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„Lunchtime Punchline“ steht sich selbst im Weg

Promobild aus Lunchtime Punchline vom ZDF
In Lunchtime Punchline treffen Comedians wie Jacqueline Feldmann auf Dr. Gag, gespielt von Ingolf Lück (Foto: ZDF/Seapoint Productions)

Es ist ein Jammer: Da wächst seit Jahren etwas Aufregendes heran in der deutschen Stand-up-Szene, aber dann liegt das Potenzial von Bühnencomedians anderthalb Jahre wegen einer Pandemie brach.

Die Kölner Produktionsfirma Seapoint hat für das ZDF versucht, dieses Potenzial trotzdem zu nutzen. Nach Vorlage eines israelischen Formats wurden also Comedians in einem fiktionalen Setting zum Vorsprechen geschickt: Bei Lunchtime Punchline müssen Künstler:innen wie Salim Samatou, Jacqueline Feldmann, Erika Ratcliffe oder Lukas Wandke in jeweils knapp zehnminütigen Folgen Dr. Gag davon überzeugen, witzig zu sein. Dr. Gag (gespielt von Ingolf Lück) ist „Bereichsleiter Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutungen“ beim ZDF und befindet in der Mittagspause beim Kuchen darüber, ob die jungen Comedians witzig sind, also: eine Zukunft haben.

An sich ist das ein guter Gedanke. Das humoristische Setting ist ja die Spiegelung eines ganz realen: Es schafft Aufmerksamkeit für die reale Situation, in der sich junge Comedians in Deutschland befinden, ganz unabhängig von Corona. Es zeigt ihre Motivation, ihr Talent, die künstlerische Zwickmühle (eigene Stimme entwickeln oder Massengeschmack bedienen?) und die Humorlosigkeit der Gatekeeper. Es ist schön, dass das ZDF so jungen Comedians ein klein wenig mehr Sichtbarkeit verschafft.

„Lunchtime Punchline“ blendet Performance fast komplett aus

Stand-up-Comedian Osan Yaran im Gespräch mit Ingolf Lück bei Lunchtime Punchline
Comedian Osan Yaran überzeugt Dr Gag am Ende mit seiner Armbanduhr (Foto: ZDF/Seapoint Productions)

Allerdings tut man Stand-up-Comedians mit diesem Format keinen Gefallen. Denn es ist das Konzept selbst, dass die Künstler:innen gerade daran hindert, ihre Kunst bestmöglich zu präsentieren. Zwar besteht Stand-up auch aus dem Text, der gesprochen wird. Einen ebenso großen Anteil macht aber die Performance aus. Diesen Aspekt blendet Lunchtime Punchline komplett aus, indem es die Comedians ihre Witze im Zwiegespräch mit Dr. Gag erzählen lässt. Rhythmus und Timing sind daneben, es können keine Stimmungen oder Reaktionen im Publikum erspürt werden. Es ist, als hätte sich der unangenehme Satz „Erzähl‘ doch mal ’nen Witz“ als Sendung manifestiert.

So sind die Sets, die die Comedians präsentieren, mal nur merkwürdig, mal chaotische Reihungen von Witzen. Alles, was sie zusammenhalten könnte – Persönlichkeit, Timing, Interaktion, kurz: alles, was Bühnencomedy ausmacht – geht verloren. Es ist kein Wunder, dass die Folgen mit Samatou und Ratcliffe Ausnahmen darstellen: Samatou nimmt gar nicht erst Platz und performt seine körperintensive Stand-up im Stehen. Und Ratcliffe pflegt sowieso auch auf der Bühne einen sehr zurückgenommenen Stil, sodass sich dieser auch im Sitzen vermittelt.

Auch ist die Figur Dr. Gag widersprüchlich. Er schwankt zwischen humorlos und witzig, zwischen sympathisch und unsympathisch, zwischen langweilig und geistreich, zwischen schlüpfrig und ernst. Lück spielt das sehr abwechslungsreich. Da er aber ja zu Beginn gerade als biederer Charakter eingeführt wird, ist das in der Summe für das Publikum irritierend und schlecht für die Interaktion. Wenn ein Charakter alles sein kann, entsteht keine Dynamik im Spiel. Entsprechend hölzern und cringey sind die Szenen, wenn Lück und die Comedians offenbar improvisieren.

Mit so grobem Besteck lässt sich gar nichts ironisieren

Natürlich soll Dr. Gag insgesamt ein Witz sein, auf Kosten des deutschen Unterhaltungsestablishments. Der Wagemut war dann aber nicht groß genug, diesen Witz konsequent auszuerzählen, nein, Dr. Gag muss auch augenzwinkernd-ironisch daherkommen. Nach dem Prinzip: Wir wissen ja selbst, dass wir nicht der modernste Laden sind. Aber weil wir das wissen, ist es lustig.

Es ist kein abwegiger Gedanke, der Plan könnte aufgehen, wären die Symbole für die Altbackenheit nicht so unglaublich abgegriffen und faul gewählt: Fax, Kuckucksuhr und dann, großes Schenkelklopfen, distanziert sich Dr. Gag auch noch von dem Wort „Comedians“. Mit so grobem Besteck lässt sich gar nichts ironisieren, sondern die verkrusteten Strukturen allenfalls ästhetisch wiederholen.

Zumal wenn am Ende alles beim Alten bleibt: Natürlich findet in Lunchtime Punchline keine wirkliche Bewertung statt. Alle bekommen am Ende den Stempel „witzig“ in die Unterlagen. Und natürlich ist es nachvollziehbar, dass man niemanden mit dem Label „unwitzig“ brandmarken will, sei es auch nur ein fiktionales. Aber das Konzept ist nun mal eine künstlerische Entscheidung, und sendet als solche ja doch eine Botschaft: Nicht der Inhalt zählt, sondern die Anstrengung. Das ist eine alte deutsche Haltung und am Ende eine Geringschätzung der Kunstform.

Typisch für deutsche Produktionen ist auch das gemütliche Einverständnis, das sich am Ende jeder Folge einstellt. Alle Comedians stehen mit Dr. Gag gut. Irritationen, Geschmacksfragen, Generationenkonflikte – alle Störungen sind überwunden, die Lachgemeinschaft ist wiederhergestellt. Außen vor bleiben dabei die Zuschauer:innen, die sich wundern können: Wie progressiv und neu kann eigentlich Comedy sein, die sich so zügig mit dem Establishment ins Vernehmen setzt? Und wie spannend könnte sie sein, wenn sie Gräben nicht zuschüttet, sondern erst freilegt?

Lunchtime Punchline, mit Salim Samatou, Lukas Wandke, Christin Jugsch, Osan Yaran u.a., Seapoint Productions, sieben Folgen, zu sehen auf Youtube oder in der ZDF-Mediathek

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