Presseschau

Comedy-Presseschau vom 25.02.21

(Foto: Museums Victoria on Unsplash)
  • Die britische BBC plant ein TV-Comedyfestival und räumt „big names and rising talent“ Sendezeit ein. Über etwaige Gagen schreibt der Guardian nichts, aber auf jeden Fall eine schöne Idee, Comedians während Corona ein wenig zu unterstützen. Könnte sich der ÖRR in Deutschland ein Beispiel dran nehmen.
  • Das Leicester Comedy Festival fand dieses Jahr komplett online statt. Etwa 20.000 Tickets wurden verkauft, etwa ein Drittel des normalen Volumens. Gründer Geoff Rowe feiert trotzdem den Werbeeffekt: „Leicester Comedy Festival has, in some ways, had the best year ever.“
  • Get Off, Good Night Out, Comedy Safety Standards: Der Guardian stellt drei Initativen im UK vor, die sich der Verbesserung der Auftrittsbedingungen für Comedians verschrieben haben. Zitat: „Many of the negative experiences – from sexism in gig bookings, compering and green-room conversations, to sexual violence backstage, in car shares and when performers are denied proper post-show accommodation – are enabled by live comedy’s lack of structure and regulation.“ Leider zögen die Comedyclubs noch nicht so mit.
  • Kliph Nesteroff, der Autor des Quasi-Standardwerks The Comedians, hat ein Buch über Native American Comedy geschrieben. Das trägt den schönen Titel: We Had a Little Real Estate Problem. Im Interview bei Vulture sagt die Native comedienne Adrienne Chalepah: „And this is really why this book is such a big deal, because, yeah, no one’s really asked us what we thought about anything.“
  • Eine unscheinbare Meldung, die in die Zukunft weist: Eine Private-Equity-Firma hat SecondCity gekauft, also eine der US-Comedyschulen, bei der etwa Bill Murray, Stephen Colbert oder Tina Fey ihre Karrieren gestartet haben. (Financial Times) PE-Firmen kaufen Anteile von Unternehmen, versuchen diese aufzumöbeln und mit Gewinn zu verkaufen. Da das häufig mit Entlassungen verbunden ist, hat der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering solche Firmen 2005 als „Heuschrecken“ bezeichnet (dabei aber unterschlagen, dass es Gesetze von SPD und Grünen unter Schröder waren, die PE in Deutschland stark begünstigt haben, aber das ist eine andere Geschichte).

    In Zeiten niedriger Zinsen sind rentable Anlagen gefragt, mittlerweile sind aber viele Felder abgegrast. In den vergangenen Jahren haben sich die PE-Firmen vor allem in der Musik- und Konzertveranstaltungsindustrie breitgemacht. Wie das vor sich ging, kann man in diesem Artikel im Neuen Deutschland nachlesen. Titel: Verwertung bis zum letzten Ton. Bald auch bis zum letzten Joke?
  • Die NY Times hat Stand-up-Comedian Felix Lobrecht porträtiert. Das haben auch schon viele Medien hierzulande, dem Autor Christopher Schuetze gelingt es aber schon auf wenigen Zeilen, mehr in die Tiefe zu gehen als die meisten deutschen Artikel:

    Typically, German comedians come up through the rigid system of late-night shows on public TV and comedy festivals. In recent years, though, there has been a shift: In Berlin and other cities, standup clubs are popping up, and TV is losing its power to anoint stars.

    Lobrecht ist ja nur ein (sehr deutliches) Beispiel für diese Entwicklung, die Künstler:innen und Kulturindustrie in Aufregung versetzt. In den Medien wird sie noch nicht gesehen. Da verzeihe ich Schuetze gerne, dass er in seinem Artikel ebenso dem Marketing des „Deutschen Comedy-Preises“ aufgesessen ist.
  • Google hat die App des Satiremagazins Titanic aus seinem App-Store genommen, weil ein Cover zu anstößig wirkte. Auf Nachfrage des Magazins entdeckte der Konzern dann plötzlich noch weitere nicht jugendfreie Cover. Die Titanic reagierte gewohnt trotzig-rotzig, weigerte sich, später entschuldigte sich Google und machte alles rückgängig. Das Grundproblem bleibt indes bestehen: Was macht es mit der Kunst, wenn Konzerne wie Google die wichtigsten Vertriebskanäle kontrollieren, die zu wichtig geworden sind, sodass Apps von Bots automatisiert geprüft werden?
  • Comedy ist Arbeit I: Das erklärt Autor Tarkan Bagci beim Spiegel: „Ansonsten war der Alltag ähnlich wie im Journalismus: Man trifft sich zu Themenkonferenzen, arbeitet zwei Tage an den Themen, schreibt Gags und Sketche, dann schmeißt der Moderator alles um, man macht es neu und dann ist Sendung.“ Leseempfehlung für angehende Autor:innen.
  • Comedy ist Arbeit II: Die Macher der Kölner Comedy-Tage haben den sogenannten CoJoking-Space ins Leben gerufen, ein Vernetzungsportal bzw. Branchenschaufenster samt (realem) Co-working-Space für Humorarbeiter:innen.
  • Das höchste Gericht Kanadas hat einen Witz des Comedians Tim Ward verhandelt (und wird in einigen Monaten darüber entscheiden). Worum geht’s? Eine der Richter:innen fasst es gut zusammen: „We’re talking about somebody saying that they tried to drown a 13-year-old child [Jeremy Gabriel] that has a physical disability.“ Anwälte von Gabriel sagten, er sei wegen des Witzes gemobbt und bedroht worden. Gabriel selbst hatte vor Jahren ausgesagt, er habe sich umbringen wollen. Die kanadische Comedyindustrie schlägt sich auf Wards Seite und befürchtet „self-censorship“ von Comedians, sollte das Gericht gegen ihn entscheiden. Ich halte das für unwahrscheinlich, dazu ist der Fall zu spezifisch.

Schau-Tipp: Comedyduo Otto & George

Comedyduo Otto and George

Im Comedyboom der 1980er wurde in den USA ja wirklich alles zu Comedy verwurstet. Sogar eine kleine Nische an Bauchredner-Comedians entstand. Als zwei der prominentesten Vertreter gelten Otto & George. Schade eigentlich, dass das heute niemand mehr macht. >>> Hier geht’s zum Video

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