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„Queens of Comedy“: Sketch-Comedy ohne Konzept

Szene aus Queens of Comedy mit Caroline und Annette Frier
Caroline (links) und Annette Frier geben die grausam-gestört-normalen Auftragmörderinnen. (Foto: Julia Feldhagen/ZDF)

Eine Mutter betrügt beim Mensch ärgere dich nicht, damit der Vater nicht die Figuren des Sohns schmeißen kann. Der Vater wehrt sich und schmeißt. Daraufhin läuft das Kind beleidigt weg, die Mutter folgt ihm verständig.

So geht ein Sketch aus Queens of Comedy, einer neuen Sketchcomedy-Serie im ZDF. In sechs Folgen à 30 Minuten verfolgt man wiederkehrende Figuren in wechselnden Situationen: etwa zwei tarantineske Auftragsmörderinnen (Annette und Caroline Frier), Maria und Josef im Sitcomformat (Maria Clara Groppler und Phil Laude) oder eine schrullig-abgebrühte Ermittlerin (Cordula Stratmann). Das ist ideenreich und durchaus kurzweilig. Allerdings: Viele der Sketche sind unausgegoren, es fehlt die Dramaturgie.

Was soll etwa im Fall der überfürsorglichen Mutter die Pointe sein? Die Mutter hatte von Anfang an recht? Der Vater ist zu kompetitiv? Das Kind ist zu empfindlich? Man sollte auf Frauen hören? Es gibt zwar einen Konflikt, aber er wird nicht gesteigert oder zu einer überraschenden Wendung geführt. Der Sketch plätschert einfach aus.

Queens of Comedy: wenig Dramaturgie, überfrachtete Szenen

Maria Clara Groppler als Influencerin Jungfrau Maria (Foto: Julia Feldhagen/ZDF)

Queens of Comedy hat interessante Ansätze. Was wäre, wenn eine Forscherin mit einer Zeitmaschine Judas in die Gegenwart beamen würde? Wenn mein Gehirn sprechen könnte? Wenn eine Prinzessin ihr Märchenbuch verlassen könnte? Aber die Serie bleibt zu oft beim Was-wäre-wenn stehen und reiht dann wild Ideen aneinander: lustiger Spruch an absurden Dialog an ausgeflippte Metaebene an lustigen Spruch und immer so weiter. Das führt zu einem Überbietungswettbewerb unter den Figuren, die allesamt lustig sein wollen. Es gibt keine Schattierungen, keine Pausen, kaum Fallhöhe und wenig Stringenz.

Die Quantität schlägt nicht in Qualität um, sondern überfrachtet die Clips. Zum Beispiel im Sketch mit Judas und der Forscherin: Was die sich von diesem Vorhaben erhofft, bleibt unklar. Aber, immerhin, Judas sieht aus wie ein bärtiger Hipster, benutzt merkwürdigerweise Vokabular der Gegenwart, entpuppt sich als wahrscheinlich homosexuell und – natürlich – hochgradig eitel, was sein Aussehen angeht. Und dann ist der Sketch vorbei.

Das missachtet den erzählenden Charakter der Kunstform Sketch: Wozu lässt man überhaupt Figuren aufeinanderprallen, wenn der Witz dann nicht aus dieser Kollision entsteht, sondern den Figuren von außen angeheftet wird?

Obendrein macht dieses Vorgehen Queens of Comedy anfällig für Inkonsistenzen. Da ist die taffe Kommissarin plötzlich nicht mehr in der Lage, ihren Assistenten von einer Zeugin zu unterscheiden. Oder es kommt ein Volksmusikduo dem Namen nach aus dem österreichischen Zillertal und ergeht sich dann in Bayernwitzen. Es sind kleine Störungen, die in ihrer Ballung Aufmerksamkeit binden, während gerade Comedy Klarheit bräuchte.

Die Figuren sprechen nicht miteinander, sondern mit den Zuschauer:innen

Es gibt Ausnahmen, etwa einen Trailer zum fingierten Horrorfilm „Pandaface“, der von einem Mann handelt, der regelmäßig seine Frau wegen ihres verlaufenen Make-ups nicht mehr wiedererkennt. Allein die strikte Trailerform verleiht hier den Halt, der den Sketchen so oft fehlt. Über klare Prämissen verfügen ferner die Sketche mit Annette Frier als „Tiermedium“.

Aber selbst diese sind stellenweise irritierend, vor allem wegen der Dialoge. „Sind Sie das Tiermedium?“, wird das Tiermedium in einem privaten Stall von der Pferdebesitzerin gefragt. „Wie schön, dass es klappt mit dem Exklusiv-Interview“, sagt ein Journalist in einem anderen Sketch zu einer Charity-Lady. „Ich mach das ja auch schon seit ein paar tausend Jahren“, sagt Gott bzw. Göttin zu ihrer Beraterin. Die Gesprächspartner:innen reden hier nicht miteinander, sondern mit dem Publikum auf dem Sofa. Natürlich erfordern Sketche in ihrer Knappheit eine zügige Exposition. Was Queens of Comedy durch die Holzhammer-Sätze an Schnelligkeit gewinnt, wird jedoch mit weiteren Immersionsbrüchen teuer bezahlt.

Um auf einer positiven Note zu enden: Set- und Kostümdesign sind wirklich wunderschön. Die Retrokulisse, das Farbkonzept (stimmig bis zu den farbigen Kontaktlinsen) und die häufig eingesetzte Symmetrie im Bildaufbau (versunken in ihre Kopfhörer lauschende Engel!) erinnern an den Filmemacher Wes Anderson. Das sieht wunderbar aus, besonders und auffällig, ohne je zu stören. Auf ästhetischer Ebene beweist Queens of Comedy, was die Sketche schuldig bleiben: dass man ausgeflippte Einfälle aneinanderreihen kann, die in ihrer Fülle stimmig sind; solange es Methode hat.

Queens of Comedy, u.a. mit Annette Frier, Cordula Stratmann, Joyce Ilg, Gisa Flake; Head-Autorin: Tanja Sawitzki, Regie: Suki Maria Roessel, Produktion: Paloma Picutres; 6 Folgen à 30 Minuten, abrufbar in der ZDF-Mediathek

Korrekturhinweis: In einer früheren Version war im Text die Rede von „Clara Maria Groppler“. Die Comedienne heißt jedoch richtig Maria Clara Groppler. Entschuldigung dafür!

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