in die Selbstständigkeit zwang.) Und während die Künstlersozialkasse und der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch Schutz bieten, stehen beide unter permanentem politischem Druck. Die Strukturen werden nicht zerschlagen, aber ausgehöhlt. Und von der Schuldenbremse, gekürzten Kulturetats, horrenden Mieten für Veranstalter oder Effekten durch Covid haben wir da noch gar nicht gesprochen.

Gibt es eine nicht-neoliberale Comedy?

Was wäre die nicht-neoliberale Antwort, die Gethard nicht gibt? Gemeinsame Standards schaffen. Gewerkschaftliche Organisierung – eine Art Writers’ Guild, nur für Comedians. Mindesthonorare durchsetzen. Kollektive Verhandlungen mit Plattformen. Streiks. Kartellrecht durchsetzen. Eventim zerschlagen. Kulturetats erhöhen. KSK-Zugang erleichtern. Plattformen regulieren. Plattformen zerschlagen. Genossenschaftlich organisierte Infrastruktur aufziehen. Das sind dicke Bretter. Aber wer, wenn nicht ein gewählter Gewerkschaftsvertreter (Gethard ist gewählter officer der Writers’ Guild), wird sich dafür einsetzen, sie zu bohren? 

Der spektakuläre Blödsinn eines Theo Von ist wenigstens für die meisten erkennbar problematisch. Die eigentliche Verschiebung aber passiert woanders, zum Beispiel in Podcasts, in denen erfolgreiche Comedians erklären, man müsse durchhalten, kreativ sein, sein eigenes Ding machen. “The most radical thing you can do is survive.” Es klingt kämpferisch, es klingt resilient. Und ist doch nur ein Eingeständnis der Niederlage. (Möglicherweise ist das Auftauchen von Figuren wie Von sogar nur ein Symptom der Entwicklungen, die Gethard befördert. Aber das wird ein Thema für einen weiteren Artikel.) Und während alle lieber über Von reden, verschiebt sich – ganz unspektakulär, ganz unmerklich – weiter die Normalität. 

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