Bücher über Comedy

The Jokemeister of Ratgeber: „The Comic Toolbox“

The Comic Toolbox: Handbuch des Humors von John Vorhaus
Werkzeuge lösen keine Probleme, sagt John Vorhaus. Aber sie helfen, sie zu verstehen (Foto: Elena Rouame; Collage: s/p)

Für Comedians wäre das Leben leichter, wenn es reverse engeneering in der Komik gäbe. Man könnte aus einem gelungenen Witz einen Bauplan extrahieren, der mit verschiedenen Inhalten gefüllt verlässlich Lacher auslösen würde. Aber so funktioniert das natürlich nicht. Niemand verfügt über einen solchen Plan. Auch John Vorhaus nicht, der Autor von The Comic Toolbox bzw. Handwerk Humor, wie das Buch in der deutschen Ausgabe heißt.

Vorhaus verfügt zumindest über einen Plan, etwas Lustiges zu schreiben: nämlich einen Rahmen zu schaffen, in dem Comedy stattfinden kann. Und dazu hat er ein ganzes Bündel an kleinen Techniken und Übungen parat. Es gibt tiefgründigere Werke über Storytelling, über Dramaturgie oder über das Schreiben von Drehbüchern, auch tiefgründigere über Comedy. Aber in dieser Kombination ist The Comic Toolbox einzigartig. In erster Linie richtet es sich an Autor:innen von Sitcoms, ist aber auch für andere Comedy-Schreibende interessant. Solange sie sich nicht sklavisch daran halten.

Buchcover von "The Comic Toolbox" von John Vorhaus
Vorhaus, John: The Comic Toolbox. How to Be Funny Even If You’re Not. Los Angeles: Silman-James Press 1994. 191 Seiten.

John Vorhaus hat unter anderem für die Serien Married… With Children und The Wonder Years geschrieben und versammelt in The Comic Toolbox dreierlei:

a) grundlegende Konzepte über Comedy, etwa das oft missverstandene Dogma comedy is truth and pain;

b) konkrete Kreativitätstechniken wie die rule of three, die rule of nine (von 10[!] geschriebenen Witzen sind neun schlecht) und

c) Altbekanntes über Ängste und Blockaden beim Schreiben, allerdings schön bildlich verpackt. Zum Beispiel beschreibt Vorhaus mit dem Grand Canyon Effect ein Phänomen, das vielen Schreibenden bekannt sein dürfte: wenn sich beim konkreten Schreiben, also von Handlung oder Dialog, Probleme einstellen, obwohl die Vorbereitung (Gliederung, Strukturierung) perfekt war. Es macht einen Unterschied, ob man den Grand Canyon vom Hubschrauber aus kennenlernt oder zu Fuß erkundet.

„Comic Toolbox“ ist nicht mehr ganz in Mode

Die Stärke der Toolbox (neben der Erfindung von Begriffen wie „jokemeister“ und „sticktoitiveness„) ist die Prämisse: Creativity is problem-solving. Kreativität bedeutet, Probleme zu lösen. Umgesetzt in die Praxis heißt das, große Fragen herunterzubrechen. Aus „Wie schaffe ich etwas Lustiges?“ wird „Wie schaffe ich eine komische Perspektive?“, „Wie kann ich etwas aufs Spiel setzen?“ oder „Was will/fürchtet meine Heldin?“. Vorhaus bringt einem nicht bei, lustig zu sein, sondern Plot und Protagonisten zu entwickeln, die die Voraussetzungen mitbringen, lustig zu sein.

Die große Schwäche dagegen deutet sich im Untertitel an: How to Be Funny Even If You’re Not. Einerseits vermittelt das Buch das natürlich nicht. Andererseits: Selbst wenn – es wäre eine sehr enge Auffassung von „Funny“. Komisch sind für Vorhaus in erster Linie nämlich Sitcoms wie Alf und Filme wie Tootsie. Dass viele Beispiele, Witze oder Begriffe etwas dated sind (hey, nichts gegen Alf), kann man einem Buch von 1994 kaum vorwerfen. Aber Vorhaus konzentriert sich schon arg auf die solide Feel-good-Schiene der Komik samt Happy-End. Die abwegige, krude, die Erwartungen enttäuschende Komik findet man in The Comic Toolbox nicht.

Macht nichts. Komik muss nicht immer progressiv sein. Auch eine mittelmäßige, funktionierende Sitcom muss erst einmal geschrieben werden. Die Regeln wollen gelernt sein, hierfür eignet sich die Toolbox wunderbar. Und es muss ja erst einmal Konventionelles produzieren, wer später Konventionen in Frage stellen will.

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Was ist Humor, wie schreibt man einen Witz und was haben berühmte Comedians in ihren Leben erlebt? Diese Rubrik widmet sich dem, was wir aus Büchern über Comedy lernen können.
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