Comedy-Presseschau vom 25.07.25

  • El Hotzo stand wegen eines Tweets über das versuchte Attentat auf den US-Präsidenten vor Gericht. Nun ist er in erster Instanz freigesprochen worden. Man könne darüber streiten, ob der Post witzig sei, sagte eine von Hotz‘ Anwältinnen bei der Verhandlung. „Aber nicht darüber, ob es ein Witz war.“ Das ist schon mehr Differenzierung als in 99 Prozent aller deutschen Feuilletonartikel über Humor. Jurist:innen, ey! Zeigt sich wieder einmal, dass sie oft über die feinsten Humorantennen verfügen. Erkennbar auch an der ausführlichen Berichterstattung beim in Satiredingen in Deutschland maßgeblichen Medienportal Legal Tribune Online.
  • Der US-amerikanische Sender CBS stellt die legendäre Late Show mit Stephen Colbert ein, die der 2014 von David Letterman übernommen hatte. Das alles hat wahrscheinlich politische Gründe, die man zum Beispiel in der New York Times nachlesen kann. Viele beklagen jetzt, dass damit eine wichtige Gegenöffentlichkeit zum politischen Irrsinn wegbricht und befürchten einen Präzedenzfall. Natürlich: Die Late-Night-Shows gelten in den USA als Goldstandard der Unterhaltungsindustrie, nicht ganz zu unrecht. Und so gern ich einem geharnischten Monolog gegen Trump lausche, aber: Alle wissen doch Bescheid. Ich erwarte von einer Show nicht, die Welt zu verändern, aber die Kritik der Shows ist schon ein bisschen arg Routine geworden. Man könnte das Ende der Late Show also auch zum Anlass nehmen, mal über unhinterfragte Glaubenssätze und neue Konzepte nachzudenken.
  • Zwei neue Comedyangebote habe ich in den vergangenen Wochen kennengerlernt, nämlich einmal den Stand-up Detector, der versucht, auf Whatsapp deutschlandweit Veranstalter mit offenen Spots mit spielwilligen Comedians in Kontakt zu bringen. (Mehr Informationen auf Instagram) Ein sympathisches chaotisches Angebot für eine chaotische Szene.
  • Etwas strukturierter möchte Standup Republic sein, eine Catch-all-Plattform für Stand-up: Auch Standup Republic bringt Hosts mit Comedians in Kontakt, ferner sollen sich die Comedians quasi direkt Shows über die Plattform buchen können. Die Plattform behält nach meinen Informationen eine geringe Provision ein. Und zu guter Letzt können Comedyfans dort auch direkt ihre Tickets kaufen. Die Macher haben mir mitgeteilt, dass sich bisher bereits gut 1000 Hosts und Comedians angemeldet hätten. Standup Republic hat einen der Schmerzpunkte deutlich erkannt, die für Fans und oft auch für Comedians überwältigende Unübersichtlichkeit der Szene. Ein Bündelangebot ist ein guter Weg, das Problem zu adressieren, und es funktioniert umso besser, je mehr Menschen mitmachen. Allerdings bringt es auch Fragestellungen mit sich: Wie entwickeln sich die Provisionen? Wird es Premium-Accounts geben? Und führt das Bundling vielleicht auf lange Sicht zu Standardisierung und sozialer Disziplinierung? Lohnt sich im Auge zu behalten.
  • „‚Till Tonight‘, das könnte wirklich funktionieren“, konstatiert Anja Rützel beim Spiegel über die Late-Night-Show mit Till Reiners. Und weiter: „Die Auftaktfolge ist rundherum gelungen, Reiners‘ Stand-up sitzt perfekt – bei quasi allen jüngeren Versuchen in diesem Formatfeld war das eine meist wackelige Partie“ – es könnte daran liegen, dass halt von den meisten Leuten unterschätzt wird, wie schwer so ein Stand-up abzuliefern ist. Ein Comedian hat da sicherlich Vorteile.
Comedian Björn von Morgenstern

BIT-EMPFEHLUNG: Björn von Morgenstern: Oppas (2025)

Schönes Beispiel für outcalling bullshit in Stand-up-Comedy: Björn von Morgenstern dröselt den blöden Spruch „mit euch würde man keinen Krieg gewinnen“ auf und packt ihn in eine sehr gewählte Sportmetapher. Vom selber über die eigenen Witze Lachen bin ich zwar kein Fan, aber es passt zur Persona. Und wer weiß, vielleicht amüsiert er sich ja wirklich? Es wäre nix schlechtes.

  • Mangels Ansprechpartner:innen wendet man sich im Feuilleton gerne an den Quatsch Comedy Club, um wie die dpa zu eruieren: Was bewegt die Comedyszene gerade? Wer würde sich anmaßen, diese Frage allgemeingültig für Deutschland zu beantworten? Entsprechend hat man natürlich auch beim QCC Schwierigkeiten, der zwar auch erkennbar danach strebt, sich zu verjüngen, aber jetzt nicht unbedingt dafür bekannt war, comedytechnisch das Ohr am Puls der Zeit zu haben. „Politik ist als Thema nicht angesagt“, erklärt Gründer Thomas Hermanns. Und neue Comedians bezögen sich öfter auf ihre sehr persönlichen körperlichen oder auch psychischen Eigenarten oder Schwächen. Kann man so sagen.
  • Eine Reihe von US-Comedians ist in Verhandlungen für ein Comedyfestival im saudischen Riad.„Saudi Arabia is known for […] dictating on the offer sheet, per multiple agents, what cannot be said on topics like religion, sex and the Saudi royal family“, weiß Deadline. Mal sehen, wie Free-speech-Schwurbler wie Tom Segura oder Whitney Cummings das für sich veragumentiert kriegen. Aber wenns dann um hohe Gagen geht…
  • Oft gehört, nie verstanden, geschweige denn überhaupt gelesen, zumindest nicht von mir: Die Göttliche Komödie des italienischen Dichters Dante Alighieri. Wer einen niedrigschwelligen Einstieg sucht, wird beim Deutschlandfunk fündig. Immerhin ja doch die berühmteste Komödie aller Zeiten. Guter Titel, sowieso.
  • Der Deutschlandfunk ist es auch, der mit den Querköpfen eine Rubrik allein für Comedian-Porträts unterhält. Die ist nicht frei von Stilblüten (es stiftet schon mal ein Comedian das Publikum zu „zwechfellerschütternden Lachorgien“ an, oha) und sie bietet Comedians die Möglichkeit, sich unhinterfragt in einem guten Licht zu zeigen. Aber davon ab! Würde ich sie empfehlen.
  • „Comedy hat in den letzten Jahren unter dem woken Zeitgeist und selbstreferenzieller Sentimentalität gelitten“, bringt die Welt ihre Geschütze für den Kulturkampf in Stellung. Mir würden da noch ein paar andere Dinge einfallen, unter denen Comedy in den letzten Jahren gelitten hat. Aber gut. Der Autor Jörg Wimalasena rezensiert dann auf jeden Fall als erfrischendes Gegenbeispiel eine Show von Arena-Comedian Gabriel „Fluffy“ Iglesias. Joa, würde ich nicht unterschreiben. Aber der Artikel ist wesentlich klüger als sein dämlicher Teaser.

Schautipp: How Comedy Became a Dystopian Imperial Hell World

still aus dem video von elephant graveyard über joe rogan

Der Youtube-Kanal Elephant Graveyard führt selten, aber dann sehr tiefgehende Analysen der US-amerikanischen Podcast- und Comedylandschaft durch. In diesem 45-Minüter nähert er sich auf fast ethnologisch-wissenschaftliche (und damit sehr lustige) Weise dem Phänomen Joe Rogan. Der lakonische Tonfall und das angeführte Archivmaterial geben dem Video die Anmutung einer Doku oder von Live-Katastrophenberichterstattung. Hier geht’s zum Video

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