Interview

SENSATION! Lustige Frau entdeckt!

Autorin Jenny Kallenbrunnen mit Comedian Otto Waalkes
(Foto: privat)

„You can’t be what you can’t see“ – dieser Spruch wird verschiedenen Frauen zugeschrieben (meistens unbelegt Beyoncé). Es ändert nichts daran, dass er ein reales Problem beschreibt: Frauen sind in der Gesellschaft weniger sichtbar als Männer, also können sie schlechter Vorbilder sein. Gerade auch in der Comedy sind sie stark unterrepräsentiert. Man erkennt das zum Beispiel, wenn eine Sitcom ausschließlich von Männern geschrieben wird oder das Line-up beim Open-Mic rein aus Männern besteht. Warum das ein Problem ist, erklärt die Autorin Jenny Kallenbrunnen, die unter anderem für Comedian Otto Waalkes oder die NDR-Satiresendung extra 3 schreibt.

Setup/Punchline: Jenny, wir wollen über Frauen in der Comedy sprechen. Ein Thema, das das ganze Business angeht. Und doch werden meistens nur Frauen dazu befragt, wie jetzt schon wieder. Lässt sich dieses Paradox auflösen?

Jenny Kallenbrunnen: Kaum. Dass es in vielen Berufen keine ausgewogenen Geschlechterverhältnisse gibt oder dass Frauen einfach weniger sichtbar sind in der Gesellschaft, das ist ja eine sehr ausgeweitete Form des Sexismus. Es ist schwierig, mit Männern darüber zu sprechen, weil es auch um Betroffenheit geht. Man kann mit Weißen auch schlecht darüber sprechen, wie zum Beispiel Schwarze Menschen Rassismus erfahren. Es braucht eine andere Perspektive. Dazu muss man mit Menschen sprechen, die Rassismus erleben. Und um sexistische Strukturen zu verändern, muss man mit Menschen sprechen, die Sexismus erleben.

Frauen sind in der Comedy wie in den meisten kreativen Berufen unterrepräsentiert, bei den Comedians sowieso, und wohl auch in den Writers‘ Rooms. Warum ist das schlecht?

Weil Comedy, ob als Bühnenprogramm oder Serie, dann nicht abbildet, was da draußen abgeht. Wir haben alle schon Filme gesehen mit Frauenrollen, die keine Frauen abbilden. Es sind von männlichen Autoren konstruierte Frauen.

Autorin und Comedienne Jenny Kallenbrunnen mit Otto Waalkes

Wie trifft man Otto Waalkes? „Na, auf seiner eigenen Show, auf der man ist, weil man ihn lustig findet“, sagt Jenny Kallenbrunnen. Nach der Show sprach sie mit dem Comedien und der lernte ihren Humor schätzen. Zuvor hatte Kallenbrunnen als Journalistin gearbeitet, unter anderem beim Stern und bei dpa. Allmählich verlegte sie sich dann auf Comedy. Ihre nachrichtliche Expertise kommt ihr beim Schreiben für Satire-Sendungen wie extra 3 zugute. Außerdem schreibt sie für funk-Formate und steht selbst als Stand-up-Comedienne auf der Bühne.

Was meinst du damit?

Eine Frau, die von einem Mann geschrieben wurde, ist meistens keine Frau. Sie denkt nicht wie eine Frau, denn männliche Autoren wissen gar nicht, wie eine Frau in der Situation denken würde, auch wenn natürlich nicht alle Frauen gleich sind. Und sie ist auch nur in Szenen zu sehen, die für Frauen aus männlicher Perspektive wichtig sind oder für Männer: Sex haben, sich verlieben. Dann fährt noch die Kamera über den Frauenkörper und zeigt ihn, wie heterosexuelle Männer ihn häufig betrachten: erotisch, verfügbar. Der male gaze setzt sich in einem Drehbuch dann fort.

Ist das nur auf weiblichen Alltag beschränkt?

Nein. Männer blicken nicht nur auf Frauen anders, sie blicken auf die ganze Welt anders. Die Welt hat früher allein Männern gehört. So eine Welt nimmt man natürlich ganz anders wahr. Man schreibt anders darüber. Man merkt jedem Text an, ob ihm ein ausschließlich von Männern konstruiertes Weltbild zugrunde liegt. Das führt zu solch absurden Dialogen, in denen Frauen sich vor dem Stillen oder der Menstruation ekeln. Ständig zu Sex bereit sind. Ihre Kinder lieber allein betreuen wollen. Ich habe vor kurzem einen Film gesehen, in dem ein Vater erfährt, dass er eine Teenager-Tochter hat. Dann stellt er die Mutter zur Rede: „Hättest du halt mal was gesagt!“ Und die Mutter sagt: „Ich hatte keine Hilfe nötig.“ Was für ein Bullshit!

Eine starke alleinerziehende Mutter, die klarkommt – ist das nicht eine positive Frauenrolle?

Sie ist halt, wie in Tausenden anderen Fällen, wieder auf die Mutter festgelegt. Eine Frau kann aber nicht nur als Mutter stark sein. Sie kann auch als Vorstandsvorsitzende stark sein, als Erfinderin, als alles.

Was braucht es? Eine Quote im Writers‘ Room?

Ein kleines Beispiel dazu: Im Februar war ich bei einem Panel, bei dem Frauen über ihre Erfahrungen mit Diskriminierung im Job gesprochen haben. Dann hat sich ein Mann gemeldet und gesagt „Da war jetzt schon viel Richtiges dabei…“ Ich finde, es ist total traurig, dass wir eine Quote brauchen, aber solange Männer noch immer solche Dinge sagen, brauchen wir sie. Solange sie nicht wieder eine Ausrede ist.

Frauen in den Medien

Bei fiktionalen Sendungen zwischen 18 und 24 Uhr führen nur in knapp eine Fünftel der Fälle Frauen Regie. Das zeigt der aktuelle Diversitätsbericht des Bundesverbands Regie. Das gleiche Verhältnis zählt der Bericht bei Kinofilmen. Das ist nicht nur im Film und Fernsehen so. Frauen sind auch in der Literaturbranche unterrepräsentiert, wie das Projekt #vorschauenzählen gezeigt hat. Männer dominieren auch in der Literaturkritik. In den USA sind zwei Drittel aller Filmkritiker:innen Männer. Eine genaue Zählung in der deutschen Unterhaltungsbranche existiert nicht. In den USA wurde erhoben, dass Frauen nur gut ein Viertel von allen Regisseuren, Autoren, Produzenten, Cuttern, Kamerleuten ausmachen – quer betrachtet über alle Fernsehsender und Streaming-Angebote.

Was meinst du mit Ausrede?

Der Begriff „Quotenfrau“ bringt das auf den Punkt: Man sucht sich eine Frau, damit man halt eine hat. Dazu fragt man so lange herum, bis eine zusagt. Und damit hat man dann eine Rechtfertigung, jetzt wieder nur Männer einzustellen oder einzuladen. Man könnte aber auch einfach immer die qualifiziertesten Leute nehmen. Dann hat man bald ein diverses Team oder Panel.

Bedeutet „weiblich“ für dich automatisch „besser qualifiziert“?

Nein. Aber auch „männlich“ bedeutet nicht automatisch „besser qualifiziert“. Und doch sind Männer deutlich überrepräsentiert. Wie kann das sein? Ich behaupte nicht, dass Frauen per se besser qualifiziert sind. Aber ich behaupte: Ein Mann, der eine Kollegin auf Augenhöhe hat, kann sich sicher sein, dass sie kompetenter, besser ausgebildet und stärker ist als er. Denn für sie war es ein viel härterer Weg, an die gleiche Position zu kommen. Und ich behaupte, dass die Qualifikationen von Frauen gar nicht mal richtig geprüft werden.

Es gibt diese Untersuchungen dazu, dass Personaler geneigt sind, sich mit Leuten zu umgeben, die ihnen selbst ähnlich sind. Wir checken alle immer: Ist das ein Mann oder eine Frau? Ist der Bewerber weiß, ist er Schwarz? Das beeinflusst einen, wenn auch unbewusst. Wenn Maschinen über die Jobs entscheiden könnten, also nicht allein von Männern programmierte, dann wäre es bestimmt so, dass Diversität automatisch entsteht. Wer eine Quotenfrau als die eine Frau sieht, verbaut sich Möglichkeiten. Eine Frau ist einer von vielen guten Menschen in einem Team.

Man hört oft die Klage: Es bewerben sich halt einfach keine Frauen. Wir können sie ja auch nicht zwingen!

Da, wo das tatsächlich zutrifft, könnte man überlegen: Liegt es vielleicht daran, dass Frauen hier klein gehalten werden? Ich mag das ungerne sagen, weil es nach Opferhaltung klingt. Wir sind keine Opfer. Aber: Es ist schwierig, in einem Raum voller Männergehabe durchzudringen. Solange eine Frau aufpassen muss, was sie sagt, wie sie sich verhält, werden viele Frauen oft einfach still bleiben. Das gilt allgemein in der Gesellschaft und konkret im Writers‘ Room und dann, wenn es um Bewerbungen geht. Oder in Konferenzen: Je mehr Frauen mit im Raum sind, desto mehr trauen sich auch die sagen, die da sind. Je weniger Frauen da sind, desto stiller sind auch die, die da sind. Solange so ein Klima herrscht, braucht man Quoten. Bis irgendwann so viele da sind, dass das Klima verändert ist. Davon profitieren am Ende alle.

Du hast gesagt, man merkt es Frauenrollen an, wer sie geschrieben hat. Wie ist das denn bei Witzen?

Einem einzelnen Witz merkt man nichts an, würde ich sagen. Aber einem Drehbuch merkt man es an, ob Vertreter von 40 Prozent der Gesellschaft beteiligt waren oder von 95. Hier wird ein Aspekt vergessen, dort einer überbetont. Es ist spürbar, auch in Moderationen. Auch Otto hat früher andere Gags gemacht.

Wie bitte? Otto macht andere Gags als früher?

Humor ist nie komplett zeitlos. Der körperliche Otto-Humor noch mehr als der in seinen Wortbeiträgen. Aber auch Otto hat sich entwickelt. Er stand vor ungefähr 50 Jahren das erste Mal auf der Bühne. Die Gesellschaft hat sich seitdem verändert, die Erde hat sich gedreht, Altherrenwitze wurden gestrichen. Und Otto würde nicht heute immer noch 4000er-Hallen ausverkaufen, wenn sich nicht auch sein Humor verändert hätte. Im Publikum sitzen quasi vier Generationen.

Jenny Kallenbrunnen auf einer Stand-up-Bühne
(Foto: Sergey Sanin)

Du trittst auch als Stand-up-Comedienne auf. Ist das deine Art, deine Witze zu testen, die du für Otto oder für Sendungen schreibst?

Nein. Ich habe manchmal beim Schreiben gemerkt: Das ist jetzt lustig, es passt aber weder zu Otto noch zu anderen Formaten, für die ich schreibe. Sondern am besten zu mir selbst. Irgendwann hat man stapelweise Dinge über sich selbst. Und dann hab ich mir gesagt: Dann mach’s doch einfach selbst! Aber nur als Hobby. Ich will nicht fünf Tage die Woche im Hotel schlafen statt bei meinem Mann. Und geh‘ mal zur Mixed-Show, wenn du die einzige Frau im Backstage bist. Das macht richtig Laune.

Warum?

Ob vor oder hinter der Bühne: Hör‘ dir die Gags doch an! Mit welcher Selbstverständlichkeit da sogar noch 2020 frauenfeindliches Zeug kommt. Ich habe mal den allerersten Auftritt von einem Comedian erlebt, der war vielleicht 20 Jahre alt. Als ersten Joke auf der Bühne hatte er den Satz: Achtung, meine Witze sind wie die Brüste meiner Tanzpartnerin: unangenehm flach. Wieso machst du sie dann?

Und?

Ich weiß es nicht. Und nur mal so: Es gibt viele tolle männliche Comedians, die nicht beruflich Frauen beleidigen. Aber wenn die Kultur so ist, dass selbst die unsicheren Anfänger ohne den kleinsten Zweifel solche Scheiße bringen, ist doch klar, dass Frauen diese Orte meiden. Darauf hat niemand Lust.

Braucht es auch bei Stand-up-Shows eine Quote?

Ist wahrscheinlich schwieriger zu verordnen als bei Aufsichtsräten. Aber Veranstalter sollten sich darum bemühen, ja. Und wenn man den Eindruck hat, dass es zu wenige weibliche Comedians gibt, muss man sich einfach mal richtig umschauen, auf Youtube oder Tiktok zum Beispiel. Da sieht man viele talentierte junge Mädchen und Frauen. Es wäre schon ein verrückter Zufall, wenn der lustigste Mensch, den man dann entdeckt, immer ein Mann ist.

Was, wenn das nicht die richtigen Leute für ein Open-Mic sind?

Aber es sind talentierte Leute. Vielleicht haben sie nicht Stand-up gemacht. Vielleicht macht eine ein unbeholfenes superlustiges Video auf Tiktok. Das ist dann keine professionelle Autorin, aber sie kann es werden. Wenn man das nicht sieht, hat man vielleicht nicht beide Augen offen.

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