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„Aurel Original“: Geht’s auch mal ohne Comedy?

Szene aus Aurel Original mit Comedian Aurel Mertz
Szene aus Aurel Original mit Comedian Aurel Mertz
Aurel Mertz‘ Vortrag in „Aurel Original“ ist eindringlich, aber monoton. (Foto: ZDF/Maximilian Motel)

Hurra, es gibt ein neues Comedy/News-Format, und ausnahmsweise sitzt einmal kein Mann an einem Tisch im Studio, sondern er steht: In sechs Folgen widmet sich Comedian Aurel Mertz bei Aurel Original in 20 Minuten jeweils einem Thema. Bisher sind drei Episoden über Reichtum, Arbeit und den Gender Data Gap in der ZDF-Mediathek erschienen.

Der Sender teilt dazu mit: „In der Sendung greift Aurel Mertz vermeintlich alltägliche Themen aus seiner persönlichen Sicht auf – und bietet neue, überraschende Zugänge zu ihnen.“ Der Claim lautet: „Mit Lässigkeit und Humor gegen den grassierenden Zynismus.“

Soweit das Marketing. Tatsächlich ist an den Zugängen zu den Themen nichts neu und nichts überraschend. Und natürlich ist auch Mertz nicht frei von Zynismus, wofür ihm aber kaum ein Vorwurf zu machen ist – die Themen sind schlicht zu groß und wichtig, zu fassungslos machen manche Aspekte. Berechtigt ist allerdings die Frage, ob heutzutage wirklich alles immer in ein lustiges Format gequetscht werden muss.

„Aurel Original“ pflegt keine Egal-Haltung

Porträt des Comedian Aurel Mertz
Aurel Mertz (Foto:
ZDF/Maximilian Motel

Comedy könne ein „Infotool“ sein, hat Mertz einmal im Podcast Lakonisch Elegant des Deutschlandfunks gesagt. Also das Löffelchen Zucker, mit dem sich bittere Pillen und Erkenntnisse schlucken lassen, auch wenn man sich nicht so sehr für Politik interessiert. Damit das aufgeht, sollte man nur beides dann auch gemeinsam verabreichen.

Bei Aurel Original gibt es stattdessen beides ständig im Wechsel. „Cum-Ex, das ist kein Cloudrapper und keine Pornokategorie“, sagt Mertz einmal. „Vielleicht aber doch.“ Solche Witze tragen nichts bei, sondern nehmen Drive aus der Darstellung, oder führen die Zuschauer:innen wegen ihrer Ungenauigkeit in die Irre. Etwa schildert Mertz, wie Arbeit früher war, und er tut das mit einer Referenz auf die Serie Mad Men. Die ist aber schlecht gewählt: Genau Mad Men zeigt ja, wie kaputt Arbeit auch in den 1960ern schon machte, also genau das tut, was Mertz kurz zuvor für die Gegenwart konstatiert hat.

Es ist schön, dass Aurel Original keine Egal-Haltung pflegt wie zum Beispiel Studio Schmitt. Auch geht es analytisch viel tiefer, wenngleich es nicht an das ZDF Magazin oder die entsprechenden Segmente bei Last Week Tonight mit John Oliver heranreicht. Aber die draufgeklebten Witze verwandeln nicht das vorher Gesagte auf magische Weise in Argumente, die nun jeder versteht. Sie verwässern das bereits Gesagte, das eigentlich für sich schon stark genug stand.

Auch die Einspieler verdoppeln meist nur noch etwas, was vorher in weniger Worten bereits klarer ausgedrückt wurde. Einmal flüchtet Mertz als Superreicher durch einen Wald vor der drohenden Erbschaftssteuer. Zwar ist manches Detail erfrischend, etwa der Hummer, der am Stock gegrillt wird. Aber sonst dient der Sketch als Gelegenheit, abgedroschene Reichenklischees (Pelz, Champanger, der „Zweit-Lambo“) zu wiederholen. Wie man etwas in Einspielern übersteigert und absurd weitertreibt, zeigt dagegen das Ensemble bei Walulis seit Jahren besser und aufwendiger.

Was will „Aurel Original“ eigentlich sein?

Aber ein late-night-ähnliches Comedyformat auf einem öffentlich-rechtlichen Sender braucht Einspieler, so will es wohl das ungeschriebene Fernsehgesetz. Auch wenn mit diesen Einspielern nur Minuten gefüllt werden, etwa wenn Mertz den Außenreporter seiner eigenen Show macht oder Superreiche feiert. Es hätte nicht geschadet, manches wegzulassen. So muss man Lust mitbringen, seine Zeit mit Mertz und seiner etwas gespreizten Ausdrucksweise („Hello Hübschies of all gender“) zu verbringen. Höchstwahrscheinlich werden das eher Menschen tun, die bereits Fans sind.

Mertz‘ Sprachmelodie und Gesten sind lebhaft und eindringlich, aber monoton, was den Vortrag dröger macht, als er sein müsste. Und das Vorgehen, Mertz auf der leeren Studiobühne wechselnd aus verschiedenen Perspektiven zu filmen, soll wohl Youtube-Ästhetik aufgreifen, ist aber meist Selbstzweck und überflüssiger Schnickschnack. Ein Publikumsgefühl kommt so nicht auf.

Wo bleibt das Positive? Was bei Aurel Original gefällt, ist die Aufbereitung der Fakten. Die Episoden sind sorgfältig recherchiert, die 100-Sekunden-Einspieler, etwa zur historischen Entstehung von Vermögen oder zur Entwicklung des Arbeitstages, sind treffend.

Hier kann etwas Spannendes entstehen, vorausgesetzt, die Sendung bekommt vom ZDF Zeit und klärt, was sie sein will. Mehr Comedyformat, mehr Late-Night? Live-Publikum? Live-Band? Mehr auf Sketche und ein Ensemble setzen? Oder will man doch am Ende gar zum Faktenformat werden wie Vox Explained? Man möchte heute überall gerne „Comedy“ draufschreiben. Aber manchmal ist ja „Info“ einfach das beste „Infotool“.

Aurel Original, mit Aurel Mertz, Headautorin: Henriette Buss, Produktion: Steinberger Silberstein, sechs Folgen, zu sehen in der ZDF-Mediathek

Offenlegung: Ich habe 2020 mehrere journalistische Drehbücher für Walulis verfasst.

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2 Kommentare

  1. B Höfler sagt

    Merci! Habe gerade meine erste Folge davon gesehen und bin jetzt froh, dass ich dank Ihres Textes nicht für Tage weiter drüber nachdenken muss, warum die Show (bis jetzt) nicht funktioniert.

    • Setup Punchline sagt

      Danke zurück! Dass sie gar nicht funktioniert, würde ich ja nicht einmal sagen. Es ist eher das blinde Vertrauen auf den „news but funny“-Zauber, das stört. Aber mal abwarten, was geschieht.

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