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Vom Avantgarde-Zirkel zur Szene: Die Entwicklung der Berliner Stand-up-Szene

Stand-up-Szene im Wedding: Showankündigung im Mastul Berlin
Typische Stand-up-Szene in Berlin (Foto: Sebastian Wells)

Die Scheinbar in Berlin ist mutmaßlich die älteste offene Bühne Deutschlands. Seit 1984 treffen hier Sängerinnen, Jongleure, Zauberer aufeinander. Und natürlich: Comedians. Die Scheinbar spielt eine Rolle bei der Entwicklung einer Szene für Stand-up-Comedy in Deutschland. Das kleine Theater war eine Anlaufstelle, auch für alternative Stand-up-Comedians.

2015 stand ich hier selbst als Mentalist auf der Bühne. So lernte ich eine Handvoll Comedians kennen und erfuhr von der gerade entstehenden Szene. Ich war fasziniert von der Leidenschaft der Comedians. Ich veranstaltete selbst Comedy-Shows und schrieb nun auch meine Bachelorarbeit über das Thema. Sie trägt den Titel Avantgarde-Zirkel oder etablierte Szene? Die Entwicklung der Berliner Comedy-Szene von 2015 bis heute.

Für die Arbeit habe ich lange Gespräche mit den Comedians Jonas Imam und Ben Schmid geführt und einige Folgen von Comedy-Podcasts analysiert. Außerdem habe ich soziologische Theorie an die Berliner Stand-up-Szene angelegt. Einige Erkenntnisse möchte ich hier zusammenfassen.

Wie ist die deutsche Stand-up-Szene in Berlin entstanden?

Stand-up im Oblomov in Berlin
Der Wunsch nach eigenen Räumen führte zur Loslösung von Stand-up aus dem Varieté-Verbund. (Foto: Sebastian Wells)

In meiner Arbeit stütze ich mich auf eine Theorie der US-amerikanischen Soziologen Jennifer C. Lena und Richard Peterson. In ihrem Buch Banding together: How Communities Create Genres in Popular Music identifizieren sie vier Phasen, die ein Musikstil teilweise oder komplett durchläuft. So beginnt der Verlauf mit einem Avantgarde-Genre oder -zirkel. Ein loser Verbund entsteht in der Regel, wenn Musiker mit zeitgenössischer Musik unzufrieden sind. Kleine Kreise treffen sich aus ideellen Motiven: Sie wollen gemeinsam Musik machen und sich gegenseitig Musik vorspielen, die sie gut finden. Und sie wollen sich natürlich über die vorherrschenden Stile beklagen.

Die Erkenntnisse von Lena und Peterson lassen sich auf die Comedykultur in Berlin übertragen. Stand-up war hier um das Jahr 2015 ein Untergrund-Phänomen. Es fand fast ausschließlich bei englischen Shows statt. Auf Deutsch konnten Comedians nur an wenigen Orten auftreten, etwa in der Scheinbar oder im Kookaburra. Bei diesen Shows fand eine kleine Gruppe von Comedians zusammen, unter denen ein Konsens herrscht: Man will Stand-up nach amerikanischem Vorbild machen und sich von deutscher Comedy abgrenzen, die sich grob in Kabarett und Comedy mit Verkleidungen unterteilen ließ.

Der Wunsch, mehr Stand-up zu machen, ließ sich aber auf den genannten Bühnen nicht erfüllen. Diese waren nicht allein auf Stand-up ausgelegt, die Bühnenzeit war begrenzt. So entstand das Bedürfnis, auch eigene Shows zu veranstalten. Oder, um mit Lena/Peterson zu sprechen: Der Wandel zum szene-basierten Genre bahnte sich an. So entstanden die ersten deutschsprachigen Stand-up-Open-Mics BAM Comedy und KussKussKomedy und nach und nach immer mehr Shows.

Die Anfänge: Warum ist Stand-up eine DIY-Kultur?

Publikum bei einer Comedy-Show im Oblomov in Berlin
Die Schwelle zum einen eigenen Auftritt ist bei Stand-up sehr niedrig. (Foto: Sebastian Wells)

Die Autorin Amy Spencer beschreibt Do-it-yourself-Kulturen in The Rise of Lo-Fi Culture so: Den Akteur:innen gehe es darum, eine eigene Version von dem zu produzieren, was ihnen im Mainstream fehlt. Ein Reiz dieser Kulturen sei zudem, dass potenziell jeder Künstler sein kann.

Die bewusste Abgrenzung vom Mainstream sowie die Schaffung von Übungsräumen für eine neue Art von Comedy kann man auch bei der Berliner Stand-up-Szene beobachten. So gut wie jeder kann Künstler sein, jeder kann sich auf Facebook um Spots bewerben. Die Schwelle zum eigenen Auftritt ist extrem niedrig. Da kaum eigene Ressourcen zur Verfügung standen, mussten Open-Mics und Showcases in Bars veranstaltet werden. Das zeigt, wie die Comedians sich von den Gatekeepern der traditionellen Unterhaltungsindustrie unabhängig machten.

Das Miteinander: Warum ist Stand-up eine Geschenkökonomie?

Stand-up im Mad Monkey Room in Berlin
Keine Ressourcen: Stand-up findet in Berlin hauptsächlich in Bars wie dem Mad Monkey Room statt. (Foto: Sebastian Wells)

Wie funktioniert nun dieses szene-basierte Genre in Berlin? Um das zu illustrieren, eignet sich der Begriff der „Geschenkökonomie“. Die Soziologin Ailsa Craig hat damit am Beispiel von Lyriker:innen eine Szene beschrieben, die funktioniert, indem sich Künstlerinnen und Künstler untereinander kostenlos Ressourcen zur Verfügung stellen. Häufig funktionieren Szenen als Geschenkökonomien, in denen Akteure nur geringe Möglichkeiten haben, mit ihrer Kunst auch Geld zu verdienen.

Als Geschenkkategorien identifiziert Craig materielle Texte (also im Beispiel: poetische Texte), emotionale Ressourcen (Freundschaft und Geselligkeit) und effektive Ressourcen (etwa Möglichkeiten zur Veröffentlichung und Vernetzung).

Übertragen auf Stand-up könnte man etwa Sets als „materielle Texte“ ansehen (oder kleinteiliger: Bits und Jokes). Freundschaft und Geselligkeit als emotionale Ressourcen spielen natürlich auch in Stand-up eine große Rolle – man denke zum Beispiel an den sogenannten hang nach den Shows. Und Auftrittsmöglichkeiten (spots) bilden eine Form der effektiven Ressourcen.

Materielle Texte werden vor allem die „Etablierungstreppe“ hinauf angeboten: Anfänger bieten ihre Auftritte Open-Mics an, erfahrerenere Open-Micer lokalen Showcases, lokal etablierte Comedians an größere Shows etc. Emotionale Ressourcen dagegen werden eher in der anderen Richtung angeboten oder unter gleich etablierten Künstlern ausgetauscht. Das bedeutet also zum Beispiel, dass etabliertere Comedians mit Anfängern abhängen und befreundet sind, sowie auch etablierte Comedians miteinander Zeit außerhalb der Shows verbringen. Effektive Ressourcen werden nach der Theorie zwischen Künstlern aller Etablierungsstufen ausgetauscht. Das bedeutet für Stand-up etwa, dass unterschiedlich etablierte Comedians ihre Spots auf Open Mics unterschiedlich etablierten Comedians zur Verfügung stellen.

Wie hat sich Stand-up in Berlin seit 2015 entwickelt?

Szene-Publikum bei einer Show im Mad Monkey Room in Berlin
Bild aus längste vergangenen Tagen: Stand-up im Mad Monkey Room ohne Corona (Foto: Sebastian Wells)

In den vergangenen fünf Jahren ist die Szene konstant gewachsen. Es gibt inzwischen viel mehr Comedians, zudem sind die Berliner Shows Anlaufstelle für Comedians aus ganz Deutschland geworden. Die Intention ist bei einem Großteil der Akteure weiterhin, Stand-up-Comedy nach amerikanischem Vorbild statt auf Vermarktung ausgerichtete Comedy anzubieten. Die Anzahl der Veranstaltungen wächst und es gibt kleine Medienformate, die aus der Szene produziert werden, darunter diverse Podcasts oder auch Videoformate wie Späti Comedy. Mit Hauptstadthumor gibt es eine kleine Agentur.

Die Bereitschaft von Bars, Veranstaltungen der Szene stattfinden zu lassen, ist gestiegen. Statt einer Handvoll Open Mics gibt es in Berlin inzwischen Dutzende Auftrittsmöglichkeiten unterschiedlicher Attraktivität. Mit dem Mad Monkey Room gibt es seit 2018 einen Comedy-Club der Szene. Die Shows und Open Mics sind mittlerweile oft gut besucht. Einige der Comedians, die zu Beginn der Szene mit Comedy angefangen haben, können inzwischen davon leben.

Auch in der öffentlichen Wahrnehmung kann ein gesteigertes Interesse an der Szene beobachtet werden. So wird über die Szene und Comedians aus der Szene berichtet, beispielsweise in dem ZDF-Format Heroes – Aus dem Leben von Comedians. Ein gesteigertes Interesse des Publikums seit 2019 kann durch die Verbreitung durch Künstler vermutet werden, indem sie ihre Auftritte auf Veranstaltungen der Szene in sozialen Medien dokumentieren. Insbesondere ist hier Felix Lobrecht zu erwähnen.

Wo geht es mit Stand-up in Berlin und Deutschland hin?

Publikum bei einer Stand-up-Show in der Urania in Berlin: Wenn die Industrie an die Szene andockt
Vielleicht demnächst öfter mal bei Netflix zu sehen: deutsches Stand-up-Publikum (Foto: Sebastian Wells)

Lena/Peterson haben in ihren Studien beobachtet, dass Szenen verkümmern, in Ströme fließen oder sich zu Industrie-basierten Genres wandeln. Der Wandel zu einem Industrie-basierten Genre zeichnet sich dadurch aus, dass große Produzenten, die neue Märkte erschließen wollen, auf eine Szene aufmerksam werden.

Dieser Wandel kann momentan auch bei der Berliner Stand-up-Szene beobachtet werden. Große Produzenten, Managements und Agenturen der Unterhaltungsindustrie wollen an die Szene andocken. So hat Brainpool mit Comedy Studio Berlin ein Format in Berlin mit Berliner Comedians produziert und an der ZDFneo-Sendung Shapira Shapira haben vor und hinter der Kamera mehrere Comedians aus der Szene mitgewirkt. Mit dem Comedy Roast Battle wurde ein Format, das Ben Schmid ursprünglich als kleine Live-Show organisiert hat, zu einer Show auf Comedy Central. Vermutlich werden sich die Beziehungen zwischen Szene und Industrie in den kommenden Jahren noch intensivieren.

Oder sogar noch mehr: Neben Felix Lobrecht ist zum Beispiel auch RebellComedy in den letzten Jahren von Live-Ensembleshows in Theatern zu Arena-Touren und einer WDR-Show gewachsen. Spannend kann es werden, wenn Netflix mehr deutsche Stand-up-Specials produzieren lässt. Das könnte schon bald geschehen. So wurde das letzte Programm von Felix Lobrecht für Netflix aufgezeichnet und auch Hazel Brugger deutete zuletzt an, dass ihr jüngstes Programm für einen großen Streaming-Anbieter aufgezeichnet worden war. Die Vermutung liegt nahe, dass uns die Industralisierung von Stand-up nach amerikanischem Vorbild bevorsteht.

Avantgarde-Zirkel oder etablierte Szene? Die Entwicklung der Berliner Comedy-Szene von 2015 bis heute hier im Volltext lesen (PDF)

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