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Christine Schorn, Charly Hübner und Devid Striesow in "Das Begräbnis"
Christine Schorn, Charly Hübner und Devid Striesow in "Das Begräbnis"

Christine Schorn, Charly Hübner und Devid Striesow in „Das Begräbnis“. (Bild: ARD Degeto/Georges Pauly)

Ein „herausragendes Schauspieler-Innen-Ensemble“ habe sich da zusammengefunden, das sich „buchstäblich die Seele aus dem Leib“ gespielt hat, verrät Das Erste in einer Ankündigung. Das Ergebnis dieser Anstrengung (neben zahlreicher seelenloser Körperhüllen, hust) nennt sich Das Begräbnis und ist eine Impro-Comedyserie von Jan Georg Schütte um einen Handwerkersohn (Charly Hübner), der nach dem Tod des Vaters Familie, Betrieb und Erbschaft zusammenhalten möchte. Das Erste lobt die „Spielfreude, abgründige[n] Figuren“ und die „Natürlichkeit der Dialoge, die man selten im deutschen Fernsehen zu sehen bekommt“.

Nun kann es ja gute Gründe geben, warum man etwas selten zu sehen bekommt. Stellen sich bei Das Begräbnis zwar durchaus charmante Momente ein, zeigt die Produktion vor allem eines: nämlich dass Natürlichkeit nicht unbedingt ein erstrebenswertes Ziel ist. Und dass es meistens nicht verkehrt ist, ein Drehbuch fixiert zu haben.

Allzu oft fällt den Darsteller:innen nämlich wenig mehr ein, als zu verbalisieren, was sie gerade tun. Ich kuck’ mal nach meiner Mutter; ich mach’ mal die Tür zu; wir gehen da jetzt nochmal rüber. Ja! So reden nicht nur ratlose Schauspieler, so redet auch das Volk. Das sind natürliche Dialoge! Sie sind von einer Natürlichkeit, die schmerzlich vor Augen führt, warum in fiktionalen Werken meistens auf sie verzichtet wird. Denn natürliche Dialoge sind halt meistens langweilig. Allein Wirklichkeitstreue macht keine guten Gespräche. Die Kunst ist es ja, auf dem schmalen Grat zwischen Banalität und Überstilisierung zu wandeln.

Für die Wirklichkeitstreue wird ein hoher Preis bezahlt

Vor lauter Natürlichkeit bleibt in Das Begräbnis auch der Erzählfluss auf der Strecke, die Informationsvergabe ist beliebig. Dialoge führen nirgendwo hin, manche Szene hätte man ersatzlos streichen können. Das strengt beim Schauen an und irritiert, zumal die Wirklichkeitstreue als Wert bei der Handlung und mancher crazy Charakterzeichnung dann ohnehin wieder in die Ecke gestellt wird. Wie es halt gerade genehm ist. Stellenweise interagieren die Darsteller:innen nicht miteinander, sondern scheinen um die Wette zu spielen, wer wohl am deutlichsten seine Agenda aus dem Charakterbriefing durchdrücken kann. Das wirkt wie ein Krimidinner unter Freunden.

So verwirrend ist das, bisweilen gar störend, dass man ganz buchstäblich nur noch mit den Schultern zucken kann, wenn das Erste es obendrein als „Clou“ verkaufen möchte, dass in jeder Episode ein anderer Protagonist im Fokus steht.

Nichts zu machen also in Sachen Impro? Doch! schreibt jemand auf Twitter – herzlich zu lachen sei nämlich über die Serie Kranitz – Bei Trennung Geld zurück, die der NDR schon im vergangenen November herausgebracht hat.

Die Serie, die ebenfalls von Jan Georg Schütte stammt und von einem (angeblich) unkonventionellen Paartherapeuten (gespielt von Schütte) handelt, war einst ein Hörspiel, das 2017 und 2018 auf Bremen zwei lief. Und auch die Fernsehvariante von 2021 funktioniert wunderbar als Hörspiel, kommt sie doch ohne jeden visuellen Einfall aus. Da sieht man im Vorspann Beine durch Treppenhäuser laufen. Und in Kranitz’ Sprechzimmer sieht man halt dann eine beeindruckende Holzvertäfelung, aber sonst nicht viel. Filme heute sind meistens nicht mehr als gefilmtes Theater, hat Hitchcock einmal gesagt. Kranitz sagt: So ist es!

Auch inhaltlich hapert es: Der namensgebende Kranitz wird als ein Wunderdoktor des Zwischenmenschlichen angekündigt – allerdings sitzt da dann nicht, wie erwartet, ein Don-Draper-hafter Teufelskerl. Sondern eine Mischung aus Reinhold Beckmann und einem Experten für systemisches Unternehmenscoaching. Unkonventionell wird’s dann schon noch, zumindest ein bisschen und spät. Möglicherweise aber zu spät für die Zuschauenden.

Kranitz: Paartherapie mit viel Klamauk

In der ersten Folge taucht ein sehr holzschnittartiges Pärchen auf: Sie (Lisa Hagmeister), die esoterisch veranlagte Hundepsychologin, spürt gleich beim Eintreten etwas Ungutes im Büro schwingen und versprüht erst mal Desinfektionsmittel. Er (Charly Hübner, hey!), Ingenieur und Pragmatiker, würde gerne mal wieder ran. Das Beziehungsproblem ist verblüffenderweise nicht die eigene Holzschnittartigkeit, sondern ein Mix aus hanebüchenen (sie nimmt ihm die Selbstbefriedigung übel) und abstrusen Elementen (sie erkennt in ihrem Partner die Psyche eines verstorbenen Hundes… ach, es ist wirklich einfach zu bescheuert). Kranitz, das badass, hält fest: Ihr seid verschieden. Oha. Am Ende muss Vangelis’ abgeschmacktes Conquest of Paradise im Hintergrund zumindest musikalisch für das nötige Drama sorgen, was natürlich auch was über die Produktion aussagt.

Also, nichts zu machen in Sachen Impro? Vielleicht außer Landes? Netflix hat gerade Murderville gestartet, wo in jeder Episode Gäste mit Ermittler Will Arnett (der Stimme von Bojack Horseman) die Aufklärung von Kriminalfällen improvisieren, also das würde ich mir sehr gerne dann… Moment… wie bitte? Der Guardian schreibt… was? „[A]lmost every Murderville scene is torturous cringe“, heißt es da? Wir haben aber auch ein Pech.

Also doch zurück nach Deutschland – zu Amazon Prime und Christian Ulmens Die Discounter vielleicht? Da hört man doch viel Gutes! Und überhaupt: Kommt bald nicht vielleicht auch das Erfolgsformat Frei Schnauze zurück? Mag alles sein. Wir schauen demnächst mal. Aber jetzt brauchen wir erst mal eine Pause.

Das Begräbnis, von Jan Georg Schütte, produziert von Florida Film, mit Charly Hübner, Devid Striesow und Christine Schorn, 5 Folgen à ca. 40 Minuten, abrufbar in der ARD-Mediathek

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