Comedy-Presseschau vom 27.03.26

  • Comedian Oliver Polak hat (im Rahmen eines Stipendiums des örtlichen Thomas-Mann-Hauses) Shows in Los Angeles gespielt, das war ein sehr beliebtes Thema in den Medien. Hier in der Zeit, hier beim Spiegel, hier bei der SZ und hier in den Tagesthemen. Alle Beiträge behandeln die Show nicht als einen Auftritt eines Comedians, sondern nachgerade als kulturelle Bewährungsprobe. Polak, der in Deutschland mit edgy Witzen über seine jüdische Herkunft eher anecke, könne in den USA befreit aufspielen, so der Tenor. Dazu passt schlecht, dass die Show offenbar sehr viel deutsches Publikum anzog, wie medienübergreifend erwähnt wird. Die Tagesthemen ziehen eine eher merkwürdige Parallele und verorten Polak auf den Spuren des Exilanten Thomas Mann. Die Zeit dagegen thematisiert unfreiwillig eine interessante Diskrepanz: “Oliver wird nun manchmal gefragt, ob er Security zu seinen Auftritten mitnimmt”, heißt es darin, während der Text mit “Willkommen im Mainstream” übertitelt ist. Offenbar haben sich nicht nur die Existenz- und Arbeitsbedingungen eines jüdischen Comedians verändert, sondern auch die Vorstellung davon, was „Mainstream“ eigentlich bedeutet. Leider bleibt das eine Leerstelle im Text.
  • Auch das satirische Nachrichtenformat Fun Facts wurde breit besprochen, hier etwa vom Bayerischen Rundfunk. Ich bin kein Freund von solchen Formaten, weil das komische Verdoppeln von faktischen Inhalten auch bedeutet, dass die ästhetische Eigenständigkeit aufgegeben wird. Den zackigen Social-Media-Erfolg des Formats kann man aber durchaus zur Kenntnis nehmen. Offenbar besteht noch immer Bedarf nach satirischer Bearbeitung der Nachrichten.
  • Thema Lucky Punch Comedy Club: Ein ehemaliger Mitarbeiter des Münchner Clubs (dem mit Michael Mittermeier) hatte im November, wie die SZ berichtete, in einem Brief an den Stadtrat geschrieben, dass der Club monatlich hohen fünfstelligen Gewinn mache, während die Stadt das Projekt mit geringer Miete subventioniere. Und das, obwohl München das Kulturzentrum, das auch den Lucky Punch beheimatet, mit dem Ziel ins Leben gerufen hatte, möglichst viele kostenlose und kostengünstige Angebote und Probentätigkeiten zu fördern. Die Stadt hatte mir ja mitgeteilt, dass die Prüfung der Vorwürfe abgeschlossen sei, wollte aber das Ergebnis dieser Prüfung nicht mitteilen. Das Büro des Aufsichtsratschefs des städtischen Kulturzentrums Gasteig, das die Prüfung angeleiert hatte, teilte mir nun kürzlich aber mit: Die Prüfung sei noch gar nicht abgeschlossen. Das zuständige Wirtschaftsreferat teilte dann wiederum mit, dass die Prüfung erst am 16. März abgeschlossen war – also mitten im Münchner Stichwahlkampf zur Oberbürgermeisterwahl, die besagter Aufsichtsratschef dann übrigens gewann und zurzeit anderes um die Ohren hat als Kulturpolitik. Hach, es ist alles so messy und anstrengend, dass ich das Thema ja gerne schon hingeschmissen hätte. Aber dann fällt mir immer auf, dass in der Angelegenheit einfach noch null Komma null Aufklärung stattgefunden hat. Also begleitet uns das im Newsletter wahrscheinlich noch ein bisschen.
  • Lucky Punch Comedy Club II: Der Club eröffnet eine Filiale in Wien, wie Club-Galionsfigur Michael Mittermeier auf Instagram mitteilte. Kompetente Comedy-Investigativjournalisten wussten das natürlich schon seit Ewigkeiten, da das österreichische Unternehmensregister schon im Juli 2025 ein entsprechendes Unternehmen verzeichnet hatte. Noch kompetentere Journalisten hätten so eine Info dann natürlich auch zeitnah veröffentlicht.
  • Musikmanager Berthold Seliger macht in seinem Blog auf eine gesetzliche Benachteiligung selbstständiger Künstler:innen aufmerksam: Das sogenannte Aktivrentengesetz fördert Erwerbstätigkeit im Rentenalter durch steuerliche Anreize. Selbstständige aber sind ausgenommen. Seliger schreibt: “In der Coronära bekamen die Kultur-Selbständigen viele warme Worte zu hören. In der Realität des Jahres 2026 sind sie wieder das, was sie letztlich immer waren: Kultur-Arbeiter:innen zweiter Klasse.”
  • Saturday Night Live gibt es jetzt auch im UK. “Though ‘SNL UK’ adapts an existing format, there is nothing like it on British television at present. TV sketch comedy has keeled over like a dead parrot in the past decade”, schreibt der Economist.
  • In München war wieder das Nockherberg-Singspiel, meine Güte, wie die Zeit vergeht. Überraschend harte Kritik aus der CSU am Singspiel, so titelt die Süddeutsche Zeitung. Und ja, es ist natürlich tragisch, dass einfach keine Satire mehr von Gnaden der CSU gemacht wird, Sapperlott. Aber wie einfach doch die Empörungsknöpfe von an sich erwachsenen Menschen zu drücken sind! (Ich glaube, ich habe im Nockherberg-Kontext schon öfter die Vokabel “entblöden” benutzt.) “Ich finde, Friedrich Merz wird da zu sehr als Depp dargestellt, was er echt nicht ist“, sagte Markus Söder, immerhin schon 59 Jahre alt. Einen „Tick nicht angemessen“ sei das gewesen – „weil, das stimmt nicht“. Ein „Menno“ und Fußaufstampfen darf man sich dazudenken. Wenn ein amtierender Ministerpräsident zu Äußerungen wie von einem frustrierten Vierjährigen verleitet wird, was will man von Satire eigentlich mehr erwarten?

Gewissermaßen ein laut.de für Stand-up-Comedy möchte ja die Stand-up-Bibliothek sein, eine eine Ansammlung von Kurzkritiken deutscher Stand-up-Specials. Neu hinzugekommen ist ein Eintrag über Fühl ich (2025) von Ivan Thieme.

  • In der letzten Ausgabe ging es schon kurz um den iranisch-US-amerikanischen Comedian Max Amini, der mit belanglosem Crowdwork Fantastilliarden Reaktionen in den Sozialen Medien erzielt. Im Podcast Comedy Means Business spricht er über seine Arbeitsweise und erklärt, dass er halt in erster Linie ein guter Marketer ist. Sein Erfolg ist weniger auf seine Jokes zurückzuführen (wer hätte es gedacht), als auf perfektes Targeting von Zielgruppen. Amini beantwortet nicht die Frage “wie erzähle ich gelungene Witze?”, sondern “wie maximiere ich authentic-feeling content mit globalem Identifikationspotenzial?”. Das ist in seiner Konsequenz beeindruckend, aber halt auch scheiße.
  • Im Podcast Traurige Buben sagt Falk Pyrczek: „Nur weil da so ein paar Hanseln, ein paar 100, 150 Hanseln da ihren Lebensunterhalt damit bestreiten können, heißt es nicht, dass die Szene gesund ist.“ Nur weil es erfolgreiche Comedians gibt, bedeutet das nicht, dass es auch wirklich einen Weg nach oben gibt. Sad, but true.
  • Nico Semsrott war zu Gast bei Hotel Matze und beschreibt, wie das Aufsetzen einer Kunstfigur paradoxerweise mehr Verletzlichkeit zuließ, nicht weniger. Eine interessante Perspektive, gerade für Anhänger des Authentizitätsparadigmas in Stand-up. „Erst dadurch, dass ich diesen Schutz hatte, bekam ich dann das Gefühl, kann ich ganz viel sagen, was ich ohne diese Kapuze und diese sich dann entwickelnde Kunstfigur nicht hätte sagen können. Insofern war das ein Schutz, um dann sozusagen das Visier runternehmen zu können.“ Ein Distanzmechanismus, der Authentizität befördert. Wie überaus paradox!
  • Der Comedian Victor Patrascan sagt im Hörerlebnis mit Hazel und Thomas “There is no such thing as industry” und meint damit die Comedy-Industrie. Ich dachte zuerst: Hä? Es gibt doch die Industrie, es gibt doch Clubs, Agenten, Manager etc. Was Patrascan aber meint: Die Industrie schafft fortwährend Glaubenssätze (du brauchst ein Management, du musst Festival XY spielen, du brauchst TV-Credits etc.), die Comedians als Naturgesetze internalisieren. Dabei sind es Strukturen, die Gatekeepern nutzen, weil sie eine künstliche Knappheit aufrechterhalten.
  • Der US-Comedian David Cross spricht bei Comedy Means Business über eine wenig bekannte Praxis: Die Audio-Aufnahme am Ende der Tour enthalte bis zu 35 Prozent anderes Material als das aufgezeichnete Special. Notabene: Specials werden als Primärprodukt vermarktet, stellen jedoch nur eine Zwischendokumentation dar.
  • In Italien findet im Februar regelmäßig das Musikfestival von Sanremo statt, das man von der popkulturellen Bedeutung her dort ansiedeln kann, wo in Deutschland Karneval, Oktoberfest, Helene Fischer und die Fußballbundesliga stehen. Dass dort dieses Jahr auch der Comedian Andrea Pucci auftreten sollte, löste viel Gegenwind aus, etwa im Standard nachzulesen. Pucci ist für allerlei problematische Witze bekannt. Die Demokratische Partei fragte etwa, warum „der faschistische und homophobe Pucci“ in Sanremo eine Bühne bekomme. (Vor meinem inneren Auge läuft hier ein Szenario ab, in dem halb Deutschland in Goodbye-Lenin-Manier versucht, diese Information vor Dieter Nuhr zu verheimlichen.) Auf jeden Fall folgten Puccis Ausladung und selbstredend kulturkämpferische Ausschlachtung mit bekannten Positionen. Die “ewige Wiederkunft des Gleichen” kann auch etwas Positives sein, schrieb Nietzsche, vorausgesetzt, man ist stark genug. Für uns anderen bleibt nur Entsetzen.

Schautipp: Stand-up Master Class

Stand-up comic ralphie may

Der 2017 verstorbene Comedian Ralphie May ist vom alten Schlag, der Vortrag entsprechend ungeschliffen, repetitiv und ein bissi selbstgefällig. Trotzdem liefert er mehr handwerkliche Substanz als mancher Craft-Podcast. May weiß, wovon er redet, und sagt Dinge direkt, die anderswo umschrieben werden. Der Wert liegt nicht in den Anekdoten, sondern in den eingestreuten technischen Präzisierungen. Hier geht’s zum Video

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