Presseschau

Comedy-Presseschau vom 30.06.22

(Foto: Museums Victoria on Unsplash)
  • Was als Marketinggag begann, wurde ernst: Das Hamburger Comedykollektiv Vier Feinde hat für einen Auftritt Anfang September die Kölner Lanxess-Arena gemietet. Denn wie jeder weiß, ist ja erst richtiger Comedian, wer dort aufgetreten ist. Passender Showtitel: All in. Auf Instagram erzählen die vier (Yorick Thiede, Alex Stoldt, Marvin Hoffmann und Sebo Sam) wie das kam. Meiner Meinung nach könnte die Show die Geburtsstunde eines Stand-up-Labels sein, ähnlich Felix Lobrechts Stand-up 44. Oder natürlich ein Sprungbrett in die Privatinsolvenz. Wollen wir aber nicht hoffen. Hier gibt’s Tickets.
  • Der Journalist Paul Gäbler wollte eine Hospitanz bei einer „nicht ganz unbekannten deutschen Satiresendung“ bei einem öffentlich-rechtlichen Sender machen. Der Versuch scheiterte, weil Gäbler, wie er auf Twitter ausführt, nur 450 Euro pro Monat bekommen hätte. Wundert mich, der ich als freier Journalist häufig mit Medienhäuser zu tun habe, leider überhaupt nicht. Die Honorare sind mies und werden immer weiter gedrückt. Talentförderung sieht anders aus (und auch gutes Marketing). Am traurigsten stimmt mich aber, dass sich der betreffende ö.r. Sender für die 450 Euro wahrscheinlich sogar noch auf die Schulter klopft.
  • „Der alte, aufklärerische Witz ist wieder da“, beschreibt Peer Schader bei DWDL anhand von Carolin Kebekus und Jan Böhmermann einen Aspekt zeitgenössischer TV-Comedy, samt seiner Probleme und Schwerfälligkeiten.

Comedian Kurt Braunohler

SPECIAL-EMPFEHLUNG: Kurt Braunohler: Trust Me (2017)

Solange deutsche Stand-up-Comedians so zaghaft Specials veröffentlichen, muss ich halt andere empfehlen, zum Beispiel Trust Me des US-Amerikaners Kurt Braunohler. Der verbindet konventionelle Erzählweise mit teils frappierende Schrägheit (das Eingangsbit über die alien waitress gibt einen guten Eindruck), die einem oneliner comic gut zu Gesicht stünde.

  • Comedians und Gagklau: ZDF-Magazin-Autor Miguel Robitzky schreibt auf Twitter, dass das Portal Sprüchefabrik eine Idee („Die kleine Raupe Fickdichdoch“) von ihm abgekupfert hat, ohne zu fragen, Credit zu geben und ohne zu zahlen. Dieses gängige Vorgehen von Gagklau-Linkschleudern in sozialen Medien hatte ich auf s/p hier einmal beleuchtet. Interessant an Robitzkys Fall ist: Wenn Sprüche geklaut werden, gibt es juristisch kaum Handhabe. Anders sieht das bei Bildern aus. Allerdings ist Robitzkys Bild wiederum recht nah am Original der Raupe Nimmersatt. Gut möglich also, dass ein Gericht ihm trotzdem die nötige Schöpfungshöhe abspricht, die zum Beispiel einen Anspruch auf Schadensersatz begründen würde.
  • Late to the party, aber naja: Nach John Cleese, Steve Harvey, Dave Chappelle, Ricky Gervais, Harald Martenstein (Liste beliebig verlängerbar) hat nun auch Rowan Atkinson Stellung gegen die grassieeeeerende cancel culture bezogen. „It does seem to me that the job of comedy is to offend“, sagte Atkinson der Irish Times. Und: „Every joke needs a victim.“ Meine Güte. Mehr Sorgen als um Comedy mache ich mir nun um Atkinson, da er offenbar große Teile seines Œu­v­re vergessen hat.
  • Weise Worte von Stand-up-Comedian Shahak Shapira (von Twitter): „Das Problem mit Künstlern, ist dass wir absolut ignorante Shitheads sind, die für Aktivisten gehalten werden, oder noch schlimmer, uns selbst für welche halten, aber eigentlich nur in die Schönheit von Konzepten verliebt sind und keinen Plan von der Welt haben. Hört nicht auf uns.“
  • Im Käthe Kollwitz Musem in Köln gibt’s eine Ausstellung zum „neuen Simplicissimus“, also der Wiederauflage der berühmten Satirezeitschrift aus der Kaiserzeit, nämlich nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier gibt’s mehr Informationen. Noch bis 3. Oktober.
  • Das Forbes Magazine widmet sich Mark Normand und Pat Tomasulo, die ihre Specials sehr erfolgreich über Youtube vertrieben haben. Es wäre zu wünschen, dass sich dieser Trend ausweitet.

Lesetipp: Sam Morril über Crowd-Work

Stand-up-Comedian Sam Morril

Das Onlinemagazin The Comedy Gazelle spricht mit dem US-amerikanischen Comedian Sam Morril über dessen (sich über mehrere Abende erstreckenden) Aufnahmen für ein neues Special auf Netflix, samt Crowd-work-Elementen. Morril spricht auch darüber, wie er komplizierte Themen angeht, und erklärt, warum er Schreiben liebt, aber das Überarbeiten hasst. Hier geht’s zum Gespräch

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