Nikita Miller ist ein begnadeter Erzähler, er kann Gesichtsausdrücke gekonnt einsetzen, seine Stimme modulieren und verstellen, seinen Sprechduktus anpassen und das Gesagte sogar im Sitzen durch seine Körperhaltung gezielt unterstreichen. Jedoch: Als Stand-up-Show funktioniert das nicht. Wisst ihr, wovor alle Russen Angst haben?, aufgezeichnet im Hamburger Schmidtchen, wirft mich als Zuseher wiederholt aus der Bahn.
Schuld ist vor allem die Lust am Fabulieren. Comedyshows müssen keinem Faktencheck stand halten. Zuspitzung und Übertreibung sind vielmehr sogar wichtige Bestandteile im Werkzeugkoffer von Bühnenkünstler:innen. Aber was Miller darbietet, ist zu magisch-surreal, zu unglaublich, zu entrückt. Die in den Act-outs dargestellten Figuren sind meist Druffis oder andere Helden des Alltags, geben dann aber geschliffene Drehbuchdialoge oder philosophische Gedanken zum besten. Das ist in der Summe eher irritierend, als dass es zum Nachdenken anregen würde.
Miller möchte einen erzählerischen Bogen schlagen, schreitet dabei aber nicht organisch voran, sondern dass Narrativ wird so zurechtgedengelt, dass alle Einfälle darin Platz finden. „Und wenn sie auch die Absicht hat, den Freunden wohlzuthun, so fühlt man Absicht und man ist verstimmt“, heißt es in Goethes Tasso.
Zur Unglaubwürdigkeit kommt etwas lazy writing mit Kiffer-Gedanken aus dem showerthoughts-Subreddit („Wie kommt das eigentlich, dass ein Meteorit immer genau in einem Krater einschlägt?“ – ein Witz, den die Simpsons 1997 gebracht haben). Es geht um Musikkassetten oder um Gangster mit Bausparvertrag. Fraglich ist auch, warum Miller einen Witz über Kokain ohne Mehrwert recycelt und dann sogar noch als Schlussjoke einsetzt. Aber das Schlussbit ist dann selbst gemessen am generell hohen Fabulierniveau drüber, sodass hier vermutlich noch ein Nagel eingeschlagen werden wollte, um die Erzählung zu erden.
Es fügt sich alles zu gut bzw. zu schlecht. „Wie kann ich ihn beschreiben? Hm. Wie einen Badezimmerteppich.“ Das kurze Zögern soll authentisch wirken und wirkt doch einzig künstlich. Möglicherweise könnte das, noch mehr ausgearbeitet, als Roman besser funktionieren. Das Figurenarsenal und die Einfälle wären ja da. Als Stand-up ist das zu ausgedacht. Beziehungsweise: zu erkennbar ausgedacht.
Wisst ihr, wovor alle Russen Angst haben?, 48 min, abrufbar auf Youtube
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