Yorick Thiede: Tannenecker Ouvertüre (2026)

Tannenecker Ouvertüre ist das erste Special des Comedians Yorick Thiede, aufgezeichnet im Hamburger Centralkomitee. Thematisch geht es lose um die Herkunft aus der schleswig-holsteinischen Provinz. Aber was der Comedian dabei nicht tut, ist, den Topos Dorf als Steinbruch und Vorwand für Comedy zu verwenden. Darum finden verschiedenste Bits Platz in dieser Show, zum Beispiel über Geisterkinder, Rasenmäherroboter oder Moderator Aiman Abdallah.

Das hat vordergründig mit dem Dorf nichts zu tun, standardmäßig würde man ja in Deutschland eher lustige Anekdoten über skurrile Gestalten und Traktoren erwarten. Thiede aber benutzt das Dorf nicht als Kulisse, vielmehr ist das Dorf bei ihm eine Art und Weise zu sein. Es geht nicht um das Dorf, sondern um die Weltsicht eines auf dem Dorf augewachsenen Menschen. Er selbst ist die thematische Klammer. Und weil er seine Herkunft immer mitreflektiert, bleibt er nicht bei gewöhnlichen „fish out of water“-Erzählungen stehen. Bei jedem plump-provinziellen Gedanken schwingt immer eine Ironie mit, ein „So sind sie, diese Leute vom Land. Oder?“ Um das zu schaffen, muss man das Dorf sehr genau kennen.

Thiede erzeugt eine ungemeine Dichte in seiner Erzählung. Es ist alles vollgepackt mit Anspielungen, Sätzen, Einsprengseln, Tangenten und dem ein oder anderen Metajoke über Comedyspecials, die allesamt fast beliebig wirken (großartig, der beiläufige Einwurf „Mein liebstes Genre Alte-Leute-Geschichten: countryside darkness“). Ein schmaler Grat, denn der Effekt eines kunstvoll aufgebauten Bits kann durch die kleinste störende Äußerung verpuffen.

Bei Thiede aber stört nichts. Nicht einmal ein vollkommen abstruser Ausbruch in einer Geschichte über ein Kaninchen („Das wurd‘ so richtig weggeballert…„). Es ist vielleicht das Absurdeste, was der Comedian an dieser Stelle sagen könnte. Aber es irritiert nicht, weil Thiede das Publikum eben auf seine Art zu denken, zu der diese Art von Absurditäten gehören, eingespurt hat. Details, Beobachtungen, kleine Randbemerkungen („aber wenn China nicht mitzieht, ist alles umsonst“) wirken zufällig, aber sind sorgsam gesetzt. Der Künstler behält die Kontrolle und lässt doch alles spielerisch aussehen, als würde sich einer selbst beim Sprechen zuhören und mal schauen, wo es ihn so hintreibt. Ein Ausweis der Mühe, die in das Arrangieren der Sätze und Worte geflossen sein muss.

Selten passiert es, dass es dann doch mal zu verkopft wird, wenn es mal gar zu absurd wird oder eine Überleitung zu gewollt gerät. Aber selbst dann gerät man nie in Gefahr, mal kurz abzuschalten. Man will beim Zusehen immer wissen, was nun als Nächstes kommt. Der Comedian schafft das, weil er mit sehr eigenen Gedanken aufwartet, mit ganz eigener Logik, die ihn organisch zu Sätzen führt wie „Es gibt ja keine moralisch verwerfliche Menge an Dildos“. Niemand sonst könnte diese Witze so machen.

Ich schaue Stand-up-Specials gerne in doppelter Geschwindigkeit. Denn, seien wir uns ehrlich, in den allermeisten Fällen entgeht einem ja nichts. Man muss nicht jeden „Sagt er zu mir“-Witz mit unnötiger Aufmerksamkeit adeln. Tannenecker Ouvertüre aber ist eines der Specials, das man in normaler Geschwindigkeit anhören muss und auch will.

Ouvertüre Tannenecker, 60 min, abrufbar auf Youtube

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